Aus­set­zun­gen­zin­sen – 6% fürs Finanz­amt

Der Bun­des­fi­nanz­hof hält hält die Höhe des gesetz­li­chen Zins­sat­zes von 0,5% pro Monat (6% pro Jahr) für Zeit­räu­me bis März 2011 nicht für ver­fas­sungs­wid­rig. Dem­ge­mäß hat der Bun­des­fi­nanz­hof davon abge­se­hen, die gesetz­li­che Rege­lung der Höhe der Aus­set­zungs­zin­sen (§ 237 Abs. 1 Satz 1 AO i.V.m. § 238 Abs. 1 Satz 1 AO) im Rah­men eines kon­kre­ten Nor­men­kon­troll­ver­fah­rens gemäß Art. 100 Abs. 1 GG dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor­zu­le­gen.

Aus­set­zun­gen­zin­sen – 6% fürs Finanz­amt

Die für eine Vor­la­ge an das BVerfG gemäß Art. 100 Abs. 1 GG erfor­der­li­che Über­zeu­gung des Gerichts von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit liegt für den Ver­zin­sungs­zeit­raum 11.11.2004 bis 21.03.2011 nicht vor.

Der Aus­gangs­sach­ver­halt[↑]

In dem vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Rechts­streit hat­ten die Klä­ger im Jah­re 2004 erwirkt, dass ihr Ein­kom­men­steu­er­be­scheid für 2002 teil­wei­se von der Voll­zie­hung aus­ge­setzt wur­de. Strei­tig war, ob der Gewinn aus der Ver­äu­ße­rung einer Eigen­tums­woh­nung teil­wei­se steu­er­frei war. Nach­dem das BVerfG am 7.07.2010 1 ent­schie­den hat­te, die Ver­län­ge­rung der sog. Spe­ku­la­ti­ons­frist von zwei auf zehn Jah­re sei teil­wei­se ver­fas­sungs­wid­rig und nich­tig, behan­del­te das Finanz­amt nur noch einen Teil des Ver­äu­ße­rungs­ge­winns als steu­er­pflich­tig und setz­te die Ein­kom­men­steu­er ent­spre­chend nied­ri­ger fest, die Aus­set­zung der Voll­zie­hung (AdV) wur­de auf­ge­ho­ben. Für den 76monatigen Zeit­raum, in dem AdV gewährt wor­den war, setz­te das Finanz­amt ent­spre­chend der gesetz­li­chen Rege­lung Zin­sen in Höhe von 6.023 € fest. Die Klä­ger hiel­ten dies für ver­fas­sungs­wid­rig, hat­ten mit ihrer Auf­fas­sung aber kei­nen Erfolg:

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat die Vor­aus­set­zun­gen für eine Vor­la­ge an das BVerfG gemäß Art. 100 Abs. 1 GG hin­sicht­lich der gesetz­lich fest­ge­leg­ten Zins­hö­he (0,5% pro Monat) ver­neint. Er war nicht davon über­zeugt, dass der Gesetz­ge­ber im Zeit­raum bis zum März 2011 von Ver­fas­sungs wegen (schon) dazu ver­pflich­tet gewe­sen sei, die Höhe des gesetz­li­chen Zin­ses an das nied­ri­ge Markt­zins­ni­veau für Geld­an­la­gen anzu­pas­sen. Zum einen sei der gesetz­li­che Zins­satz nicht nur mit den am Markt erziel­ba­ren Anla­ge­zin­sen zu ver­glei­chen (Ver­wen­dung von Kapi­tal), son­dern auch mit den für die Inan­spruch­nah­me von Dar­le­hen zu zah­len­den Zin­sen (Finan­zie­rung von Steu­er­nach­zah­lun­gen). Zum andern hät­te sich erst nach dem Zeit­raum, der im Streit­fall zur Beur­tei­lung stand, die Zin­sen dau­er­haft auf nied­ri­gem Niveau sta­bi­li­siert. Des­halb bedurf­te es noch kei­ner Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs, ob sich die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se in der Fol­ge­zeit so ein­schnei­dend geän­dert haben, dass die Grund­la­ge der gesetz­ge­be­ri­schen Ent­schei­dung durch neue, im Zeit­punkt des Geset­zes­er­las­ses noch nicht abzu­se­hen­de Ent­wick­lun­gen ent­schei­dend in Fra­ge gestellt wor­den sind.

