Das Kon­to des Soh­nes – Anfech­tung wegen Ansprü­chen aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis

Nach § 191 Abs. 1 Sät­ze 1 und 2 AO erfolgt die Anfech­tung wegen Ansprü­chen aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis außer­halb des Insol­venz­ver­fah­rens durch Dul­dungs­be­scheid, soweit sie nicht im Wege der Ein­re­de (§ 9 AnfG) gel­tend zu machen ist.

Das Kon­to des Soh­nes – Anfech­tung wegen Ansprü­chen aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis

Gemäß § 1 AnfG sind Recht­hand­lun­gen eines Schuld­ners, die sei­ne Gläu­bi­ger (hier das Finanz­amt) benach­tei­li­gen ‑d.h. jedes recht­li­che oder tat­säch­li­che Han­deln oder Unter­las­sen, das ent­spre­chen­de recht­li­che Fol­gen hat 1-, außer­halb des Insol­venz­ver­fah­rens anfecht­bar. Hier­zu gehört auch die Über­tra­gung einer for­mel­len Rechts­po­si­ti­on durch Ein­zah­lung auf das "gelie­he­ne", als Eigen, nicht als Ander­kon­to geführ­te Bank­kon­to eines ande­ren oder die Auf­for­de­rung an einen Dritt­schuld­ner (im Streit­fall z.B. der Auf­trag­ge­ber der Kurier­fahr­ten), mit schuld­be­frei­en­der Wir­kung auf ein sol­ches Kon­to zu über­wei­sen. Hier­durch erreicht der Schuld­ner (hier der die Kurier­fahr­ten durch­füh­ren­de Vater V), dass jeden­falls im Außen­ver­hält­nis nur noch For­de­run­gen des Kon­to­in­ha­bers (hier des Soh­nes als Kon­to­in­ha­bers) gegen die Bank bestehen. Somit liegt trotz des (behaup­te­ten) Her­aus­ga­be­an­spruchs des Schuld­ners kei­ne rei­ne Ver­mö­gensum­schich­tung vor 2. Viel­mehr ist auch eine for­mel­le Rechts­stel­lung ein Ver­mö­gens­wert, des­sen Wei­ter­ga­be eine objek­tiv benach­tei­li­gen­de Rechts­hand­lung sein und des­sen Rück­ge­währ vom Kon­to­in­ha­ber (Anfech­tungs­geg­ner) gege­be­nen­falls nach den Vor­schrif­ten des AnfG gefor­dert wer­den kann 3.

Im hier ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies: Die Wei­ter­ga­be der for­mel­len Rechts­po­si­ti­on an den Kon­to­in­ha­ber hat eine objek­ti­ve Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung zur Fol­ge, da die Gläu­bi­ger (hier das Finanz­amt) das Gut­ha­ben auf dem Kon­to des Kon­to­in­ha­bers (hier des Kon­to­in­ha­bers) jeden­falls nicht mehr auf­grund eines gegen den Schuld­ner gerich­te­ten Voll­stre­ckungs­ti­tels pfän­den kön­nen 4. Der Ein­tritt der objek­ti­ven Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung ist iso­liert mit Bezug auf die Min­de­rung des Aktiv­ver­mö­gens oder die Ver­meh­rung der Pas­si­va des Schuld­ners zu beur­tei­len. Eine Vor­teils­aus­glei­chung fin­det dabei grund­sätz­lich nicht statt; zu berück­sich­ti­gen sind ledig­lich sol­che Fol­gen, die an die ange­foch­te­ne Rechts­hand­lung selbst anknüp­fen 5. Die Fest­stel­lung der gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gen­den Wir­kung unter­schei­det sich inso­weit von der Fest­stel­lung der (Un-)Ent­gelt­lich­keit; jedoch set­zen bei­de kei­ne dau­er­haf­te Ent­rei­che­rung des Schuld­ners oder dau­er­haf­te Berei­che­rung des Anfech­tungs­geg­ners vor­aus (Umkehr­schluss zu § 11 Abs. 2 AnfG) 6.

Das Finanz­amt ist anfech­tungs­be­rech­tig­ter Gläu­bi­ger i.S. des § 2 AnfG. Die gegen­über – V fest­ge­setz­ten Steu­er­schul­den sind fäl­lig und voll­streck­bar. Die Voll­stre­ckung in das Ver­mö­gen des – V ist erfolg­los geblie­ben.

