Behörd­li­ches Ver­sa­gen – und das Pro­zess­grund­recht auf ein fai­res Ver­fah­ren

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt lei­tet in stän­di­ger Recht­spre­chung aus Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip und dem Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes den Anspruch auf ein fai­res Ver­fah­ren als "all­ge­mei­nes Pro­zess­grund­recht" ab 1.

Behörd­li­ches Ver­sa­gen – und das Pro­zess­grund­recht auf ein fai­res Ver­fah­ren

Danach muss der Rich­ter das Ver­fah­ren so gestal­ten, wie die Par­tei­en bzw. Betei­lig­ten es von ihm erwar­ten dür­fen.

Er darf sich nicht wider­sprüch­lich ver­hal­ten, ins­be­son­de­re aber darf er aus eige­nen oder ihm zuzu­rech­nen­den Feh­lern oder Ver­säum­nis­sen kei­ne Ver­fah­rens­nach­tei­le für die Betei­lig­ten ablei­ten und ist all­ge­mein zur Rück­sicht­nah­me gegen­über den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in ihrer kon­kre­ten Situa­ti­on ver­pflich­tet.

Dem Bür­ger darf das Ver­sa­gen orga­ni­sa­to­ri­scher Vor­keh­run­gen, auf die er kei­nen Ein­fluss hat, nicht zur Last gelegt wer­den.

Das Gericht hat bei sei­ner Über­zeu­gungs­bil­dung, sofern die Erklä­rung des Betei­lig­ten nicht von vorn­her­ein unglaub­haft ist, den Umstand in Rech­nung zu stel­len, dass es dem Betei­lig­ten aus Grün­den, die in der Sphä­re einer Behör­de lie­gen, auf deren Tätig­keit er kei­nen Ein­fluss hat, unmög­lich ist, eine Tat­sa­che glaub­haft zu machen, die ohne das behörd­li­che Ver­sa­gen unschwer auf­zu­klä­ren wäre 2.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat der Bun­des­fi­nanz­hof etwa in einem Fall, in dem das Finanz­ge­richt eine Hin­zu­schät­zung von Betriebs­ein­nah­men auf ‑sehr pau­schal gehal­te­ne- Aus­füh­run­gen in einem Steu­er­fahn­dungs­be­richt gestützt hat­te, obwohl es die­se Aus­füh­run­gen nicht mehr über­prü­fen konn­te, weil die beim dor­ti­gen Klä­ger beschlag­nahm­ten Ori­gi­nal­un­ter­la­gen im Bereich der Finanz­ver­wal­tung unbe­rech­tigt vor­zei­tig ver­nich­tet wor­den waren, einen Ver­stoß gegen den Anspruch auf ein fai­res Ver­fah­ren bejaht 3.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 10. Sep­tem­ber 2015 – X B 134/​14

  1. vgl. auch zum Fol­gen­den, BVerfG, Beschlüs­se vom 06.04.1998 – 1 BvR 2194/​97, NJW 1998, 2044; und vom 18.07.2013 – 1 BvR 1623/​11, NJW 2014, 205[]
  2. vgl. BFH, Beschluss vom 13.02.2014 – X B 168 – 170/​13, BFH/​NV 2014, 876, m.w.N.[]
  3. BFH, Beschluss vom 05.02.2014 – X B 138/​13, BFH/​NV 2014, 720[]