Aus­set­zungs­zin­sen[↑]

Nach § 237 Abs. 1 Satz 1 AO ist, soweit ein Ein­spruch oder eine Anfech­tungs­kla­ge gegen einen Steu­er­be­scheid, eine Steu­er­an­mel­dung oder einen Ver­wal­tungs­akt, der einen Steu­er­ver­gü­tungs­be­scheid auf­hebt oder ändert, oder gegen eine Ein­spruchs­ent­schei­dung über einen die­ser Ver­wal­tungs­ak­te end­gül­tig kei­nen Erfolg gehabt hat, der geschul­de­te Betrag, hin­sicht­lich des­sen die Voll­zie­hung des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts aus­ge­setzt wur­de, zu ver­zin­sen. Zin­sen wer­den erho­ben vom Tag des Ein­gangs des außer­ge­richt­li­chen Rechts­be­helfs bei der Behör­de, deren Ver­wal­tungs­akt ange­foch­ten wird, oder vom Tag der Rechts­hän­gig­keit beim Gericht an bis zum Tag, an dem die AdV endet (§ 237 Abs. 2 Satz 1 AO). Die Zin­sen betra­gen für jeden Monat ein­ein­halb Pro­zent (§ 238 Abs. 1 Satz 1 AO). Sie sind von dem Tag an, an dem der Zins­lauf beginnt, nur für vol­le Mona­te zu zah­len; ange­fan­ge­ne Mona­te blei­ben außer Ansatz (§ 238 Abs. 1 Satz 2 AO).

Sinn und Zweck der in § 237 AO ent­hal­te­nen gesetz­li­chen Rege­lung der Ver­zin­sungs­pflicht ist es, den Nut­zungs­vor­teil wenigs­tens zum Teil abzu­schöp­fen, den der Steu­er­pflich­ti­ge dadurch erhält, dass er wäh­rend der Dau­er der Aus­set­zung über eine Geld­sum­me ver­fü­gen kann, die nach dem im ange­foch­te­nen Steu­er­be­scheid kon­kre­ti­sier­ten mate­ri­el­len Recht "an sich" dem Steu­er­gläu­bi­ger zusteht 2. Zu § 251a der Reichs­ab­ga­ben­ord­nung (RAO), auf den § 237 AO zurück­geht 3, ist im Ent­wurf des Steu­er­än­de­rungs­ge­set­zes 1961 4 aus­ge­führt, die Norm sei das Gegen­stück zu § 155 RAO. Wenn danach von Beginn der Rechts­hän­gig­keit Über­zah­lun­gen ver­zinst wür­den, müs­se das Glei­che auch für Nach­zah­lun­gen gel­ten, zumal durch die Ein­füh­rung von Zin­sen für die AdV erreicht wer­de, dass unnö­ti­ge Steu­er­pro­zes­se ver­mie­den wür­den. Wenn in der Geset­zes­be­grün­dung die Aus­set­zungs­zin­sen als "Gegen­stück" zu den Pro­zess­zin­sen bezeich­net wer­den, so soll damit gesagt wer­den, dass das Gesetz auf einen gerech­ten Aus­gleich zwi­schen den Zins­vor­tei­len des Steu­er­pflich­ti­gen und dem Zins­ver­lust des Steu­er­gläu­bi­gers abzielt und die Aus­set­zungs­zin­sen den Zweck haben, dem Steu­er­gläu­bi­ger den Nut­zungs­vor­teil zuzu­wen­den, der ihm für einen nach dem mate­ri­el­len Steu­er­ge­setz geschul­de­ten Betrag gebührt 5.

Rich­ter­vor­la­ge[↑]

Die Vor­aus­set­zun­gen einer Vor­la­ge an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gemäß Art. 100 Abs. 1 GG lie­gen für den Bun­des­fi­nanz­hof nicht vor.

Ein Gericht kann die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts über die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer Norm nach Art. 100 Abs. 1 GG nur ein­ho­len, wenn es von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der zur Prü­fung gestell­ten Rege­lung über­zeugt ist 6. Eine sol­che Über­zeu­gung ver­moch­te sich der Bun­des­fi­nanz­hof im Streit­fall hin­sicht­lich der gesetz­lich fest­ge­leg­ten Zins­hö­he indes nicht zu bil­den.

