Amts­hil­fe für Gerich­te durch kos­ten­freie Akten­vor­le­gung

Die Ver­pflich­tung von Behör­den gegen­über Finanz- oder Ver­wal­tungs­ge­rich­ten zur kos­ten­frei­en Vor­le­gung ange­for­der­ter Urkun­den oder Akten gilt auch für voll staat­lich kon­trol­lier­te Rechts­trä­ger ande­rer Rechts­form und ent­spricht dem Grund­recht auf effek­ti­ven Rechts­schutz aus Art.19 Abs. 4 GG und der danach gewähr­ten umfas­sen­den gericht­li­chen Nach­prüf­bar­keit des Ver­wal­tungs­han­delns.

Amts­hil­fe für Gerich­te durch kos­ten­freie Akten­vor­le­gung

Behör­den sind im Finanz­pro­zess nach § 86 FGO eben­so wie im Ver­wal­tungs­pro­zess nach § 99 VwGO gegen­über den Gerich­ten zur Vor­la­ge ange­for­der­ter Urkun­den und Akten, zur Über­mitt­lung elek­tro­ni­scher Doku­men­te und zu Aus­künf­ten ver­pflich­tet, soweit kein im Gesetz genann­ter Geheim­hal­tungs­grund vor­liegt.

Die­se Ver­pflich­tung erstreckt sich im Übri­gen auf alle ange­for­der­ten Ori­gi­nal-Unter­la­gen oder voll­stän­di­gen Akten ein­schließ­lich Arbeits- und Hand­ak­ten, Son­der- und Anla­gen­bän­den und trifft in allen gericht­li­chen Instan­zen alle deut­schen Behör­den ohne Rück­sicht auf ihre Stel­lung im Rechts­streit 1; das gilt auch für voll staat­lich kon­trol­lier­te Rechts­trä­ger ande­rer Rechts­form 2.

Es ist Sache des für die Ent­schei­dung über den jewei­li­gen Rechts­streit beru­fe­nen Gerichts, dar­über zu befin­den, wel­che Urkun­den, Akten, Doku­men­te und Aus­künf­te zur Auf­klä­rung der Sache not­wen­dig sind 3.

Dabei kommt es hier nicht auf Unter­schie­de in ande­ren Pro­zess­ord­nun­gen an 4.

Die Ver­pflich­tung aller Behör­den zur Vor­la­ge von Urkun­den oder Akten und zu Aus­künf­ten nach § 86 FGO und § 99 VwGO gegen­über den Gerich­ten ent­spricht dem Grund­recht auf effek­ti­ven Rechts­schutz aus Art.19 Abs. 4 GG im Rechts­staat gemäß Art.20 GG und der danach gewähr­ten umfas­sen­den gericht­li­chen Nach­prüf­bar­keit des Ver­wal­tungs­han­delns in Ver­bin­dung mit dem recht­li­chen Gehör aus Art. 103 Abs. 1 GG 5.

Dem Zweck der Vor­schrift ent­spre­chend, dem Gericht eine voll­stän­di­ge Sach­auf­klä­rung zu ermög­li­chen, ist der Begriff der Urkun­de weit aus­zu­le­gen und erfasst sämt­li­che ver­kör­per­te Gedan­ken­er­klä­run­gen, z. B. auch Com­pu­ter­da­tei-Aus­dru­cke, Foto­ko­pi­en, Tele­fa­xe, Gut­ach­ten oder Augen­scheins­ob­jek­te 6.

Die nach § 86 FGO oder § 99 VwGO ange­for­der­ten Unter­la­gen hat die Behör­de dem anfor­dern­den Gericht kos­ten­frei zu über­sen­den, ins­be­son­de­re ohne Berech­nung von Benut­zungs- oder Ver­wal­tungs­ge­büh­ren 7, so dass Kos­ten nur für zusätz­lich von den Betei­lig­ten – anstel­le blo­ßer Ein­sicht­nah­me – erbe­te­ne Abschrif­ten anfal­len kön­nen 8.

