Der recht­li­che Hin­wei­ses in der münd­li­chen Verhandlung

Erheb­li­che Grün­de für eine Ver­ta­gung lie­gen nicht vor, wenn der Vor­sit­zen­de einen recht­li­chen Hin­weis, den der Bericht­erstat­ter mehr als zwei Wochen vor der münd­li­chen Ver­hand­lung erteilt hat­te, in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Bun­des­fi­nanz­hof wiederholt.

Der recht­li­che Hin­wei­ses in der münd­li­chen Verhandlung

Nach § 155 FGO i.V.m. § 227 ZPO kann eine Ver­hand­lung aus erheb­li­chen Grün­den ver­tagt wer­den. Lie­gen erheb­li­che Grün­de vor, ver­dich­tet sich die in die­ser Vor­schrift ein­ge­räum­te Ermes­sens­frei­heit zu einer Rechts­pflicht, selbst wenn das Gericht die Sache für ent­schei­dungs­reif hält und die Erle­di­gung des Rechts­streits durch die Auf­he­bung oder Ver­le­gung des Ter­mins ver­zö­gert wird1.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall hat­te das Finanz­ge­richt Müns­ter2 jedoch erheb­li­che Grün­de für eine Ver­ta­gung zu Recht verneint:

Jeder gehö­rig und frist­ge­mäß gela­de­ne Betei­lig­te muss sich bewusst sein, dass im Anschluss an die münd­li­che Ver­hand­lung vor dem Finanz­ge­richt eine Ent­schei­dung ver­kün­det wer­den kann (§ 104 Abs. 1 Satz 1 FGO). Er muss sämt­li­che Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel in die­sem Ter­min gel­tend machen und sämt­li­che Bewei­se antre­ten (§ 155 FGO, § 282 ZPO). Denn die münd­li­che Ver­hand­lung ist zur abschlie­ßen­den Erör­te­rung der Sach- und Rechts­la­ge bestimmt (§ 93 Abs. 1, § 76 Abs. 2, § 104 Abs. 1 Satz 1 FGO). Eine münd­li­che Ver­hand­lung ist des­halb nicht allein des­halb zu ver­ta­gen, um einem Betei­lig­ten Gele­gen­heit zu wei­te­ren Ermitt­lun­gen zu geben, wenn er sich trotz hin­rei­chen­der Frist und ohne per­sön­li­che Ent­schul­di­gungs­grün­de nicht genü­gend auf die münd­li­che Ver­hand­lung vor­be­rei­tet hat3. Glei­ches gilt für die Erör­te­rung recht­li­cher Gesichts­punk­te, da ein fach­kun­dig ver­tre­te­ner Betei­lig­ter bei einer umstrit­te­nen Sach- und/​oder Rechts­la­ge grund­sätz­lich alle ver­tret­ba­ren recht­li­chen Gesichts­punk­te von sich aus in Betracht zie­hen und sei­nen Vor­trag dar­auf ein­rich­ten muss4.

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Die Oblie­gen­heit des Klä­gers zur gewis­sen­haf­ten Ter­mins­vor­be­rei­tung kann aller­dings auf­grund des Ver­hal­tens des Finanz­ge­richt ent­fal­len5. Weist das Finanz­ge­richt in der münd­li­chen Ver­hand­lung auf recht­li­che Über­le­gun­gen hin, die ange­sichts des bis­he­ri­gen Ver­fah­rens­ab­laufs über­ra­schend sind, muss es den Betei­lig­ten Gele­gen­heit geben, sich dazu äußern zu kön­nen. Ist eine Stel­lung­nah­me noch inner­halb der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht mög­lich, ist zu ver­ta­gen, wenn der Betei­lig­te einen ent­spre­chen­den Antrag stellt6. Es ist im Rah­men sei­ner Ermes­sens­ent­schei­dung ins­be­son­de­re dann zur Ver­ta­gung ver­pflich­tet, wenn die Ent­schei­dung nur auf­grund tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Gesichts­punk­te erfol­gen könn­te, zu denen den Betei­lig­ten bis­her kein recht­li­ches Gehör gewährt wor­den war7.

Nach die­sem Maß­stab lagen im hier ent­schie­de­nen Streit­fall kei­ne erheb­li­chen Grün­de für eine Ver­ta­gung vor. Der durch den Vor­sit­zen­den im Rah­men des Rechts­ge­sprächs in der münd­li­chen Ver­hand­lung erteil­te Hin­weis wur­de nicht als neu­er (über­ra­schen­der) Gesichts­punkt in das Ver­fah­ren eingeführt.

