Der Ehe­gat­te als Finanz­amts-Sach­be­ar­bei­ter…

Die von durch einen ver­hei­ra­te­ten Finanz­amts-Sach­be­ar­bei­ter mani­pu­lier­ten, rechts­grund­los auf das Oder-Kon­to der Ehe­gat­ten aus­ge­zahl­ten Steu­er­erstat­tun­gen kann das Finanz­amt auch vom Ehe­gat­ten zurück­for­dern. Die­sem Rück­for­de­rungs­an­spruch ist auch nicht wegen eines Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben wegen eines mög­li­chen Mit­ver­schul­dens des Finanz­amts unzu­läs­sig.

Der Ehe­gat­te als Finanz­amts-Sach­be­ar­bei­ter…

Bei dem Rück­zah­lungs­an­spruch des Finanz­amt han­delt es sich um einen öffent­lich-recht­li­chen Anspruch aus § 37 Abs. 2 AO.

Nach die­ser Vor­schrift wer­den Leis­tun­gen rück­ab­ge­wi­ckelt, die auf ‑im Ergeb­nis nicht vor­lie­gen­den- steu­er­li­chen Rechts­grün­den beru­hen. So liegt es auch im Streit­fall. Denn der Ehe­mann hat durch sei­ne Mani­pu­la­tio­nen als Sach­be­ar­bei­ter des Finanz­amt Steu­er­än­de­rungs- und ‑fest­set­zungs­be­schei­de gene­riert, in wel­chen durch Anwen­dung steu­er­li­cher Rege­lun­gen ein Steu­er­ver­gü­tungs­an­spruch bzw. ein die­sem gleich­ge­stell­ter Anspruch auf Eigen­heim­zu­la­ge (vgl. § 15 Abs. 1 Satz 1 des Eigen­heim­zu­la­gen­ge­set­zes) aus­ge­wie­sen wur­de. Unbe­acht­lich ist dabei, wel­che tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se den Beschei­den zugrun­de lie­gen. Leis­tun­gen auf­grund fin­gier­ter Ansprü­che wer­den steu­er­recht­lich eben­so behan­delt wie sol­che, die aus ande­ren Grün­den zurück­ge­for­dert wer­den; ent­schei­dend ist, ob die zurück­ge­for­der­te Aus­zah­lung aus­schließ­lich auf steu­er­recht­li­chen Rege­lun­gen beruht 1.

Es kommt auch nicht dar­auf an, ob der Rück­zah­lungs­an­spruch sich als "umge­kehr­ter Erstat­tungs­an­spruch" aus einem ‑im Streit­fall nicht bestehen­den, nur fin­gier­ten- Steu­er­rechts­ver­hält­nis ergibt 2. Denn der Anspruch aus § 37 Abs. 2 AO ist Aus­druck eines über­ge­ord­ne­ten und all­ge­mein herr­schen­den Prin­zips, dass der­je­ni­ge, der vom Staat ohne Rechts­grund etwas erhal­ten hat, grund­sätz­lich ver­pflich­tet ist, das Erhal­te­ne zurück­zu­zah­len 3.

Die gegen­tei­li­ge Rechts­auf­fas­sung kann sich nicht auf den Beschluss in BFHE 238, 526, BSt­Bl II 2013, 109 beru­fen. Schon aus dem Leit­satz des Beschlus­ses -"Der Anspruch auf Rück­ge­währ in anfecht­ba­rer Wei­se geleis­te­ter Steu­ern nach § 143 Abs. 1 InsO ist kein Anspruch aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis i.S. des § 37 Abs. 1 AO, son­dern ein bür­ger­lich-recht­li­cher Anspruch"- ergibt sich offen­sicht­lich, dass sich die Ent­schei­dung allein auf die Beson­der­hei­ten der Rück­for­de­rung des Insol­venz­ver­wal­ters nach Insol­venz­an­fech­tung bezieht. Auf den vor­lie­gen­den Fall sind die dor­ti­gen Aus­füh­run­gen nicht über­trag­bar.

Als Mit­in­ha­be­rin des Kon­tos, auf wel­ches der Ehe­mann die erschli­che­nen Über­wei­sun­gen gelei­tet hat, ist die Klä­ge­rin Leis­tungs­emp­fän­ge­rin. Das hat das Finanz­ge­richt in zutref­fen­der Anwen­dung der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ent­schie­den. Ob die Zah­lung in der irri­gen Annah­me einer Zah­lungs­ver­pflich­tung des Finanz­amt gegen­über dem Zah­lungs­emp­fän­ger gesche­hen ist, ist danach für die Fra­ge, wer Leis­tungs­emp­fän­ger ist, unbe­acht­lich. Denn auf die inne­ren Vor­stel­lun­gen der Betei­lig­ten dar­über, wel­che Leis­tung mit der Zah­lung erbracht wor­den ist, kommt es regel­mä­ßig nicht an, son­dern es gilt eine objek­ti­ve Betrach­tungs­wei­se aus der Sicht des Zuwen­dungs­emp­fän­gers; maß­ge­bend ist mit­hin der objek­ti­ve Emp­fän­ger­ho­ri­zont 4. Die der Tat­sa­chen­in­stanz vor­be­hal­te­ne Wür­di­gung des Finanz­ge­richt, die Klä­ge­rin habe ‑bei objek­ti­ver Beur­tei­lung- die Zah­lungs­ein­gän­ge auf dem gemein­schaft­li­chen Kon­to nicht anders denn als Leis­tun­gen des Finanz­amt zu Guns­ten die­ses Kon­tos ver­ste­hen kön­nen, ist revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den, zumal die Klä­ge­rin kei­ner­lei Anhalts­punk­te für eine ande­re Betrach­tungs­wei­se gelie­fert hat.

