Aus­set­zung der Voll­zie­hung und die viel­leicht ver­fas­sungs­wid­ri­ge Besteue­rungs­norm

Der Bun­des­fi­nanz­hof ist nicht zur Aus­set­zung der Voll­zie­hung eines Steu­er­be­schei­des ver­pflich­tet, nur weil ein Finanz­ge­richt die zugrun­de lie­gen­de Besteue­rungs­norm für ver­fas­sungs­wid­rig hält und im Rah­men einer kon­kre­ten Nor­men­kon­trol­le dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Prü­fung vor­ge­legt hat.

Aus­set­zung der Voll­zie­hung und die viel­leicht ver­fas­sungs­wid­ri­ge Besteue­rungs­norm

Die aus Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG für den effek­ti­ven Rechts­schutz in finanz­ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­ren abzu­lei­ten­den Prü­fungs­maß­stä­be sind rechts­grund­sätz­lich geklärt 1. Hier­von aus­ge­hend liegt kei­ne Ver­let­zung von Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG durch die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se des Bun­des­fi­nanz­hofs vor.

Der Bun­des­fi­nanz­hof war von Ver­fas­sungs wegen nicht gezwun­gen, allein mit Rück­sicht auf die im Vor­la­ge­be­schluss des Finanz­ge­richts Ham­burg 2 dar­ge­leg­te Über­zeu­gung des Finanz­ge­richts Ham­burg im Eil­ver­fah­ren eben­falls von der mög­li­chen Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 8 Nr. 1 Buch­sta­be a, d und e GewStG aus­zu­ge­hen und des­halb ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des Grund­la­gen­be­scheids zu beja­hen. Auch ver­schie­de­ne, dem Finanz­ge­richt Ham­burg zustim­men­de Publi­ka­tio­nen und eine im Hin­blick auf die­sen Vor­la­ge­be­schluss erfolg­te Ver­fah­rens­aus­set­zung durch einen ande­ren Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs 3 ändern hier­an nichts.

Das aus Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG fol­gen­de Gebot der Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes begrün­det jeden­falls für ein obers­tes Bun­des­ge­richt, wie hier den Bun­des­fi­nanz­hof, kei­ne Bin­dung an instanz­ge­richt­li­che Über­zeu­gun­gen von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Norm der­ge­stalt, dass es mit Rück­sicht auf eine sol­che Über­zeu­gung, selbst wenn sie durch einen Vor­la­ge­be­schluss nach Art. 100 Abs. 1 GG geäu­ßert ist, im Ver­fah­ren des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes von ernst­li­chen Zwei­feln an der Recht­mä­ßig­keit eines auf die­se Norm gestütz­ten Bescheids im Sin­ne des § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO aus­ge­hen müss­te. Der Bun­des­fi­nanz­hof war in dem ange­grif­fe­nen Beschluss vom 16.10.2012 daher durch Art.19 Abs. 4 GG nicht gehin­dert, die gegen die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der im Aus­gangs­ver­fah­ren erheb­li­chen Hin­zu­rech­nungs­vor­schrif­ten nach § 8 Nr. 1 GewStG durch das Finanz­ge­richt H. und zusätz­lich durch die Beschwer­de­füh­re­rin vor­ge­brach­ten Ein­wän­de einer sach­li­chen Prü­fung zu unter­zie­hen und unter Bezug­nah­me auf die bis­he­ri­ge ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Recht­spre­chung zu der Wür­di­gung zu gelan­gen, dass der Vor­la­ge­be­schluss wegen offen­kun­di­ger Unbe­gründ­etheit erfolg­los blei­ben wür­de und ernst­li­che Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der in Rede ste­hen­den Hin­zu­rech­nungs­vor­schrif­ten offen­sicht­lich fehl­ten.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist es von Ver­fas­sungs wegen auch nicht zu bean­stan­den, dass der Bun­des­fi­nanz­hof – aus sei­ner Sicht fol­ge­rich­tig – nicht mehr auf die Streit­fra­ge ein­ge­gan­gen ist, ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen trotz ernst­li­cher Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Norm von der Gewäh­rung der Voll­zie­hungs­aus­set­zung abge­se­hen wer­den kann. Infol­ge­des­sen bedarf es auch im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren kei­ner Ent­schei­dung, ob und inwie­weit das in der Vor­in­stanz ange­wen­de­te Kri­te­ri­um des qua­li­fi­zier­ten Aus­set­zungs­in­ter­es­ses in jeder Hin­sicht mit Art.19 Abs. 4 GG ver­ein­bar ist 4.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 6. Mai 2013 – 1 BvR 821/​13

  1. vgl. etwa BVerfG Beschlüs­se vom 22.09.2009 – 1 BvR 1305/​09, DStR 2009, 2146; und vom 11.10.2010 – 2 BvR 1710/​10, DStR 2010, S. 2296[]
  2. FG Ham­burg, Beschluss vom 29.02.2012 – 1 K 138/​10, EFG 2012, S. 960[]
  3. vgl. den Beschluss des IV. BFH-Senats vom 01.08.2012 zur Aus­set­zung des Revi­si­ons­ver­fah­rens IV R 55/​11, BFH/​NV 2012, S. 1826[]
  4. vgl. den mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht ange­grif­fe­nen Beschluss des FG Köln vom 04.07.2012 – 13 V 1292/​12, EFG 2012, 2036; vgl. fer­ner BVerfG, Beschluss vom 24.10.2011 – 1 BvR 1848/​11, 1 BvR 2162/​11, NJW 2012, 372[]