All­ge­mei­ner Gleich­heits­satz[↑]

Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG gebie­tet, wesent­lich Glei­ches gleich und wesent­lich Unglei­ches ungleich zu behan­deln. Aus ihm erge­ben sich je nach Rege­lungs­ge­gen­stand und Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­ma­len unter­schied­li­che Gren­zen für den Gesetz­ge­ber, die vom blo­ßen Will­kür­ver­bot bis zu einer stren­gen Bin­dung an Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­er­for­der­nis­se rei­chen 7.

Im Bereich des Steu­er­rechts hat der Gesetz­ge­ber einen weit­rei­chen­den Ent­schei­dungs­spiel­raum. Dies gilt für die Aus­wahl des Steu­er­ge­gen­stands und auch für die Bestim­mung des Steu­er­sat­zes 8.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erkennt in stän­di­ger Recht­spre­chung Typi­sie­rungs- und Ver­ein­fa­chungs­er­for­der­nis­se an 9. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass Steu­er­ge­set­ze in der Regel ‑wie im Streit­fall- Mas­sen­vor­gän­ge des Wirt­schafts­le­bens betref­fen. Sie müs­sen, um prak­ti­ka­bel zu sein, Sach­ver­hal­te, an die sie die­sel­ben steu­er­recht­li­chen Fol­gen knüp­fen, typi­sie­ren und dabei in wei­tem Umfang die Beson­der­hei­ten des ein­zel­nen Fal­les ver­nach­läs­si­gen. Die wirt­schaft­lich unglei­che Wir­kung auf die Steu­er­zah­ler darf aller­dings ein gewis­ses Maß nicht über­stei­gen. Viel­mehr müs­sen die steu­er­li­chen Vor­tei­le der Typi­sie­rung im rech­ten Ver­hält­nis zu der mit der Typi­sie­rung not­wen­dig ver­bun­de­nen Ungleich­heit der steu­er­li­chen Belas­tung ste­hen 10.

Außer­dem darf eine gesetz­li­che Typi­sie­rung kei­nen aty­pi­schen Fall als Leit­bild wäh­len, son­dern muss sich rea­li­täts­ge­recht am typi­schen Fall ori­en­tie­ren 11. Der Bun­des­fi­nanz­hof kann sich für den Streit­fall nicht die Über­zeu­gung bil­den, dass der Gesetz­ge­ber die­se ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen über­schrit­ten hat.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 12 hat ‑bezo­gen auf die Fest­set­zung von Nach­zah­lungs­zin­sen gemäß § 233a AO für die Zins­zah­lungs­zeit­räu­me 2003 bis 2006- zu der gesetz­li­chen Typi­sie­rung aus­ge­führt: "Indem der Gesetz­ge­ber im Inter­es­se der Prak­ti­ka­bi­li­tät und der Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung den aus­zu­glei­chen­den Zins­vor­teil und ‑nach­teil typi­sie­rend auf 0,5% pro Monat fest­ge­setzt hat, ist dies jeden­falls rechts­staat­lich unbe­denk­lich und stellt ins­be­son­de­re kei­nen Ver­stoß gegen das aus dem Rechts­staats­prin­zip fol­gen­de Über­maß­ver­bot dar. Nach der Absicht des Gesetz­ge­bers soll der kon­kre­te Zins­vor­teil oder ‑nach­teil für den Ein­zel­fall nicht ermit­telt wer­den müs­sen. Eine Anpas­sung an den jewei­li­gen Markt­zins­satz oder an den Basis­zins­satz nach § 247 BGB wür­de wegen des­sen Schwan­kun­gen auch zu erheb­li­chen prak­ti­schen Schwie­rig­kei­ten füh­ren, da im Ein­zel­nen für die Ver­gan­gen­heit fest­ge­stellt wer­den müss­te, wel­che Zins­sät­ze für den jewei­li­gen Zins­zeit­raum zugrun­de zu legen wären 13. In vie­len Fäl­len ist eine sol­che Ermitt­lung gar nicht mög­lich, weil es von sub­jek­ti­ven Ent­schei­dun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen abhängt, in wel­cher Wei­se er Steu­er­nach­zah­lun­gen finan­ziert oder das noch nicht zu Steu­er­zah­lun­gen benö­tig­te Kapi­tal ver­wen­det. Zudem ist auch bei der Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung zu berück­sich­ti­gen, dass der hohe Zins­satz des § 233a in Ver­bin­dung mit § 238 AO glei­cher­ma­ßen zuguns­ten wie zulas­ten des Steu­er­pflich­ti­gen wirkt."

