Der vom Gericht nicht über­mit­tel­te Schrift­satz

Nach § 96 Abs. 2 FGO darf das Urteil nur auf Tat­sa­chen und Beweis­ergeb­nis­se gestützt wer­den, zu denen die Betei­lig­ten sich äußern konn­ten. Kor­re­spon­die­rend umfasst der Anspruch auf recht­li­ches Gehör das Recht der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, sich vor Erlass einer Ent­schei­dung zu den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen und ggf. Beweis­ergeb­nis­sen zu äußern, sowie in recht­li­cher Hin­sicht alles vor­zu­tra­gen, was sie für wesent­lich hal­ten 1.

Der vom Gericht nicht über­mit­tel­te Schrift­satz

Dem Recht auf Äuße­rung ist das Recht auf Infor­ma­ti­on vor­ge­la­gert 2. Es besteht ein umfas­sen­der Anspruch, über den gesam­ten Pro­zess­stoff kom­men­tar­los und ohne Ein­schrän­kun­gen unter­rich­tet zu wer­den 3. Daher ist das Finanz­ge­richt ver­pflich­tet, ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fak­ten und Unter­la­gen nicht nur zur Kennt­nis zu neh­men, son­dern die­se auch nach § 77 Abs. 1 Satz 4 FGO dem jeweils ande­ren Betei­lig­ten von Amts wegen zur Kennt­nis zu geben. Die unter­las­se­ne Über­sen­dung oder ggf. Über­ga­be eines ent­spre­chen­den Schrift­sat­zes in der münd­li­chen Ver­hand­lung ver­letzt daher grund­sätz­lich das recht­li­che Gehör, jeden­falls dann, wenn die­ser für die Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt erheb­lich gewe­sen sein kann 4.

Nach § 119 FGO wird bei einer Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs grund­sätz­lich ver­mu­tet, dass das Urteil i.S. von § 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO auf dem Ver­fah­rens­man­gel beruht. Jedoch schränkt der BFH die Kau­sa­li­täts­ver­mu­tung auf die­je­ni­gen Fäl­le ein, in denen sich die Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs auf das Gesamt­ergeb­nis des Ver­fah­rens bezieht. Betrifft sie nur ein­zel­ne Fest­stel­lun­gen oder recht­li­che Gesichts­punk­te, hat der Beschwer­de­füh­rer dar­zu­le­gen, was er im Fal­le der Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs noch vor­ge­tra­gen hät­te und inwie­fern bei Berück­sich­ti­gung die­ses Vor­brin­gens eine ande­re Ent­schei­dung mög­lich gewe­sen wäre 5.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 8. Mai 2017 – X B 150/​16

  1. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 26.07.2012 – IX B 164/​11, BFH/​NV 2012, 1643; vom 23.02.2017 – IX B 2/​17, BFH/​NV 2017, 746, m.w.N.[]
  2. vgl. Werth in Beermann/​Gosch, FGO § 119 Rz 127, 128[]
  3. vgl. BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schluss vom 15.08.2014 – 2 BvR 969/​14, NJW 2014, 3085, unter IV.4.a[]
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 19.11.2003 – I R 41/​02, BFH/​NV 2004, 604, mit Ein­schrän­kun­gen wegen der Fra­ge der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit für wie­der­ho­len­de Schrift­sät­ze, unter II. 2.; BFH, Beschluss vom 24.02.2005 – IX B 179/​03, BFH/​NV 2005, 1128[]
  5. vgl. zum her­ge­brach­ten Streit­stand grund­le­gend Beschluss des Gro­ßen Bun­des­fi­nanz­hofs des BFH vom 03.09.2001 – GrS 3/​98, BFHE 196, 39, BSt­Bl II 2001, 802, unter C.III. 1.a, m.w.N.; zur aktu­el­len Recht­spre­chung etwa BFH, Beschlüs­se vom 30.07.2013 – IV B 107/​12, BFH/​NV 2013, 1928, unter II. 2.a; vom 14.04.2015 – IV B 115/​13, BFH/​NV 2015, 1256, unter 1.d; BFH, Beschluss vom 28.01.2016 – X B 128/​15, BFH/​NV 2016, 771, unter III. 2.[]