Im Streit­fall ist auch der Tat­be­stand des § 3 Abs. 1 Satz 1 AnfG erfüllt.

Der Umstand, dass sich das Finanz­amt nur auf einen Tat­be­stand ‑hier § 4 Abs. 1 AnfG- beru­fen hat, ent­bin­det das Finanz­ge­richt nicht von der Prü­fung der übri­gen Anfech­tungs­tat­be­stän­de 7.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, der sich der Bun­des­fi­nanz­hof anschließt, kann dahin­ste­hen, ob die von dem Kon­to getä­tig­ten Zah­lun­gen auch gegen­über den Zah­lungs­emp­fän­gern (z.B. gegen­über dem Ver­ein) anfecht­bar sind, da dies einer Vor­satz­an­fech­tung gegen­über dem (gege­be­nen­falls durch den V ver­tre­te­nen) Zah­lungs­mitt­ler (hier der Kon­to­in­ha­ber) nicht ent­ge­gen­stün­de 8.

Gemäß § 3 Abs. 1 Satz 1 AnfG ist eine Rechts­hand­lung anfecht­bar, die der Schuld­ner in den letz­ten zehn Jah­ren vor der Anfech­tung mit dem Vor­satz vor­ge­nom­men hat, sei­ne Gläu­bi­ger zu benach­tei­li­gen, wenn der ande­re Teil zur Zeit der Hand­lung den Vor­satz des Schuld­ners kann­te. Die Dar­le­gung der Kennt­nis des Anfech­tungs­geg­ners (des "ande­ren Teils") wird durch aner­kann­te Beweis­an­zei­chen bzw. Indi­z­tat­sa­chen und Erfah­rungs­sät­ze erleich­tert, die § 3 Abs. 1 Satz 2 AnfG (n.F.) ledig­lich um einen zusätz­li­chen Tat­be­stand erwei­tert 9.

Im Streit­fall lie­gen Umstän­de vor, aus denen geschlos­sen wer­den muss, dass V sei­ne Gläu­bi­ger i.S. des § 3 Abs. 1 Satz 1 AnfG benach­tei­li­gen woll­te und der Kon­to­in­ha­ber die Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gungs­ab­sicht des V kann­te; die Zehn­jah­res­frist ist gewahrt. Die bank­ver­trags­wid­ri­ge und gegen das Gebot zur Kon­ten­wahr­heit (§ 154 AO) ver­sto­ßen­de Ein­rich­tung eines ver­deck­ten Treu­hand-Kon­tos unter Über­las­sung der Kon­to­kar­te und Offen­ba­rung der PIN konn­te nur den Zweck haben, Bestand­tei­le des Ver­mö­gens des V bei­sei­te zu schaf­fen und die Befrie­di­gung sei­ner Gläu­bi­ger zu ver­ei­teln, also Gläu­bi­ger zu benach­tei­li­gen, denn es sind im Streit­fall nicht ein­mal im Ansatz Anhalts­punk­te für das Vor­lie­gen "ande­rer Motiv­la­gen bzw. Aus­gangs­si­tua­tio­nen" erkenn­bar, die das Finanz­ge­richt zwar vage ange­spro­chen, aber in kei­ner Wei­se sub­stan­ti­iert hat. Der Kon­to­in­ha­ber hat wie­der­holt, zuletzt in der münd­li­chen Ver­hand­lung, ledig­lich vor­ge­tra­gen, er habe V Kon­to­kar­te und PIN für die Über­wei­sung von Ver­eins­bei­trä­gen über­las­sen. Die­ser Vor­trag ist unschlüs­sig, denn für Über­wei­sun­gen, die im Übri­gen ohne Wei­te­res und ohne Zusatz­kos­ten über das bereits bestehen­de Kon­to des Kon­to­in­ha­bers hät­ten aus­ge­führt wer­den kön­nen, bedarf es kei­ner Kon­to­kar­te und kei­ner PIN; viel­mehr wäre eine Kon­to­voll­macht not­wen­dig, aber auch aus­rei­chend gewe­sen. Ist der Tat­be­stand des § 3 Abs. 1 Satz 1 AnfG ‑wie hier- bereits aus ande­ren Grün­den erfüllt und kommt es des­halb nicht auf die Ver­mu­tungs­re­gel des § 3 Abs. 1 Satz 2 AnfG an, ist es nicht erheb­lich, ob der Kon­to­in­ha­ber wuss­te, dass dem V die Zah­lungs­un­fä­hig­keit droh­te.