Zwar sieht der Bun­des­fi­nanz­hof an den Aus­füh­run­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts für zwei­fel­haft an, ob ange­sichts der Ein­satz­mög­lich­kei­ten moder­ner EDV-Tech­nik bei einer Anpas­sung der Zins­hö­he an den jewei­li­gen Markt­zins­satz oder an den Basis­zins­satz i.S. des § 247 BGB wei­ter­hin "erheb­li­che prak­ti­sche Schwie­rig­kei­ten" bestün­den 14, aller­dings gel­ten die übri­gen vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt her­an­ge­zo­ge­nen Erwä­gun­gen glei­cher­ma­ßen jeden­falls noch für die im Streit­fall betrof­fe­nen Zins­zah­lungs­zeit­räu­me von 2004 bis 2011. Die Ermitt­lung eines kon­kre­ten Zins­vor­teils oder ‑nach­teils ist für den kon­kre­ten Ein­zel­fall regel­mä­ßig nicht mög­lich, weil es von sub­jek­ti­ven Ent­schei­dun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen abhängt, in wel­cher Wei­se er Steu­er­nach­zah­lun­gen finan­ziert oder das noch nicht zu Steu­er­zah­lun­gen benö­tig­te Kapi­tal ver­wen­det; der gesetz­li­che Zins­satz gilt wei­ter­hin sowohl zuguns­ten als auch zulas­ten des Steu­er­pflich­ti­gen 15.

Ver­gleich zum Markt­zins[↑]

Soweit ver­tre­ten wird, für den Ver­gleich mit dem gesetz­li­chen Zins­satz des § 238 Abs. 1 Satz 1 AO sei aus­schließ­lich der jeweils aktu­el­le Zins­satz für Geld­an­la­gen her­an­zu­zie­hen, trifft dies nicht zu.

Zwar lag der Effek­tiv­zins­satz in % p.a. für Ein­la­gen pri­va­ter Haus­hal­te (Quel­le: Deut­sche Bun­des­bank, Zins­sät­ze und Volu­mi­na für das Neu­ge­schäft der deut­schen Ban­ken (MFIs) – Ein­la­gen mit ver­ein­bar­ter Kün­di­gungs­frist bis drei Mona­te) in dem hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Ver­zin­sungs­zeit­raum vom 11.11.2004 bis zum 21.03.2011 deut­lich unter dem Zins­satz des § 238 Abs. 1 Satz 1 AO. Da die Ver­wen­dung des noch nicht zu Steu­er­zah­lun­gen benö­tig­ten Kapi­tals jedoch von indi­vi­du­el­len Finan­zie­rungs­ent­schei­dun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen abhän­gig ist, sind indes bei der Betrach­tung sowohl der Anla­ge­zins­satz (Ver­wen­dung von Kapi­tal) als auch der Dar­le­hens­zins­satz (Finan­zie­rung von Steu­er­nach­zah­lun­gen) für einen Ver­gleich mit dem Zins­satz des § 238 Abs. 1 Satz 1 AO ein­zu­be­zie­hen 16. Anders als Seer/​Klemke 17 mei­nen, besteht auch kein Grund dafür, nur kurz­fris­ti­ge Fremd­fi­nan­zie­run­gen ein­zu­be­zie­hen. Denn die Ver­zin­sung bei einer AdV erfasst ‑wie der Streit­fall zeigt- auch lang­fris­ti­ge Zeit­räu­me. In dem genann­ten Ver­zin­sungs­zeit­raum lagen die Effek­tiv­zins­sät­ze für Kon­su­men­ten­kre­di­te an pri­va­te Haus­hal­te mit anfäng­li­cher Zins­bin­dung zwi­schen 7, 14% p.a. und 5, 32% p.a. 18 sowie die bank­üb­li­chen Soll­zin­sen für Dis­po­si­ti­ons­kre­di­te über bzw. jeden­falls nicht wesent­lich unter dem in § 238 Abs. 1 Satz 1 AO genann­ten Zins­satz von 0,5% pro Monat (6% p.a.). Dies gilt eben­so für die gesetz­li­chen Ver­zugs­zin­sen nach § 288 Abs. 1 BGB – fünf Pro­zent­punk­te über dem Basis­zins­satz; mit­hin im Zeit­raum von 2004 bis 2011 zwi­schen 8,32% und 5,12% – und § 288 Abs. 2 BGB – acht Pro­zent­punk­te über dem Basis­zins­satz; mit­hin im Zeit­raum von 2004 bis 2011 zwi­schen 11,32% und 8,12%.