Der Kos­ten­frei­heit der Über­sen­dung ange­for­der­ter Akten oder Unter­la­gen ent­spre­chend gehört es zum all­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­auf­wand i. S. v. Art. 104a Abs. 1 und Abs. 5 GG, eine Behör­den­ak­te anzu­le­gen und sie bei Bedarf in einem gericht­li­chen Ver­fah­ren vor­zu­le­gen. Inso­weit gilt nichts ande­res als bei einer Betei­li­gung der Behör­de am Rechts­streit und ihren dabei ent­ste­hen­den all­ge­mei­nen Kos­ten ein­schließ­lich Retent-Kopie­kos­ten nach Ori­gi­nal-Über­sen­dung 9.

Die Kos­ten­frei­heit der gericht­li­chen Anfor­de­rung nach § 86 FGO oder § 99 VwGO ent­spricht inso­weit zugleich dem all­ge­mei­nen Grund­satz der Kos­ten­frei­heit aus Art. 104a Abs. 1, 5 GG auch bei der hier nicht ein­schlä­gi­gen Amts­hil­fe für Behör­den gemäß §§ 4 ff., § 8 Abs. 1 Satz 1 und 3 VwVfG bzw. §§ 4 ff., § 8 Abs. 1 Satz 1 HmbV­wVfG 10.

So umfasst die Amts­hil­fe für Gerich­te nach § 13 FGO oder § 14 VwGO auch die Über­sen­dung der gericht­lich ange­for­der­ten Akten, Unter­la­gen oder Aus­künf­te gemäß § 86 FGO oder § 99 VwGO 11.

Im Übri­gen unter­schei­det sich das Ver­hält­nis bei der Amts­hil­fe für Gerich­te – wie bei der Rechts­hil­fe – grund­le­gend von der Amts­hil­fe zwi­schen Behör­den. Denn anders als die­se unter­lie­gen die Finanz- und Ver­wal­tungs­ge­rich­te der ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­ten Pflicht, effek­ti­ven Rechts­schutz zu gewähr­leis­ten, der höhe­re Anfor­de­run­gen an die Amts­er­mitt­lung stellt. Dem tra­gen die FGO und VwGO dadurch Rech­nung, dass sie auf Kos­ten­er­stat­tungs­re­ge­lun­gen für die Über­sen­dung von Urkun­den und Akten sowie für die Ertei­lung amt­li­cher Aus­künf­te ver­zich­ten 12.

Nicht zu ent­schei­den ist hier über wei­ter­ge­hen­de Amts­hil­fe für Gerich­te gemäß § 13 FGO oder § 14 VwGO – etwa durch Zur­ver­fü­gung­stel­lung eines Orts­ter­min-Sit­zungs­raums oder Pro­to­koll­füh­rers – 13 und über die dar­auf bezo­ge­ne Fra­ge einer ent­spre­chen­den Anwen­dung von § 8 VwVfG 14; Fun­ke-Kai­ser in Bader/​Ronellenfitsch, VwVfG, § 8 Rz. 5 ff., 10; Stelkens/​Panzer in Schoch­/­Schmidt-Aßman­n/Pietz­ner, VwGO, § 14 Rz. 14)) oder des JVEG 15.

Fer­ner ist die Anfor­de­rung von Unter­la­gen, Akten oder Aus­künf­ten nach § 86 FGO oder § 99 VwGO als kos­ten­freie Amts­hil­fe für Gerich­te zu unter­schei­den von Amts­hil­fe oder Amts­hand­lun­gen für Behör­den mit den dor­ti­gen – hier nicht vor­lie­gen­den – Fäl­len

Dabei setzt in die­sen Fäl­len die Kos­ten­er­stat­tung durch die ersu­chen­de Behör­de eine dar­auf gegen letz­te­re gerich­te­te Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge der ersuch­ten Behör­de vor­aus 21.

