Auslegung eines Steuerbescheides

Ob eine als Verwaltungsakt i.S. von § 118 Satz 1 AO zu qualifizierende Regelung vorliegt und welchen Regelungsinhalt ein Verwaltungsakt hat, ist über den bloßen Wortlaut hinaus im Wege der Auslegung zu ermitteln, wobei die §§ 133, 157 BGB auch für öffentlich-rechtliche Willensbekundungen geltende Auslegungsregeln enthalten. Entscheidend ist danach, wie der Betroffene nach den ihm bekannten Umständen –nach seinem “objektiven Verständnishorizont”1– den materiellen Gehalt der Erklärung unter Berücksichtigung von Treu und Glauben verstehen konnte2.

Auslegung eines Steuerbescheides

Bei der Auslegung eines Verwaltungsaktes kommt es somit nicht darauf an, was die Finanzbehörde mit ihrer Erklärung gewollt hat3. Es kommt auch nicht darauf an, wie ein außenstehender Dritter die Erklärung der Behörde auffassen konnte bzw. musste4. Weil der Verwaltungsakt nur mit dem bekannt gegebenen Inhalt wirksam wird (vgl. § 124 Abs. 1 Satz 2 AO), muss aber die Auslegung zumindest einen Anhalt in der bekannt gegebenen Regelung haben5. Maßgebend sind deshalb auch nicht die erst nach Bekanntgabe des Verwaltungsaktes zutage tretenden Umstände6. Im Zweifel ist das den Betroffenen weniger belastende Auslegungsergebnis vorzuziehen, da er als Empfänger einer auslegungsbedürftigen Willenserklärung der Verwaltung durch etwaige Unklarheiten aus deren Sphäre nicht benachteiligt werden darf7.

Zur Auslegung ist auch das Revisionsgericht befugt, wenn die tatsächlichen Feststellungen des Finanzgericht hierfür ausreichen8. Der Bundesfinanzhof ist nicht an die Auslegung eines Feststellungsbescheids durch das Finanzgericht gebunden. Die Frage, welchen Inhalt ein Verwaltungsakt hat, ist vom Revisionsgericht vielmehr in eigener Zuständigkeit zu beantworten und ggf. zu korrigieren7.

Bundesfinanzhof, Urteil vom 10. Mai 2012 – IV R 34/09

  1. vgl. BFH, Urteil vom 08.11.1995 – V R 64/94, BFHE 179, 211, BStBl II 1996, 256 []
  2. BFH, Urteile vom 18.04.1991 – IV R 127/89, BFHE 164, 185, BStBl II 1991, 675; und vom 11.07.2006 – VIII R 10/05, BFHE 214, 18, BStBl II 2007, 96 []
  3. BFH, Urteil vom 11.05.1999 – IX R 72/96, BFH/NV 1999, 1446 []
  4. BFH, Urteil vom 30.09.1988 – III R 218/84, BFH/NV 1989, 749 []
  5. vgl. BFH, Urteile vom 28.11.1985 – IV R 178/83, BFHE 145, 226, BStBl II 1986, 293, und in BFHE 214, 18, BStBl II 2007, 96; BFH, Beschluss vom 16.03.2001 – IV B 17/00, BFH/NV 2001, 1103 []
  6. BFH, Urteil vom 04.10.1988 – VIII R 161/84, BFH/NV 1989, 758 []
  7. BFH, Urteil in BFHE 214, 18, BStBl II 2007, 96 [] []
  8. vgl. BFH, Urteil vom 27.11.1996 – X R 20/95, BFHE 183, 348, BStBl II 1997, 791 []