Da sich der Zins­satz von ½ Pro­zent für jeden Monat (§ 238 Abs. 1 Satz 1 AO) somit bei die­sem Ver­gleich noch in einem der wirt­schaft­li­chen Rea­li­tät ange­mes­se­nen Rah­men hält, ist der Bun­des­fi­nanz­hof nicht davon über­zeugt, dass § 238 Abs. 1 Satz 1 AO ver­fas­sungs­wid­rig ist. Es ist zudem zu berück­sich­ti­gen, dass für nicht besi­cher­te Kre­dit­ge­wäh­run­gen im Ver­gleich zu besi­cher­ten Kre­di­ten am Markt in der Regel zur Ver­gü­tung des Risi­kos ein höhe­rer Dar­le­hens­zins zu bezah­len ist. Da die For­de­run­gen des Finanz­amt gegen­über den Steu­er­pflich­ti­gen regel­mä­ßig nicht besi­chert sind, lässt sich die­ser Umstand eher dafür anfüh­ren, sich am höhe­ren Zins­ni­veau für unbe­si­cher­te Dar­le­hen zu ori­en­tie­ren.

Dafür, dass sich der Gesetz­ge­ber mit der Höhe des Zins­sat­zes in § 238 Abs. 1 Satz 1 AO im Streit­fall inner­halb sei­ner Typi­sie­rungs- und Pau­scha­lie­rungs­be­fug­nis hält, spricht neben den oben ange­führ­ten Argu­men­ten auch der Grund­satz der Rechts­kon­ti­nui­tät. Wie dar­ge­legt, geht § 237 AO auf § 251a RAO ‑ein­ge­führt durch das Steu­er­än­de­rungs­ge­setz 1961 vom 13.07.1961 19- zurück. Der Zins­satz in § 238 Abs. 1 Satz 1 AO ent­spricht der dama­li­gen Rechts­la­ge in § 5 des Steu­er­säum­nis­ge­set­zes (StSä­umG). § 5 Abs. 1 StSä­umG sah eben­falls Zin­sen für jeden Monat von ein­halb von Hun­dert vor. Der typi­sie­ren­de Zins­satz gilt daher über einen lan­gen Zeit­raum in einer Viel­zahl von Fäl­len, in dem erheb­li­che Zins­schwan­kun­gen ‑nach oben und nach unten- auf­tra­ten. Dass die Klä­ger mög­li­cher­wei­se tat­säch­lich kei­nen oder einen gerin­ge­ren Zins­vor­teil erlangt haben, ist für die Ver­zin­sung gemäß § 237 AO grund­sätz­lich uner­heb­lich 20.

Nach­dem sich erst nach dem streit­ge­gen­ständ­li­chen Ver­zin­sungs­zeit­raum das Markt­zins­ni­veau dau­er­haft auf rela­tiv nied­ri­gem Niveau sta­bi­li­siert hat, bedarf es im Streit­fall kei­ner Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs, ob sich die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se in der Fol­ge­zeit so ein­schnei­dend geän­dert haben, dass die Grund­la­ge der gesetz­ge­be­ri­schen Ent­schei­dung durch neue, im Zeit­punkt des Geset­zes­er­las­ses noch nicht abzu­se­hen­de Ent­wick­lun­gen ent­schei­dend in Fra­ge gestellt wird 21. Dann kann der Gesetz­ge­ber aller­dings von Ver­fas­sungs wegen gehal­ten sein zu über­prü­fen, ob die ursprüng­li­che Ent­schei­dung auch unter den ver­än­der­ten Umstän­den auf­recht­zu­er­hal­ten ist 22.

