Der nicht beach­te­te Grund­la­gen­be­scheid

Durch das Nicht­be­ach­ten eines Grund­la­gen­be­scheids bei der erst­ma­li­gen Fest­set­zung der Steu­er oder einer Fol­ge­än­de­rung wird der Grund­la­gen­be­scheid nicht "ver­braucht". Er ist nach wie vor geeig­net, eine spä­te­re noch­ma­li­ge Ände­rung des Fol­ge­be­scheids zu recht­fer­ti­gen.

Der nicht beach­te­te Grund­la­gen­be­scheid

Gemäß § 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d AO darf ein for­mell bestands­kräf­ti­ger Steu­er­be­scheid, soweit er nicht vor­läu­fig oder unter dem Vor­be­halt der Nach­prü­fung ergan­gen ist, geän­dert wer­den, soweit dies gesetz­lich zuge­las­sen ist. Dies ist nach der Kor­rek­tur­vor­schrift des § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO der Fall, soweit ein Grund­la­gen­be­scheid (§ 171 Abs. 10 AO), dem Bin­dungs­wir­kung für die­sen Steu­er­be­scheid zukommt, erlas­sen, auf­ge­ho­ben oder geän­dert wird. Bei dem Bescheid vom 23.09.2009 über die geson­der­te Fest­stel­lung des ver­blei­ben­den Ver­lust­vor­trags zur Ein­kom­men­steu­er zum 31.12 2008 über Ein­künf­te aus pri­va­ten Ver­äu­ße­rungs­ge­schäf­ten i.S. des § 23 EStG a.F. han­delt es sich um einen sol­chen Grund­la­gen­be­scheid. Gemäß § 23 Abs. 3 Satz 10 EStG 2009 min­dern die­se Ver­lus­te nach Maß­ga­be des § 10d EStG 2009 auch die Ein­künf­te, die der Steu­er­pflich­ti­ge in den fol­gen­den Ver­an­la­gungs­zeit­räu­men aus § 20 Abs. 2 EStG i.d.F. des Art. 1 des Geset­zes vom 14.08.2007 1 erzielt. Dem Ver­lust­fest­stel­lungs­be­scheid über die Alt­ver­lus­te aus pri­va­ten Ver­äu­ße­rungs­ge­schäf­ten kommt danach sowohl hin­sicht­lich des Bestehens als auch der Höhe der Alt­ver­lus­te Bin­dungs­wir­kung bei der Ver­rech­nung mit Kapi­tal­ein­künf­ten i.S. des § 20 Abs. 2 EStG 2009 zu 2.

Der Ände­rung des Ein­kom­men­steu­er­be­scheids gemäß § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO steht nicht ent­ge­gen, dass dem Finanz­amt der Bescheid über die geson­der­te Fest­stel­lung des ver­blei­ben­den Ver­lust­vor­trags zur Ein­kom­men­steu­er zum 31.12 2008 als Grund­la­gen­be­scheid bereits bekannt war, als es den Ein­kom­men­steu­er­be­scheid für 2009 erlas­sen und in der Fol­ge aus ande­ren Grün­den geän­dert hat. Durch das Nicht­be­ach­ten eines Grund­la­gen­be­scheids bei der erst­ma­li­gen Fest­set­zung der Steu­er oder einer Fol­ge­än­de­rung wird der Grund­la­gen­be­scheid nicht "ver­braucht". Er ist nach wie vor geeig­net, eine spä­te­re noch­ma­li­ge Ände­rung des Fol­ge­be­scheids zu recht­fer­ti­gen. Das Finanz­amt ist nicht ver­pflich­tet, alle Kor­rek­tur­mög­lich­kei­ten in ein und dem­sel­ben Ein­kom­men­steu­er­än­de­rungs­be­scheid aus­zu­schöp­fen 3.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 9. August 2016 – VIII R 27/​14

  1. BGBl I 2007, 1912[]
  2. vgl. Blümich/​Schlenker, § 10d EStG Rz 136; Hal­ler­bach in Herrmann/​Heuer/​Raupach ‑HHR‑, § 10d EStG Rz 109, 122; Heu­er­mann, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 10d Rz D 86; BFH, Urteil vom 22.10.2003 – I R 18/​02, BFHE 204, 273, BSt­Bl II 2004, 468[]
  3. BFH, Urtei­le vom 04.07.1989 – VIII R 217/​84, BFHE 157, 427, BSt­Bl II 1989, 792; vom 14.06.1991 – III R 64/​89, BFHE 165, 438, BSt­Bl II 1992, 52[]