Finanz­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 26. Mai 2014 – 3 K 198/​13

  1. vgl. OVG Bran­den­burg, Beschluss vom 22.01.2004 – 1 B 338/​03; BFH, Beschluss vom 07.05.2001 – VII B 199/​00, HFR 2001, 1045, BFH/​NV 2001, 1366; Koch in Grä­ber, FGO, 7. A., § 86 Rz. 4[]
  2. Lang in Sodan/​Ziekow, VwGO, 3. A., § 99 Rz. 10 ff., 14, 17 f.[]
  3. BVerwG, Beschluss vom 15.08.2003 20 F 8/​03, NVwZ 2004, 105; Schall­mo­ser in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, AO/​FGO, § 86 FGO Rz. 28; Lang in Sodan/​Ziekow, VwGO, 3. A., § 99 Rz. 10 ff., 15 f.[]
  4. zu § 120 SGG vgl. LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 02.03.2011 L 18 AS 2267/​10 B, Juris; zu §§ 142, 273, 358a, 432, 428 ff. ZPO, Art. 35, 20 GG vgl. BVerwG, Urteil vom 23.08.1968 – IV C 235.65, BVerw­GE 30, 154, DÖV 1968, 836[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 27.10.1999 1 BvR 385/​90, BVerfGE 101, 106, EuGRZ 2000; Rudi­si­le in Schoch­/­Schmidt-Aßman­n/Pietz­ner, VwGO, § 99 Rz. 4; Lang in Sodan/​Ziekow, VwGO, 3. A., § 99 Rz. 7; Seer in Tipke/​Kruse, AO/​FGO, § 86 FGO Rz. 1, 4[]
  6. Stie­pel in Beermann/​Gosch, AO/​FGO, § 86 FGO Rz. 15; Lang in Sodan/​Ziekow, VwGO, 3. A., § 99 Rz. 10 ff., 14[]
  7. z. B. nach Hmb. GebG oder GebO­Verm, vgl. § 4 Satz 3 HmbG­DIG[]
  8. VG Ans­bach, Beschluss vom 10.07.2007 AN 2 E 0.610634, Juris[]
  9. Hes­si­scher VGH, Beschluss vom 08.10.1987 3 S 2317/​87 mit zahlr. Nachw.; vgl. OVG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 14.03.1984 6 B 986/​83; zum all­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­auf­wand vgl. fer­ner Hes­si­scher VGH, Urteil vom 24.11.1989 7 UE 2828/​84, DB 1990, 944[]
  10. vgl. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 24.05.2012 – I-10 W 6/​12, 10 W, Jur­Bü­ro 2012, 597; OLG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 28.04.2009 – 1 Ws 92/​09, NStZ-RR 2009, 296; Thü­rin­ger OLG, Beschluss vom 18.02.2008 – 1 Ws 333/​07, Jur­Bü­ro 2008, 602; LG Mei­nin­gen, Beschluss vom 23.01.2008 – 2 Qs 2/​08, Juris; Bran­den­bur­gi­sches OLG, Beschluss vom 08.02.2007 – 1 Ws 209/​06, JMBl BB 2007, 114; VG Lüne­burg, Beschluss vom 04.01.2007 – 10 E 1/​06; LG Neu­rup­pin, Beschluss vom 29.06.2006 – 12 Qs 13/​06; LG Frei­burg, Beschluss vom 14.10.2002 – 4 T 212/​02; Thü­rin­ger LSG, Beschluss vom 12.04.1999 – L 6 B 27/​98 SF, Breith 1999, 657; LAG Nürn­berg, Beschluss vom 31.01.1996 – 5 Ta 159/​95; Schlies­ky in Knack/​Henneke, VwVfG, 9. A., § 8 Rz. 8; Gers­dorf in Posser/​Wolf, VwGO, 2. A., § 14 Rz. 7; Schmitz in Stelkens/​Bonk/​Sachs, VwVfG, 8. A., § 8 Rz. 7[]