Typi­sie­rungs­fol­gen[↑]

Fol­ge einer Typi­sie­rung ist not­wen­di­ger­wei­se, dass die Ver­hält­nis­se des Ein­zel­falls unbe­rück­sich­tigt blei­ben. Dar­in lie­gen­de Ungleich­be­hand­lun­gen sind durch die Typi­sie­rungs­be­fug­nis grund­sätz­lich gerecht­fer­tigt. Ist vor­her­seh­bar, dass in Aus­nah­me­fäl­len beson­de­re Här­ten auf­tre­ten kön­nen, die nicht in zumut­ba­rer Wei­se durch gesetz­li­che Son­der­re­ge­lun­gen ver­meid­bar sind, steht dies der Typi­sie­rungs­be­fug­nis des Gesetz­ge­bers nicht ent­ge­gen, wenn für deren Behe­bung im Ein­zel­fall Bil­lig­keits­maß­nah­men (vgl. § 237 Abs. 4 i.V.m. § 234 Abs. 2 AO) zur Ver­fü­gung ste­hen. Bei der Beur­tei­lung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit von gene­ra­li­sie­ren­den und typi­sie­ren­den Nor­men des Steu­er­rechts fällt ins­be­son­de­re die Mög­lich­keit des Bil­lig­keits­ver­zichts zur Mil­de­rung unbil­li­ger Här­ten ins Gewicht 23.

Bestimmt­heits­grund­satz[↑]

Die §§ 237, 238 AO ver­stos­sen nicht gegen den Grund­satz der Bestimmt­heit.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts darf die Ver­wal­tung Steu­er­pflich­ti­ge nur auf­grund sol­cher Geset­ze belas­ten, die nach Inhalt, Gegen­stand, Zweck und Aus­maß hin­rei­chend bestimmt und begrenzt sind, so dass die Ein­grif­fe mess­bar und in gewis­sem Umfang für den Ein­zel­nen vor­aus­seh­bar und bere­chen­bar wer­den 24. Dies ist hier der Fall. Dass in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art der geschul­de­te Betrag, hin­sicht­lich des­sen die Voll­zie­hung des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts aus­ge­setzt wur­de, zu ver­zin­sen ist, lässt sich anhand des Geset­zes­wort­lauts hin­rei­chend erken­nen.

Eigen­tums­ga­ran­tie[↑]

Die Vor­ent­schei­dung ver­stößt schließ­lich nicht gegen Art. 14 Abs. 1 GG. Eine Ver­let­zung die­ses Grund­rechts wäre allen­falls in Betracht zu zie­hen, wenn die Geld­leis­tungs­pflich­ten den Betrof­fe­nen über­mä­ßig belas­ten und sei­ne Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se grund­le­gend beein­träch­ti­gen 25. Für eine der­ar­ti­ge Wir­kung einer Zins­hö­he von ein­halb Pro­zent für jeden Monat gibt es im Streit­fall kei­ne Anhalts­punk­te.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 1. Juli 2014 – IX R 31/​13