Die Ein­re­de der Ent­rei­che­rung hat das Finanz­ge­richt bei der Anwen­dung des § 37 Abs. 2 AO zu Recht nicht in Erwä­gung gezo­gen 5.

Als einen Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben wegen eines mög­li­chen Mit­ver­schul­dens des Finanz­amt an den Mani­pu­la­tio­nen des Ehe­manns infol­ge even­tu­el­ler Orga­ni­sa­ti­ons­män­gel hat das Finanz­ge­richt die Inan­spruch­nah­me der Klä­ge­rin nicht ange­se­hen, weil sie die gebo­te­ne Kon­trol­le des Kon­tos unter­las­sen habe, obwohl die­se ange­sichts der fest­ge­stell­ten erheb­li­chen Aus­ga­ben und Ver­mö­gens­an­la­gen unter Belas­tung die­ses Kon­tos ange­zeigt gewe­sen sei. Dem ist revi­si­ons­recht­lich nichts zu ent­geg­nen. Die Aus­füh­run­gen beru­hen ersicht­lich auf der zu für Fäl­le der Rück­for­de­rung gegen­über einem Leis­tungs­emp­fän­ger ver­gleich­ba­ren Recht­spre­chung des BFH, wonach selbst bei Annah­me eines mit­wir­ken­den Ver­schul­dens des Finanz­amt die Inan­spruch­nah­me eines (Haf­tungs-) Schuld­ners nur dann ein Ermes­sens­fehl­ge­brauch ist, wenn des­sen eige­nes Ver­schul­den gering ist 6. Das Finanz­ge­richt ist davon aus­ge­gan­gen, die Klä­ge­rin habe von den über neun Jah­re geflos­se­nen erheb­li­chen Geld­be­trä­gen, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf deren Ver­wen­dung für die Moder­ni­sie­rung der Woh­nung und für Geld­an­la­gen auf Kon­ten der min­der­jäh­ri­gen Kin­der, gewusst. Ange­sichts die­ser den Bun­des­fi­nanz­hof bin­den­den Fest­stel­lun­gen ist die grund­sätz­lich dem Tat­sa­chen­ge­richt vor­be­hal­te­ne Wür­di­gung des Finanz­ge­richt, die Her­an­zie­hung der Klä­ge­rin zur Rück­erstat­tung der (auch) an sie geleis­te­ten Beträ­ge las­se kei­nen Ermes­sens­fehl­ge­brauch erken­nen, revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Ange­sichts ihrer Kennt­nis von den Zah­lungs­ein­gän­gen und ihrer Ver­wen­dung ist es fern­lie­gend und nach Treu und Glau­ben jeden­falls nicht gebo­ten, die Rück­for­de­rung der ver­ein­nahm­ten Beträ­ge an einem mög­li­cher­wei­se vor­lie­gen­den Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den des Finanz­amt schei­tern zu las­sen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 22. Juli 2014 – VII R 38/​13

  1. vgl. auch BFH, Urteil vom 25.10.2005 – VII R 10/​04, BFHE 211, 19, BSt­Bl II 2006, 356; zur Abgren­zung Betrug/​Steu­er­hin­ter­zie­hung Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 23.03.1994 5 StR 91/​94, BGHSt 40, 109, Höchst­rich­ter­li­che Finanz­recht­spre­chung 1994, 736, m.w.N.[]
  2. so für den Rück­zah­lungs­an­spruch gegen den Zes­sio­nar BFH, Urteil vom 27.10.1992 – VII R 44/​91, BFH/​NV 1993, 344, m.w.N.[]
  3. stän­di­ge Recht­spre­chung, BFH, Urteil vom 31.08.1993 – VII R 69/​91, BFHE 173, 1, BSt­Bl II 1995, 846, m.w.N.[]
  4. BFH, Urtei­le vom 09.12 2010 – VII R 20/​10, BFH/​NV 2011, 875; und vom 30.08.2005 – VII R 64/​04, BFHE 210, 219, BSt­Bl II 2006, 353, m.w.N.[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 16.11.2010 – VII B 120/​10, BFH/​NV 2011, 405[]
  6. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 13.06.1997 – VII R 96/​96, BFH/​NV 1998, 4, m.w.N.[]