Der bei­geord­ne­te Not­an­walt – und das gestör­te Ver­trau­ens­ver­hält­nis

Nach § 48 Abs. 2 BRAO kann der gemäß §§ 78b, 78c ZPO bei­geord­ne­te Rechts­an­walt bean­tra­gen, die Bei­ord­nung auf­zu­he­ben, wenn hier­für wich­ti­ge Grün­de vor­lie­gen. Ein wich­ti­ger Grund liegt vor, wenn das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen Anwalt und Man­dant nach­hal­tig und tief­grei­fend gestört ist 1.

Der bei­geord­ne­te Not­an­walt – und das gestör­te Ver­trau­ens­ver­hält­nis

Das Ver­trau­ens­ver­hält­nis kann etwa gestört sein, wenn der Man­dant mut­wil­lig auf bestimm­tem Sach­vor­trag des Rechts­an­walts besteht oder sei­ner­seits den Ent­zug des Ver­trau­ens gegen­über dem Gericht äußert. Ins­be­son­de­re kann das Ver­lan­gen des Man­dan­ten, die Revi­si­ons­be­grün­dung nach eige­nen Vor­ga­ben zu ver­fas­sen, eine Stö­rung des Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses bewir­ken 2.

Eine Ent­pflich­tung des Anwalts kann jeden­falls dann gerecht­fer­tigt sein, wenn die Auf­nah­me evi­dent uner­heb­li­cher Aus­füh­run­gen in den Schrift­satz zur Begrün­dung eines Rechts­mit­tels ver­langt wird 3. Auch die Wei­ge­rung zur Zah­lung des ange­mes­se­nen Gebüh­ren­vor­schus­ses kann ein wich­ti­ger Grund zur Auf­he­bung der Bei­ord­nung sein.

Ange­sichts des stren­gen Maß­stabs, der an die Annah­me eines wich­ti­gen Grun­des i.S. des § 48 Abs. 2 BRAO anzu­le­gen ist 4, war im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall nach dem bis­he­ri­gen Vor­brin­gen des Rechts­an­waltss und der Klä­ger noch nicht von einer so tief­grei­fen­den Stö­rung des Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses aus­zu­ge­hen, dass dem Antrag­stel­ler ein Tätig­wer­den für die Klä­ger nicht mehr zuge­mu­tet wer­den kann. Aller­dings ist das Ver­trau­ens­ver­hält­nis durch das Ver­hal­ten der Klä­ger bereits so erkenn­bar erschüt­tert, dass bei wei­te­ren Stö­run­gen das Sta­di­um eines wich­ti­gen Grun­des für die Auf­he­bung der Bei­ord­nung erreicht wer­den kann.

Zwar haben die Klä­ger dem Antrag­stel­ler noch kei­ne Wei­sun­gen zur inhalt­li­chen Abfas­sung der Revi­si­ons­be­grün­dung erteilt. Ihre Auf­for­de­rung, die Begrün­dung umge­hend zur Bil­li­gung vor­ge­legt zu bekom­men, weist aller­dings schon in die­se Rich­tung. Eine der­ar­ti­ge Wei­sung könn­te den Antrag­stel­ler zu einem neu­er­li­chen Antrag auf Auf­he­bung der Bei­ord­nung ver­an­las­sen, dem dann ggf. zu ent­spre­chen wäre. Denn es steht dem Zweck des Ver­tre­tungs­zwangs in einem Ver­fah­ren vor einem obers­ten Bun­des­ge­richt ent­ge­gen, den Rechts­an­walt Wei­sun­gen sei­nes Man­dan­ten zur Abfas­sung von Schrift­sät­zen zu unter­wer­fen, weil der Ver­tre­tungs­zwang der Stär­kung der Rechts­pfle­ge durch Ver­mei­dung unzu­läs­si­ger und unsach­ge­recht geführ­ter Ver­fah­ren die­nen soll 5.

Auch haben sich die Klä­ger gegen­über dem Gericht noch nicht in der Wei­se geäu­ßert, dass dar­in ein Ent­zug des Ver­trau­ens gegen­über dem Antrag­stel­ler zu sehen ist. Denn wie sich aus dem vor­ge­leg­ten Schrift­ver­kehr ergibt, wün­schen die Klä­ger aus­drück­lich eine wei­te­re Ver­tre­tung durch den Antrag­stel­ler, so dass die Äuße­rung gegen­über dem Gericht nicht als nega­ti­ve Wer­tung der Arbeit des Antrag­stel­lers ange­se­hen wer­den muss. Die Infor­ma­ti­on des Gerichts über den inter­nen Schrift­ver­kehr ist aber schon als gra­vie­ren­de Beein­träch­ti­gung des Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses zwi­schen Man­dant und Rechts­an­walt zu wür­di­gen, wor­aus sich nur des­halb noch kein Ent­pflich­tungs­grund ergibt, weil die Anga­ben gegen­über dem Gericht nicht mit Nega­tiv­äu­ße­run­gen gegen­über dem Antrag­stel­ler ver­bun­den waren 6.

Der Bun­des­fi­nanz­hof kann schließ­lich nach Akten­la­ge auch nicht fest­stel­len, dass die Klä­ger den gefor­der­ten Hono­rar­vor­schuss in ange­mes­se­ner Höhe nicht gezahlt haben. "Dis­kus­sio­nen" über Hono­rar­for­de­run­gen sind für sich genom­men noch kein wich­ti­ger Grund für die Auf­he­bung einer Bei­ord­nung.

Soll­ten im Lauf des wei­te­ren Ver­fah­rens wei­te­re von den Klä­gern zu ver­tre­ten­de Umstän­de auf­tre­ten, die die Auf­he­bung der Bei­ord­nung nach sich zie­hen wür­den, wäre den Klä­gern kein ande­rer Not­an­walt bei­zu­ord­nen. Denn wenn das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zu dem bei­geord­ne­ten Anwalt durch sach­lich nicht gerecht­fer­tig­tes und mut­wil­li­ges Ver­hal­ten der Par­tei zer­stört wor­den ist und dies die Ent­pflich­tung des Anwalts nach § 48 Abs. 2 BRAO ver­ur­sacht hat, besteht kein Anspruch auf die Bei­ord­nung eines ande­ren Rechts­an­walts; ein sol­ches Ver­lan­gen ist dann viel­mehr rechts­miss­bräuch­lich 7.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 9. März 2016 – IV S 2/​16

  1. Henssler in Henssler/​Prütting, BRAO, 4. Aufl., § 48 Rz 19; Zöller/​Geimer, ZPO, 31. Aufl., § 121 Rz 33 f.; MünchKommZPO/​Toussaint, 4. Aufl., § 78c Rz 13[]
  2. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 10.08.1998 – VI ZR 174/​97, Ent­schei­dungs­samm­lung zum Fami­li­en­recht, ZPO § 78b Nr. 1; und vom 13.09.2013 – V ZR 136/​13, AnwBl.2013, 826[]
  3. BGH, Beschluss vom 16.09.2015 – V ZR 81/​15, NJW 2016, 81[]
  4. BGH, Beschluss vom 15.09.2010 – IV ZR 240/​08, RVGre­port 2011, 37[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 18.12 2013 – III ZR 122/​13, NJW-RR 2014, 378[]
  6. vgl. zu Nega­tiv­äu­ße­run­gen gegen­über dem Gericht etwa BGH, Beschlüs­se vom 31.10.1991 XII ZR 212/​90, NJW-RR 1992, 189, und in RVGre­port 2011, 37[]
  7. BGH, Beschluss in NJW-RR 1992, 189[]