  1. BVerfG, Beschluss vom 07.07.2010 – 2 BvL 14/​02, 2 BvL 2/​04, 2 BvL 13/​05, BVerfGE 127, 1, BSt­Bl II 2011, 76[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le vom 24.07.1979 – VII R 67/​76, BFHE 128, 331, BSt­Bl II 1979, 712; vom 20.09.1995 – X R 86/​94, BFHE 178, 555, BSt­Bl II 1996, 53[]
  3. vgl. dazu OVG NRW, Urteil vom 23.11.2001 – 3 A 1928/​98, ZMR 2002, 477[]
  4. BT-Drs. III/​2573, S. 37[]
  5. BFH, Urteil vom 31.03.2010 – II R 2/​09, BFH/​NV 2010,1602, unter II. 1.a[]
  6. vgl. z.B. BVerfG, Urteil vom 20.03.1984 – 1 BvL 23/​83, BVerfGE 66, 265, unter B.02.; BVerfG, Beschlüs­se vom 06.04.1989 – 2 BvL 8/​87, BVerfGE 80,59, unter B.01.; und vom 22.09.2009 – 2 BvL 3/​02, BVerfGE 124, 251, unter B.02.a[]
  7. stän­di­ge Recht­spre­chung des BVerfG, vgl. BVerfG, Urteil vom 20.04.2004 – 1 BvR 905/​00,BVerfGE 110,274, unter C.1.; BVerfG, Beschluss vom 15.01.2008 – 1 BvL 2/​04, BVerfGE 120,1, unter C.I. 2.[]
  8. vgl. z.B. BVerfG, Beschlüs­se vom 22.06.1995 2 BvL 37/​91, BVerfGE 93, 121, unter C.II. 1.d; und vom 04.12 2002 2 BvR 400/​98, 2 BvR 1735/​00,BVerfGE 107, 27, unter C.I.1.b[]
  9. vgl. BVerfG, Beschluss in BVerfGE 120,1, unter C.I. 2.a aa; BVerfG, Urteil vom 09.12 2008 – 2 BvL 1, 2/​07, 1, 2/​08, BVerfGE 122, 210,unter C.I.2.; BVerfG, Beschluss vom 06.07.2010 – 2 BvL 13/​09, DStR 2010,1563, 1565[]
  10. vgl. z.B. BVerfG, Urteil in BVerfGE 110,274; BVerfG, Beschluss in BVerfGE 120,1, unter C.I. 2.a aa[]
  11. vgl. z.B. BVerfG, Beschlüs­se vom 07.10.1969 2 BvR 555/​67, BVerfGE 27, 142, unter B.1.b, und in BVerfGE 120,1, unter C.I. 2.a aa[]
  12. BVerfG, Beschluss vom 03.09.2009 – 1 BvR 2539/​07, BFH/​NV 2009, 2115, unter III. 1.b bb[]
  13. vgl. BT-Drs. 8/​1410,S. 13[]
  14. kri­tisch auch Ortheil, BB 2012, 1513, 1516; Seer/​Klemke, Insti­tut Finan­zen und Steu­ern e.V., IFSt-Schrift Nr. 490 (2013), 48[]
  15. vgl. BFH, Beschluss vom 29.05.2013 – X B 233/​12, BFH/​NV 2013, 1380[]
  16. glei­cher Ansicht BFH, Beschluss in BFH/​NV 2013, 1380[]
  17. Seer/​Klemke, IFSt-Schrift Nr. 490 (2013), 56[]
  18. Quel­le: Deut­sche Bun­des­bank, Zins­sät­ze und Volu­mi­na für das Neu­ge­schäft der deut­schen Ban­ken (MFIs) – Kon­su­men­ten­kre­di­te an pri­va­te Haus­hal­te[]
  19. BGBl I 1961, 981[]
  20. vgl. BVerfG, Beschluss in BFH/​NV 2009, 2115[]
  21. so Jonas, Die Unter­neh­mens­be­steue­rung 2011, 960 f.[]
  22. vgl. z.B. BVerfG, Beschlüs­se vom 08.08.1978 – 2 BvL 8/​77, BVerfGE 49, 89, unter B.II.2.c; vom 24.11.1981 – 2 BvC 1/​81, BVerfGE 59, 119, unter II.2.c; und vom 28.11.1984 – 1 BvR 1157/​82, BVerfGE 68, 287, BSt­Bl II 1985, 181[]
  23. BVerfG, Beschluss vom 05.04.1978 – 1 BvR 117/​73, BVerfGE 48, 102; BFH, Urtei­le vom 06.02.1976 – III R 24/​71, BFHE 118, 151; vom 23.03.1998 – II R 41/​96, BFHE 185, 270,BSt­Bl II 1998, 396; vom 27.05.2004 – IV R 55/​02, BFH/​NV 2004, 1555; und vom 20.09.2012 – IV R 36/​10,BFHE 238, 429, BSt­Bl II 2013, 498[]
  24. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.08.1996 – 2 BvR 2088/​93, NJW 1996, 3146, m.w.N.[]
  25. BVerfG, Beschlüs­se vom 08.03.1983 2 BvL 27/​81, BVerfGE 63, 312, BSt­Bl II 1983, 779, und in BVerfGE 68, 287, BSt­Bl II 1985, 181[]