Anhö­rungs­rü­ge – wegen fal­scher Entscheidung

Mit dem Vor­brin­gen, das Gericht habe in der Sache feh­ler­haft ent­schie­den, kann der Rüge­füh­rer im Ver­fah­ren der Anhö­rungs­rü­ge nicht gehört werden.

Anhö­rungs­rü­ge – wegen fal­scher Entscheidung

Gemäß § 133a Abs. 1 Satz 1 FGO ist auf die Rüge eines durch eine gericht­li­che Ent­schei­dung beschwer­ten Betei­lig­ten das Ver­fah­ren fort­zu­füh­ren, wenn ein Rechts­mit­tel oder ein ande­rer Rechts­be­helf gegen die Ent­schei­dung nicht gege­ben ist und das Gericht den Anspruch die­ses Betei­lig­ten auf recht­li­ches Gehör in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se ver­letzt hat. Die Anhö­rungs­rü­ge ist auf die Gel­tend­ma­chung der Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs beschränkt [1].

Die Rüge muss das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen der Anhö­rungs­rü­ge dar­le­gen (§ 133a Abs. 2 Satz 5 FGO). Dazu muss ein Rüge­füh­rer schlüs­sig und sub­stan­ti­iert dar­le­gen, zu wel­chen Sach- oder Rechts­fra­gen er sich im rechts­kräf­tig abge­schlos­se­nen Ver­fah­ren nicht habe äußern kön­nen, wel­ches ent­schei­dungs­er­heb­li­che Vor­brin­gen in die­sem Ver­fah­ren das Gericht unter Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 des Grund­ge­set­zes (GG) nicht zur Kennt­nis genom­men oder in Erwä­gung gezo­gen habe und wor­aus der Rüge­füh­rer dies meint fol­gern zu kön­nen [2]. Zudem muss er u.a. vor­tra­gen, inwie­fern dadurch die mit der Anhö­rungs­rü­ge ange­foch­te­ne Ent­schei­dung ‑auf der Grund­la­ge der mate­ri­ell-recht­li­chen Auf­fas­sung des Gerichts- anders hät­te aus­fal­len kön­nen [3]. Ins­be­son­de­re genü­gen Aus­füh­run­gen, die sich im Wesent­li­chen gegen die inhalt­li­che Rich­tig­keit der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung wen­den, ohne im Übri­gen eine Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör sub­stan­ti­iert dar­zu­le­gen, nicht [4].

Der Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG und § 96 Abs. 2 FGO) ver­langt von dem Gericht vor­nehm­lich, dass es die Betei­lig­ten über den Ver­fah­rens­stoff infor­miert, ihnen Gele­gen­heit zur Äuße­rung gibt, ihre Aus­füh­run­gen sowie Anträ­ge zur Kennt­nis nimmt und bei sei­ner Ent­schei­dung in Erwä­gung zieht. Grund­sätz­lich ist davon aus­zu­ge­hen, dass das Gericht das von ihm ent­ge­gen­ge­nom­me­ne Vor­brin­gen eines Betei­lig­ten auch zur Kennt­nis genom­men und in Erwä­gung gezo­gen hat, zumal es nach Art. 103 Abs. 1 GG nicht ver­pflich­tet ist, sich mit jedem Vor­brin­gen in der Begrün­dung sei­ner Ent­schei­dung aus­drück­lich zu befas­sen [5]. Ein Anspruch dar­auf, dass das Gericht einen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten „erhört“, sich sei­nen recht­li­chen Ansich­ten oder sei­ner Sach­ver­halts­wür­di­gung anschließt, ergibt sich hin­ge­gen aus dem Anspruch auf Gewäh­rung des recht­li­chen Gehörs nicht [6].

Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör ist erst dann ver­letzt, wenn sich aus den beson­de­ren Umstän­den des Ein­zel­falls deut­lich ergibt, dass das Gericht Vor­brin­gen ent­we­der über­haupt nicht zur Kennt­nis genom­men oder doch bei sei­ner Ent­schei­dung ersicht­lich nicht in Erwä­gung gezo­gen hat [7].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 30. Juni 2020 – XI S 11/​20

  1. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 02.08.2007 – XI S 9/​07, BFH/​NV 2007, 2308; vom 13.11.2012 – V S 11/​12, BFH/​NV 2013, 237; vom 13.12.2013 – X S 48/​13, BFH/​NV 2014, 552[]
  2. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 26.03.2014 – XI S 1/​14, BFH/​NV 2014, 1071, Rz 7; vom 25.02.2016 – VII S 26/​15, BFH/​NV 2016, 775, Rz 3[]
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 07.02.2011 – XI S 29/​10, BFH/​NV 2011, 824, Rz 10[]
  4. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 22.04.2013 – IX S 8/​13, BFH/​NV 2013, 1244, Rz 3; vom 11.09.2013 – I S 14, 15/​13, BFH/​NV 2014, 50, Rz 7[]
  5. vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 11.02.2011 – XI S 1/​11, BFH/​NV 2011, 829; Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 25.01.2014 – 1 BvR 1126/​11, Höchst­rich­ter­li­che Finanz­recht­spre­chung ‑HFR- 2014, 441, Rz 29[]
  6. BFH, Beschlüs­se vom 27.04.2015 – X B 47/​15, BFH/​NV 2015, 1356, Rz 9; vom 12.08.2015 – III B 50/​15, BFH/​NV 2015, 1670, Rz 15; BFH, Urteil vom 16.04.2015 – IV R 44/​12, BFH/​NV 2015, 1085, Rz 25[]
  7. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2011, 824; vom 10.09.2014 – IX S 10/​14, BFH/​NV 2015, 47[]

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