Auf­he­bung des Ver­hand­lungs­ter­mins – wegen Erkran­kung – und das fai­re Ver­fah­ren

Nach § 155 FGO i.V.m. § 227 ZPO kann das Finanz­ge­richt aus erheb­li­chen Grün­den einen Ter­min auf­he­ben oder ver­le­gen. Die­se erheb­li­chen Grün­de sind auf Ver­lan­gen glaub­haft zu machen (§ 227 Abs. 2 ZPO). Wenn erheb­li­che Grün­de vor­lie­gen, ver­dich­tet sich das Ermes­sen des Finanz­ge­richt zu einer Rechts­pflicht und muss der Ter­min zur Gewähr­leis­tung des recht­li­chen Gehörs ver­legt wer­den, selbst wenn das Gericht die Sache für ent­schei­dungs­reif hält und die Erle­di­gung des Rechts­streits ver­zö­gert wird.

Auf­he­bung des Ver­hand­lungs­ter­mins – wegen Erkran­kung – und das fai­re Ver­fah­ren

Der durch Art. 103 Abs. 1 GG ver­fas­sungs­recht­lich gesi­cher­te Anspruch des Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten auf recht­li­ches Gehör ver­pflich­tet das Finanz­ge­richt, einen Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung auf Antrag auf­zu­he­ben oder zu ver­le­gen, wenn dafür nach den Umstän­den des Falls, ins­be­son­de­re dem Pro­zess­stoff oder den per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen des Betei­lig­ten bzw. sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten erheb­li­che Grün­de vor­lie­gen.

Bei der Prü­fung der Grün­de muss das Finanz­ge­richt zuguns­ten des Betei­lig­ten berück­sich­ti­gen, dass es ein­zi­ge Tat­sa­chen­in­stanz ist und der Betei­lig­te ein Recht hat, sei­ne Sache in der münd­li­chen Ver­hand­lung zu ver­tre­ten 1.

In den hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fäl­len hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin durch Vor­la­ge der fach­ärzt­li­chen Attes­te einen erheb­li­chen Grund zur Ter­mins­auf­he­bung glaub­haft gemacht. Die Attes­te legen nahe, dass die Klä­ge­rin zu dem Zeit­punkt, in dem das Finanz­ge­richt sie mit den Schrei­ben vom 20.07.2015 zur Ergän­zung ihres Vor­trags auf­ge­for­dert hat, aus gesund­heit­li­chen Grün­den (sta­tio­nä­re Unter­brin­gung aus psy­chi­schen Grün­den vom 10.06.bis 7.08.2015) nicht in der Lage gewe­sen ist, sich mit der gericht­li­chen Auf­for­de­rung zu befas­sen oder mit einem Bevoll­mäch­tig­ten in der Wei­se zu kom­mu­ni­zie­ren, dass die­sem ein fun­dier­ter Vor­trag mög­lich ist und dass sich an die­sem Zustand bis zur münd­li­chen Ver­hand­lung nichts Wesent­li­ches geän­dert hat. In einem sol­chen Fall gebie­tet es der Grund­satz recht­li­chen Gehörs, dass sich das Gericht, z.B. durch Anhö­rung des behan­deln­den Arz­tes oder ggf. eines Amts­arz­tes, ein genaue­res Bild von Art und Inten­si­tät der gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gung ver­schafft. Denn ohne eine genaue­re Kennt­nis von der Art und Inten­si­tät der Erkran­kung lässt sich nicht beur­tei­len, ob eine Ver­ta­gung zweck­mä­ßig sein kann ‑z.B. weil eine Sta­bi­li­sie­rung des Gesund­heits­zu­stands in einem ver­tret­ba­ren Zeit­rah­men vor­stell­bar ist- oder ob auf unab­seh­ba­re Zeit mit einer Mit­wir­kung der Klä­ge­rin an der Auf­klä­rung des Sach­ver­halts nicht gerech­net wer­den kann.

An die­ser Beur­tei­lung ändert es nichts, dass die Klä­ge­rin in der Ver­gan­gen­heit offen­kun­dig ihren steu­er­li­chen Mit­wir­kungs­pflich­ten nicht voll­stän­dig nach­ge­kom­men ist und das Finanz­amt des­halb gehal­ten war, die ange­foch­te­nen Beschei­de auf der Grund­la­ge von Schät­zun­gen zu erlas­sen und dass die Klä­ge­rin im Ver­fah­ren des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes bereits per­sön­lich ange­hört wor­den ist. Denn das Finanz­ge­richt hat mit dem Schrei­ben des Bericht­erstat­ters vom 20.07.2015 der Klä­ge­rin (letzt­mals) Gele­gen­heit geben wol­len, ihren Sach­vor­trag anhand der mit­ge­teil­ten rich­ter­li­chen Beur­tei­lung des Sach- und Streit­stands ‑der mit den spä­te­ren Begrün­dun­gen der ange­foch­te­nen Urtei­le im Wesent­li­chen deckungs­gleich ist- zu ergän­zen. Waren aber weder die Klä­ge­rin per­sön­lich (aus gesund­heit­li­chen Grün­den) noch der bestell­te Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te wegen feh­len­der Mög­lich­keit zur fach­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Klä­ge­rin) in der Lage, die­se Gele­gen­heit wahr­zu­neh­men, hät­te das Finanz­ge­richt auch unter dem Gesichts­punkt des fai­ren Ver­fah­rens 2 prü­fen müs­sen, ob es sich dabei um ein nur vor­über­ge­hen­des Hin­der­nis han­delt.

Aus die­sem Grund spielt es im Streit­fall auch kei­ne Rol­le, dass die Klä­ge­rin vom Finanz­ge­richt nicht per­sön­lich zu der münd­li­chen Ver­hand­lung gela­den wor­den ist und dass sie dort durch einen Rechts­an­walt ver­tre­ten war. Denn anders als in den vom Finanz­ge­richt 3 in Bezug genom­me­nen Fäl­len 4 geht es hier nicht nur um die Anwe­sen­heit der Klä­ge­rin im Sit­zungs­ter­min, son­dern auch um die Reak­ti­ons­mög­lich­keit auf eine zuvor ergan­ge­ne rich­ter­li­che Hin­weis- und Auf­la­gen­ver­fü­gung.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 28. Novem­ber 2016 – I B 16 – 17/​16

  1. BFH, Beschlüs­se vom 19.10.2012 – VII B 79/​12, BFH/​NV 2013, 225; vom 13.09.2013 – IX B 63/​13, BFH/​NV 2014, 53[]
  2. dazu z.B. BVerfG, Beschluss vom 18.07.2013 – 1 BvR 1623/​11, NJW 2014, 205[]
  3. FG Düs­sel­dorf, Urtei­le vom 09.12.2015 – 4 K 3935/​15 E, G, F und 4 K 3934/​15 E, AO[]
  4. BFH, Beschlüs­se vom 28.09.2006 – V B 69/​05, – V B 76/​05, BFH/​NV 2007, 250; vom 12.08.2008 – VII B 101/​08; s.a. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2014, 53; und vom 14.08.2014 – X B 174/​13, BFH/​NV 2014, 1725[]