Das Grund­ur­teil des Finanz­ge­richts

Ist bei einer Anfech­tungs­kla­ge gegen einen Steu­er­be­scheid ein Anspruch nach Grund und Betrag strei­tig, kann das Gericht nach § 99 Abs. 1 FGO durch Zwi­schen­ur­teil über den Grund vor­ab ent­schei­den (sog. Grund­ur­teil). Ein Grund­ur­teil darf nur über den Grund eines Anspruchs erge­hen; ein Grund­ur­teil, mit dem (auch) über die Höhe des Anspruchs oder ein­zel­ne ‑die Höhe des Steu­er­an­spruchs beein­flus­sen­de- Besteue­rungs­grund­la­gen ent­schie­den wird, ist dage­gen nicht zuläs­sig [1].

Das Grund­ur­teil des Finanz­ge­richts

Anspruch i.S. des § 99 Abs. 1 FGO ist nicht der pro­zes­sua­le Anspruch des Anfech­tungs­klä­gers, mit dem sich die­ser gegen den von der Finanz­be­hör­de gel­tend gemach­ten Steu­er­an­spruch zur Wehr setzt, son­dern der mate­ri­el­le Steu­er­an­spruch selbst [2]. Dem­zu­fol­ge ist die Fra­ge, was zum Anspruchs­grund einer­seits und was zur Anspruchs­hö­he ande­rer­seits gehört, nach den ent­spre­chen­den Bestim­mun­gen des mate­ri­el­len Steu­er­rechts zu beant­wor­ten.

Ob das Finanz­ge­richt ein Grund­ur­teil nach § 99 Abs. 1 FGO erlas­sen hat, bestimmt sich nach dem Tenor. Ist die­ser nicht ein­deu­tig, sind die Ent­schei­dungs­grün­de her­an­zu­zie­hen [3].

Gemes­sen an die­sen Vor­aus­set­zun­gen ist das Grund­ur­teil unzu­läs­sig, wenn das Finanz­ge­richt dar­in nicht nur Fest­stel­lun­gen zum Grund, son­dern auch zur Höhe des mate­ri­el­len Steu­er­an­spruchs getrof­fen hat.

Das Grund­ur­teil des Finanz­ge­richt kann nicht in ein zuläs­si­ges Zwi­schen­ur­teil i.S. des § 99 Abs. 2 FGO umge­deu­tet wer­den.

Nach § 99 Abs. 2 FGO kann das Finanz­ge­richt durch Zwi­schen­ur­teil über eine oder meh­re­re [4] ent­schei­dungs­er­heb­li­che Sach- oder Rechts­fra­gen vor­ab ent­schei­den, wenn dies sach­dien­lich ist und weder der Klä­ger noch der Beklag­te wider­spricht. Beim Erge­hen eines Zwi­schen­ur­teils in die­sem Sin­ne steht den Betei­lig­ten ein Wider­spruchs­recht zu, auf das sie unter Umstän­den vom Gericht zuvor hin­zu­wei­sen sind [5].

Der Umdeu­tung der vom Finanz­ge­richt ein­deu­tig als Grund­ur­teil i.S. des § 99 Abs. 1 FGO erlas­se­nen Ent­schei­dung steht im Streit­fall ent­ge­gen, dass Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt zu einem Hin­weis auf ein mög­li­ches Wider­spruchs­recht der Betei­lig­ten gegen den Erlass eines Zwi­schen­ur­teils nach § 99 Abs. 2 FGO oder zu einem Ein­ver­ständ­nis der Betei­lig­ten mit einem sol­chen Zwi­schen­ur­teil feh­len.

Da die Vor­ent­schei­dung nicht erge­hen durf­te, wird sie im Revi­si­ons­ver­fah­ren vom Bun­des­fi­nanz­hof ersatz­los auf­ge­ho­ben. Mit der Auf­he­bung des ange­foch­te­nen Grund­ur­teils befin­det sich das Kla­ge­ver­fah­ren wie­der in dem Sta­di­um, das vor Erlass des Grund­ur­teils bestan­den hat, ohne dass es einer förm­li­chen Zurück­ver­wei­sung bedarf [6].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. Novem­ber 2013 – II R 64/​11

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Urteil vom 17.12 2008 – III R 22/​06, BFH/​NV 2009, 1087, m.w.N.[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 12.06.1986 – V R 93/​76, BFH/​NV 1987, 781, m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2009, 1087, m.w.N.[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 19.04.1994 – VIII R 48/​93, BFH/​NV 1995, 84[]
  5. vgl. BFH, Urteil vom 11.02.1998 – I R 67/​97, BFH/​NV 1998, 1197[]
  6. vgl. BFH, Urteil vom 26.07.2012 – III R 43/​11, BFH/​NV 2013, 86[]