Der Rück­ge­währ­an­spruch rich­tet sich nach § 11 Abs. 1 AnfG. Die­ser ist kein Anspruch aus unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung und daher nicht von der Prü­fung abhän­gig, ob der Anfech­tungs­geg­ner (auf Dau­er) berei­chert ist (Umkehr­schluss zu § 11 Abs. 2 AnfG). Aller­dings hat der BGH 10 frü­her ver­tre­ten, dass nach Been­di­gung des "Treuhand"-Verhältnisses durch voll­stän­di­ge Aus­zah­lung des Gel­des eine Ver­pflich­tung des frü­he­ren "Treu­hän­ders" zum Wert­er­satz nur in Betracht kom­me, wenn er das anfecht­bar erlang­te Gut zum eige­nen Vor­teil ver­äu­ßert, ver­braucht oder sei­nen Wert sich sonst zuge­führt habe oder soweit die Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen gemäß § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. §§ 288, 27 StGB (Bei­hil­fe zum Ver­ei­teln der Zwangs­voll­stre­ckung) oder § 826 BGB vor­lä­gen. Nach der Auf­nah­me einer Rechts­fol­gen­ver­wei­sung auf das Berei­che­rungs­recht in § 11 Abs. 1 Satz 2 AnfG und § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO wur­de die­se Auf­fas­sung auf­ge­ge­ben 11. Der Bun­des­fi­nanz­hof schließt sich inso­weit dem Bun­des­ge­richts­hof an.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 25. April 2017 – VII R 31/​15

  1. vgl. BFH, Urteil vom 02.11.2010 – VII R 6/​10, BFHE 231, 488, BSt­Bl II 2011, 374; Huber, AnfG, 11. Aufl.2016, § 1 Rz 5 ff., 32 ff.[]
  2. vgl. Huber, AnfG, § 1 Rz 42, 49, 52[]
  3. vgl. zu § 7 AnfG a.F., der § 11 AnfG n.F. ent­spricht, BGH, Urteil vom 09.12 1993 – IX ZR 100/​93, BGHZ 124, 298 ‑inso­weit nicht über­holt-; BFH, Beschluss vom 17.01.2000 – VII B 282/​99, BFH/​NV 2000, 857; Münch­Komm-Anf­G/­Kirch­hof, 2012, § 11 Rz 64[]
  4. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 26.04.2012 – IX ZR 74/​11, BGHZ 193, 129, Rz 12, für den Fall eines Treu­hand­an­der­kon­tos, d.h. erst recht für ein ver­deck­tes "Treu­hand­ver­hält­nis", und in BGHZ 124, 298, Rz 18, inso­weit nicht über­holt; Huber, AnfG, § 1 Rz 33[]
  5. eben­so BGH, Urteil vom 16.11.2007 – IX ZR 194/​04, BGHZ 174, 228, Rz 18; BFH, Beschluss in BFH/​NV 2000, 857[]
  6. s.a. Huber, AnfG, § 1 Rz 35; zur Inkon­gru­enz s. Huber, AnfG, § 3 Rz 10 ff.[]
  7. vgl. BFH, Urteil vom 14.07.1981 – VII R 49/​80, BFHE 133, 501, BSt­Bl II 1981, 751[]
  8. vgl. BGH, Urteil in BGHZ 193, 129, m.w.H.; BGH, Urteil vom 24.01.2013 – IX ZR 11/​12, Der Betrieb 2013, 455[]
  9. vgl. Huber, AnfG, § 3 Rz 32 ff.; Haert­lein in Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf, Gesam­tes Recht der Zwangs­voll­stre­ckung, 3. Aufl.2015, § 3 AnfG Rz 12 ff., 19; Tho­le in Kayser/​Thole, Insol­venz­ord­nung, 8. Aufl.2016, § 133 Rz 16[]
  10. vgl. BGH, Urteil in BGHZ 124, 298[]
  11. BGH, Urteil in BGHZ 193, 129; bestä­tigt durch BGH, Urteil vom 10.09.2015 – IX ZR 215/​13, DStR 2016, 84[]