  11. vgl. BVerwG, Urteil vom 23.08.1968 – IV C 235.65, BVerw­GE 30, 154, DÖV 1968, 836; Kopp/​Schenke, VwGO, 19. A., § 14 Rz. 1; Redeker/​von Oert­zen, VwGO, 15. A., § 99 Rz. 2[]
  12. Gei­ger in Eyermann/​Fröhler, VwGO, 13. A., § 14 Rz. 14; vgl. Kopp/​Schenke, VwGO, 19. A., § 14 Rz. 4[]
  13. vgl. Mül­ler-Horn in Beermann/​Gosch, AO/​FGO, § 13 FGO Rz. 5; Koch in Grä­ber, FGO, 7. A., § 14 Rz. 3; Bran­dis in Tipke/​Kruse, AO/​FGO, § 13 FGO Rz. 4[]
  14. vgl. Fun­ke-Kai­ser in Bader u. a., VwGO, 5. A., § 14 Rz. 7, 14[]
  15. vgl. Hans. OLG Ham­burg, Beschluss vom 04.12.1986, NJW 1987, 1095; Kopp/​Schenke, VwGO, 19. A., § 14 Rz. 4; Schlies­ky in Knack/​Henneke, VwVfG, 9. A., § 8 Rz. 4; Zie­kow, VwVfG, 3. A., § 8 Rz. 3[]
  16. vgl. VG Düs­sel­dorf, Urteil vom 07.10.2011 – 24 K 3330/​11; VG Arns­berg, Urteil vom 11.11.2010 – 11 K 3888/​09; VG Hal­le, Urteil vom 02.02.2010 – 1 A 71/​09; Thü­rin­ger OVG, Urteil vom 23.05.2007 – 1 KO 1299/​05; BayVGH, Urtei­le vom 02.04.2003 – 4 ZB 01.2981, KKZ 2003, 128; und vom 20.07.1993 – 5 B 92.3624, BayVBl 1994, 243; VG Mün­chen, Urteil vom 16.12.1999 – M 29 K 99.1991, NVwZ-RR 2000, 742; Schlies­ky in Knack/​Henneke, VwVfG, 9. A., § 8 Rz. 9[]
  17. bzw. "indi­vi­du­ell zure­chen­ba­ren Leis­tung" i. S. d. BGe­bG[]
  18. vgl. BayVGH, Urteil vom 04.06.2013 – 5 B 11.2412; vor­ge­hend VG Augs­burg, Urteil vom 13.10.2010 – Au 6 K 10.209; AG Augs­burg, Beschluss vom 30.03.2007 – 91 M 5173/​05, DGVZ 2007, 95; AG Osna­brück, Beschluss vom 09.06.1995 – 9 AU 722/​95, Nds­RPfl 1995, 353; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 17.05.1989 – 11 W 59/​89, Jus­tiz 1989, 353; Hoff­mann in Ober­may­er/­Fun­ke-Kai­ser, VwVfG, 4. A., § 8 Rz. 2[]
  19. vgl. VG Gera, Urteil vom 29.03.2007 – 5 K 270/​05 GE, 5 K 270/​05, ThürVBl 2008, 22[]
  20. vgl. VG Schwe­rin, Urteil vom 10.12.2010 – 7 A 706/​10; OVG Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Urteil vom 14.05.2008 1 L 166/​05, Nor­dÖR 2008, 364; VG Frank­furt, Urteil vom 13.02.2007 – 1 K 913/​05; BVerwG, Urteil vom 21.06.2006 – 8 C 12/​05; Hess. VGH, Urteil vom 13.03.1991 – 5 UE 1719/​87, DVBl 1991, 1364; VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 16.07.1985 14 S 227/​84[]
  21. vgl. VG Han­no­ver, Urteil vom 24.09.2009 – 10 A 2071/​08; BayVGH, Urteil vom 25.01.2007 – 4 BV 04.3156, DÖV 2007, 345; Kopp/​Ramsauer, VwVfG, 14. A., § 8 Rz. 12[]
  22. AG Eus­kir­chen, Urteil vom 19.03.2013 – 17 C 160/​12[]