Zwi­schen den Betei­lig­ten ist strei­tig, ob eine der Part­ner­schafts­ge­sell­schaft auf­grund von Über­ent­nah­men eines Gesell­schaf­ters (in Höhe von des­sen nega­ti­vem Kapi­tal­kon­to bei Aus­schei­den) seit dem Jahr 2002 zuste­hen­de (nun­mehr aus Sicht des Klä­gers im Streit­jahr 2011 unein­bring­li­che) Aus­gleichs­for­de­rung wegen der Auf­lö­sung der Gesell­schaft und des des­halb erfor­der­li­chen Wech­sels der Gewinn­ermitt­lungs­art von der Ein­nah­men-Über­schuss-Rech­nung zur Gewinn­ermitt­lung durch Bestands­ver­gleich (vgl. § 16 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. § 16 Abs. 2 Satz 2 EStG) zu einem lau­fen­den Ver­lust auf der Gesamt­hand­s­ebe­ne oder zu Son­der­be­triebs­aus­ga­ben des Klä­gers geführt hat.

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Der Bericht­erstat­ter beim Finanz­ge­richt hat­te den Klä­ger mit Schrei­ben vom 22.07.2020 vor der münd­li­chen Ver­hand­lung am 14.08.2020 dar­auf hin­ge­wie­sen, der gel­tend gemach­te Ver­lust kön­ne aus sei­ner Sicht nicht ent­ste­hen. Im Rah­men des Wech­sels der Gewinn­ermitt­lungs­art und der Ermitt­lung des Über­gangs­ge­winns bewir­ke die erst­ma­li­ge Akti­vie­rung der Aus­gleichs­for­de­rung aus­schließ­lich eine Gewinn­erhö­hung, wenn die For­de­rung wert­hal­tig sei. Bei Wert­lo­sig­keit der For­de­rung sei deren Erfas­sung hin­ge­gen gewinn­neu­tral, weil eine Gewinn­min­de­rung auf­grund der Wert­be­rich­ti­gung der For­de­rung mit einer Gewinn­erhö­hung auf­grund von deren Akti­vie­rung kor­re­spon­die­re. Zu die­sem Hin­weis des Bericht­erstat­ters hat die Part­ner­schafts­ge­sell­schaft als Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers in einem Schrift­satz vom 13.08.2020 auch noch vor der münd­li­chen Ver­hand­lung Stel­lung genom­men und vor­ge­tra­gen, die unein­bring­li­che Aus­gleichs­for­de­rung löse bei Wech­sel der Gewinn­ermitt­lungs­art auf­grund der erfor­der­li­chen Wert­be­rich­ti­gung nur eine Gewinn­min­de­rung aus.

In der münd­li­chen Ver­hand­lung erteil­te der Vor­sit­zen­de dem Klä­ger wie­der­um den Hin­weis, die Akti­vie­rung der Aus­gleichs­for­de­rung und deren kor­re­spon­die­ren­de Wert­be­rich­ti­gung sei­en im Rah­men des Wech­sels der Gewinn­ermitt­lungs­art ins­ge­samt gewinn­neu­tral. Der Vor­sit­zen­de hat damit ledig­lich die vom Bericht­erstat­ter ange­spro­che­ne und bereits in das Ver­fah­ren ein­ge­führ­te Rechts­auf­fas­sung wie­der­holt. Damit han­del­te es sich weder um einen neu­en noch um einen über­ra­schen­den Gesichts­punkt. Für den Klä­ger bestand ab dem Zugang des schrift­li­chen Hin­wei­ses des Bericht­erstat­ters vom 22.07.2020 Anlass, sich mit mög­li­chen Wech­sel­wir­kun­gen einer gleich­zei­ti­gen Berück­sich­ti­gung und Wert­be­rich­ti­gung der For­de­rung in der Über­gangs­ge­winn­ermitt­lung zu befas­sen. Der sach­kun­dig ver­tre­te­ne Klä­ger hat­te hier­zu bis zur münd­li­chen Ver­hand­lung am 14.08.2020 auch aus­rei­chend Zeit.

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Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 4. Mai 2021 – VIII B 97/​20

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung des BFH, vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 05.04.2011 – VIII B 91/​10, BFH/​NV 2011, 1174, m.w.N.; vom 17.08.2011 – X B 122/​10, BFH/​NV 2011, 1912, Rz 4; vom 02.08.2016 – X B 10/​16, BFH/​NV 2017, 43, Rz 11[]
  2. FG Müns­ter, Urteil vom 14.08.2020 – 14 K 48/​16 F[]
  3. BFH, Beschluss vom 18.11.2011 – V B 25/​11, BFH/​NV 2012, 257, Rz 8, m.w.N.[]
  4. z.B. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2012, 257, Rz 8[]
  5. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2012, 257, Rz 10; in BFH/​NV 2011, 1912, Rz 11[]
  6. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 31.07.2014 – III B 13/​14, BFH/​NV 2014, 1901, Rz 13 ff.; in BFH/​NV 2017, 43, Rz 16[]
  7. BFH, Beschluss vom 19.05.2020 – VIII B 114/​19, BFH/​NV 2020, 1084, Rz 6, zum Aus­blei­ben eines Betei­lig­ten[]

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Überraschungsentscheidung bei nicht durchgeführter Beweiserhebung