Anfor­de­run­gen an die Fris­ten­kon­trol­le im Finanz­amt

Nach § 56 Abs. 1 FGO ist einem Betei­lig­ten auf Antrag Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren, wenn er ohne Ver­schul­den ver­hin­dert war, eine gesetz­li­che Frist ein­zu­hal­ten. Dabei schließt jedes Ver­schul­den, also auch ein­fa­che Fahr­läs­sig­keit, die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand aus 1.

Anfor­de­run­gen an die Fris­ten­kon­trol­le im Finanz­amt

Bei der Beur­tei­lung, ob eine Behör­de sich die Ver­säu­mung einer gesetz­li­chen Frist als schuld­haft anrech­nen las­sen muss, gel­ten grund­sätz­lich die glei­chen Maß­stä­be, wie sie die Recht­spre­chung für das Ver­schul­den von Ange­hö­ri­gen der rechts- und steu­er­be­ra­ten­den Beru­fe ent­wi­ckelt hat 2. Das Ver­schul­den eines gesetz­li­chen Ver­tre­ters oder Bevoll­mäch­tig­ten steht somit dem eige­nen Ver­schul­den des Finanz­amt gleich 3. Die für die Bear­bei­tung von Rechts­mit­teln zustän­di­gen Beschäf­tig­ten des Finanz­amt, die die Befä­hi­gung zum Rich­ter­amt haben und daher gemäß § 62 Abs. 4 Satz 4 FGO zur Ver­tre­tung des Finanz­amt vor dem BFH berech­tigt sind, haben dabei zumin­dest die Stel­lung eines Bevoll­mäch­tig­ten inne 4.

Die Tat­sa­chen zur Begrün­dung des Antrags auf Wie­der­ein­set­zung müs­sen inner­halb der in § 56 Abs. 2 Satz 1 FGO bestimm­ten Frist voll­stän­dig, sub­stan­ti­iert und in sich schlüs­sig dar­ge­legt wer­den 5. Sie müs­sen fer­ner bei der Antrag­stel­lung oder im Ver­fah­ren über den Antrag glaub­haft gemacht wer­den (§ 56 Abs. 2 Satz 2 FGO).

Stellt ein Finanz­amt den Antrag, muss es vor­tra­gen, wel­che Maß­nah­men zur Über­wa­chung der Ein­hal­tung der Fris­ten im Amts­be­trieb getrof­fen sind. Dabei ist zu beach­ten, dass eben­so wie ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter auch der Vor­ste­her des Finanz­amt ver­pflich­tet ist, ein Fris­ten­kon­troll­buch (oder einen elek­tro­ni­schen Fris­ten­ka­len­der, vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2014, 567) zu füh­ren, in dem jeg­li­che Fris­ten, u.a. auch die Fris­ten zur Ein­le­gung und Begrün­dung von Rechts­mit­teln, zu ver­mer­ken sind 6.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen für die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand sind im Streit­fall nicht erfüllt.

Zur Begrün­dung des Antrags vom 15.05.2014 auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand bringt das Finanz­amt vor, die für die Bear­bei­tung der Beschwer­de zustän­di­ge Bediens­te­te (B), die gemäß § 62 Abs. 4 FGO zur Ver­tre­tung vor dem BFH berech­tigt sei, habe das Datum, zu dem die Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de spä­tes­tens dem Bun­des­fi­nanz­hof vor­lie­gen müs­se, auf­grund eines Ver­se­hens feh­ler­haft in ihren Kalen­der ein­ge­tra­gen. Sie habe die Ein­tra­gung ver­se­hent­lich für eine fal­sche Woche (Über­blät­tern der rich­ti­gen Woche) vor­ge­nom­men. Es habe sich dabei um einen rein manu­el­len Über­tra­gungs­feh­ler gehan­delt. Auf die Frist­ver­säum­nis sei sie durch den Hin­weis des Bun­des­fi­nanz­hofs auf­merk­sam gewor­den.

Aus die­ser Begrün­dung des Antrags geht nicht sub­stan­ti­iert und in sich schlüs­sig her­vor, dass die Vor­aus­set­zun­gen für eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand erfüllt sind. Die Ein­tra­gung von Fris­ten in die Kalen­der der jewei­li­gen zur Ver­tre­tung des Finanz­amt vor dem Bun­des­fi­nanz­hof berech­tig­ten Beschäf­tig­ten des Finanz­amt kann die Füh­rung eines Fris­ten­kon­troll­buchs oder elek­tro­ni­schen Fris­ten­ka­len­ders durch den Vor­ste­her des Finanz­amt nicht erset­zen. Beschäf­tig­te des Finanz­amt, die zur Ver­tre­tung des Finanz­amt vor dem BFH berech­tigt sind und dem­ge­mäß die Befä­hi­gung zum Rich­ter­amt haben (§ 62 Abs. 4 Satz 4 FGO), han­deln zudem fahr­läs­sig, wenn sie bei der Ein­tra­gung von Fris­ten in ihre Kalen­der nicht dar­auf ach­ten, für wel­chen Tag sie die Ein­tra­gung vor­neh­men. Davon abge­se­hen ist der Vor­trag des Finanz­amt auch inso­fern unsub­stan­ti­iert und unschlüs­sig, als das Finanz­amt nicht mit­ge­teilt hat, an wel­chem Tag die Frist nach der vor­ge­nom­me­nen Berech­nung enden soll­te, von wel­cher Unter­la­ge B die Frist in den Kalen­der über­tra­gen hat und wel­chen Tag sie als Fris­ten­de in dem Kalen­der notiert hat. Ablich­tun­gen die­ser Unter­la­gen hat das Finanz­amt eben­falls nicht vor­ge­legt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 16. Sep­tem­ber 2014 – II B 46/​14

  1. BFH, Beschlüs­se vom 09.01.2014 – X R 14/​13, BFH/​NV 2014, 567, Rz 11; und vom 26.02.2014 – IX R 41/​13, BFH/​NV 2014, 881, Rz 10, je m.w.N.[]
  2. BFH, Beschlüs­se vom 20.08.2012 – I R 9/​12, BFH/​NV 2013, 47, Rz 10; vom 06.11.2012 – VIII R 40/​10, BFH/​NV 2013, 397, Rz 7; und vom 14.05.2013 – IV R 24/​10, BFH/​NV 2013, 1251, Rz 24, je m.w.N.[]
  3. BFH, Urteil vom 12.05.1992 – VII R 38/​91, BFH/​NV 1993, 6; BFH, Beschluss in BFH/​NV 2013, 397, Rz 7[]
  4. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 1993, 6[]
  5. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 13.09.2012 – XI R 13/​12, BFH/​NV 2013, 60, Rz 13, 19; und vom 28.03.2014 – IX B 115/​13, BFH/​NV 2014, 896, Rz 4[]
  6. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2013, 397, Rz 8 f., m.w.N.[]