Der arbeits­un­fä­hi­ge Zeu­ge und das pri­vat­ärzt­li­che Attest

Ein pri­vat­ärzt­li­ches Attest über die Arbeits­un­fä­hig­keit stellt kei­ne genü­gen­de Ent­schul­di­gung eines im Ter­min aus­ge­blie­be­nen Zeu­gen dar.

Der arbeits­un­fä­hi­ge Zeu­ge und das pri­vat­ärzt­li­che Attest

Einem ord­nungs­ge­mäß gela­de­nen Zeu­gen, der nicht erscheint, wer­den die durch sein Aus­blei­ben ver­ur­sach­ten Kos­ten auf­er­legt, zugleich wird gegen ihn ein Ord­nungs­geld und für den Fall, dass die­ses nicht bei­ge­trie­ben wer­den kann, Ord­nungs­haft fest­ge­setzt (§ 82 FGO i.V.m. § 380 Abs. 1 ZPO). Die Fest­set­zung eines Ord­nungs­mit­tels und die Auf­er­le­gung der Kos­ten unter­blei­ben, wenn der Zeu­ge sein Aus­blei­ben recht­zei­tig genü­gend ent­schul­digt (§ 82 FGO i.V.m. § 381 Abs. 1 Satz 1 ZPO). Erfolgt die genü­gen­de Ent­schul­di­gung nach­träg­lich, so wer­den die gegen den Zeu­gen getrof­fe­nen Anord­nun­gen unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 381 Abs. 1 Satz 2 ZPO wie­der auf­ge­ho­ben (§ 82 FGO i.V.m. § 381 Abs. 1 Satz 3 ZPO).

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung erfor­dert eine genü­gen­de Ent­schul­di­gung, die ein Aus­blei­ben im Beweis­ter­min als nicht pflicht­wid­rig erschei­nen lässt, schwer­wie­gen­de Grün­de [1]. Als der­ar­ti­ge Ent­schul­di­gungs­grün­de wer­den nur äuße­re Ereig­nis­se aner­kannt, die den Zeu­gen ohne sein Zutun von der Wahr­neh­mung des Ter­mins abge­hal­ten haben, wie z.B. eine Betriebs­stö­rung von Ver­kehrs­mit­teln, eine eige­ne Erkran­kung oder eine schwe­re Erkran­kung eines nächs­ten Ange­hö­ri­gen. Selbst die Dau­er­erkran­kung eines Zeu­gen ver­mag sein Aus­blei­ben jedoch nur dann genü­gend zu ent­schul­di­gen, wenn ihm dadurch ein Erschei­nen vor Gericht unzu­mut­bar wird [2]. Der durch ein pri­vat­ärzt­li­ches Attest beleg­te Umstand, der Zeu­ge sei am Ver­hand­lungs­tag arbeits­un­fä­hig gewe­sen, genügt dafür nicht [3], denn ein arbeits­un­fä­hi­ger Zeu­ge kann gleich­wohl ver­hand­lungs- und rei­se­fä­hig sein. Es obliegt nicht den Gerich­ten, dem säu­mi­gen Zeu­gen die Rei­se- und Ver­hand­lungs­fä­hig­keit nach­zu­wei­sen. Viel­mehr muss sich der Zeu­ge sei­ner­seits hin­rei­chend ent­schul­di­gen.

Das Finanz­ge­richt hat die Höhe des Ord­nungs­gel­des nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen zu bestim­men und dabei ins­be­son­de­re die Bedeu­tung der Rechts­sa­che, die Bedeu­tung der Zeu­gen­aus­sa­ge für die Ent­schei­dung sowie die Schwe­re der Pflicht­ver­let­zung und die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se des Zeu­gen zu berück­sich­ti­gen [4].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 10. Mai 2012 – III B 223/​11

  1. vgl. BFH, Beschluss vom 27.06.2002 – III B 162/​01, BFH/​NV 2002, 1335, m.w.N.[]
  2. vgl. BFH, Beschluss vom 14.01.1998 – II B 34/​97, BFH/​NV 1998, 864[]
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 16.12.2005 – VIII B 204/​05, BFH/​NV 2006, 771[]
  4. z.B. BFH, Beschluss vom 08.11.2006 – VI B 62/​06, BFH/​NV 2007, 468[]