Der nach Rechts­kraft neu bekannt gege­be­ne Steu­er­be­scheid

Der nach § 100 Abs. 2 Satz 3 2. Halb­satz FGO neu bekannt gege­be­ne Steu­er­be­scheid ist mit dem Ein­spruch anfecht­bar.

Der nach Rechts­kraft neu bekannt gege­be­ne Steu­er­be­scheid

Nach § 100 Abs. 2 Satz 2 FGO kann das Gericht die Ände­rung des Ver­wal­tungs­akts durch Anga­be der zu Unrecht berück­sich­tig­ten oder nicht berück­sich­tig­ten tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Ver­hält­nis­se so bestim­men, dass die Behör­de den Betrag auf Grund der Ent­schei­dung errech­nen kann, falls die Ermitt­lung des fest­zu­set­zen­den oder fest­zu­stel­len­den Betrags einen nicht uner­heb­li­chen Auf­wand erfor­dert. In die­sem Fall teilt die Behör­de den Betei­lig­ten das Ergeb­nis der Neu­be­rech­nung unver­züg­lich form­los mit (§ 100 Abs. 2 Satz 3 1. Halb­satz FGO). Nach Rechts­kraft der Ent­schei­dung ist der Ver­wal­tungs­akt mit dem geän­der­ten Inhalt neu bekannt zu geben (§ 100 Abs. 2 Satz 3 2. Halb­satz FGO).

Der gemäß § 100 Abs. 2 Satz 3 2. Halb­satz FGO neu bekannt gege­be­ne Steu­er­be­scheid ist ein Ver­wal­tungs­akt i.S. des § 118 Satz 1 der Abga­ben­ord­nung (AO). Er kann mit dem Ein­spruch (§ 347 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO) und ggf. mit der (Anfech­tungs-)Kla­ge (§ 40 Abs. 1 FGO) ange­foch­ten wer­den 1.

Wird ein nach § 100 Abs. 2 Satz 3 2. Halb­satz FGO neu bekannt gege­be­ner Steu­er­be­scheid mit einem Rechts­be­helf ange­foch­ten, kann er im Rechts­be­helfs­ver­fah­ren nur inso­weit über­prüft wer­den, als die Rechts­kraft des vor­an­ge­gan­ge­nen Urteils (§ 110 FGO) einer sol­chen Prü­fung nicht ent­ge­gen­steht 2. Nach § 110 Abs. 2 FGO blei­ben die Vor­schrif­ten der Abga­ben­ord­nung und ande­rer Steu­er­ge­set­ze über die Rück­nah­me, Wider­ruf, Auf­he­bung und Ände­rung von Ver­wal­tungs­ak­ten sowie über die Nach­for­de­rung von Steu­ern unbe­rührt, soweit sich aus Abs. 1 Satz 1 der Vor­schrift nichts ande­res ergibt. Nach Maß­ga­be die­ser Vor­schrift muss das Finanz­amt im Rah­men eines ansons­ten zuläs­si­gen Ein­spruchs gegen einen nach § 100 Abs. 2 Satz 3 2. Halb­satz FGO neu bekannt gege­be­nen Steu­er­be­scheid auch prü­fen, ob Umstän­de eine Ände­rung des Bescheids gebie­ten, denen die mate­ri­el­le Rechts­kraft des Urteils nicht ent­ge­gen­steht. Macht der Steu­er­pflich­ti­ge schlüs­sig gel­tend, es lägen sol­che Umstän­de vor, liegt dar­in eine Beschwer, die zur Zuläs­sig­keit des Ein­spruchs führt.

Über­trägt das Gericht nach Auf­he­bung der Vor­ent­schei­dung gemäß § 100 Abs. 2 Satz 2 FGO die Berech­nung der Steu­er auf das Finanz­amt, hat die­ses unter Außer­acht­las­sung der zu Unrecht berück­sich­tig­ten und unter Berück­sich­ti­gung der zu Unrecht nicht berück­sich­tig­ten tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Ver­hält­nis­se die Steu­er neu zu berech­nen. Das bedeu­tet, dass das Finanz­amt die in jenem Urteil ent­hal­te­nen Vor­ga­ben voll­stän­dig und rech­ne­risch zutref­fend umzu­set­zen hat.

Dar­über hin­aus muss das Finanz­amt prü­fen, ob Umstän­de gel­tend gemacht wor­den sind, die eine Ände­rung des nach § 100 Abs. 2 Satz 3 2. Halb­satz neu bekannt gege­be­nen Bescheids gemäß § 110 Abs. 2 FGO recht­fer­ti­gen, weil ihnen die Rechts­kraft des Urteils nicht ent­ge­gen­steht. Dazu hat das Finanz­amt den Umfang der Rechts­kraft des Urteils zu bestim­men (§ 110 Abs. 1 FGO).

Die Rechts­kraft einer gericht­li­chen Ent­schei­dung bezieht sich auf den Sach- und Rechts­stand im Zeit­punkt ihres Erge­hens. Jeden­falls tat­säch­li­che Ver­än­de­run­gen, die erst nach die­sem Zeit­punkt ein­tre­ten, unter­lie­gen nicht der Bin­dungs­wir­kung, weil die Ent­schei­dung nicht auf ihnen beru­hen kann 3. Aber nicht jede nach­träg­li­che Ände­rung der Sach­la­ge recht­fer­tigt eine Durch­bre­chung der Rechts­kraft. Der Bun­des­fi­nanz­hof neigt zu der Auf­fas­sung, dass Umstän­de, die das Gericht bei sei­ner Ent­schei­dung hät­te berück­sich­ti­gen kön­nen, die es jedoch bewusst (z.B. wegen Ver­let­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten) oder unbe­wusst (z.B. weil sie nicht vor­ge­tra­gen und des­halb nicht bekannt waren) nicht zugrun­de gelegt hat, nicht zum Gegen­stand einer erneu­ten Ent­schei­dung in der­sel­ben Sache gemacht wer­den kön­nen; sie kön­nen allen­falls in engen Gren­zen zur Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens (§ 134 FGO) füh­ren 4.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. März 2017 – IX R 47/​15

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Urtei­le vom 04.05.2011 – I R 67/​10, BFH/​NV 2012, 6, unter II. 1.b; vom 18.11.2004 – V R 37/​03, BFHE 208, 98, BSt­Bl II 2005, 217, unter II. 2.b bb; Gräber/​Stapperfend, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 100 Rz 46 f.; Lan­ge in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 100 FGO Rz 97; Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 100 FGO Rz 33; Schmidt-Tro­je in Beermann/​Gosch, FGO, § 100 Rz 77; Wag­ner in Kühn/​v. Wedel­städt, 21. Aufl., FGO § 100 Rz 14[]
  2. BFH, Urteil in BFH/​NV 2012, 6, unter II. 1.c; Gräber/​Stapperfend, a.a.O., § 100 Rz 47; Schmidt-Tro­je in Beermann/​Gosch, a.a.O., § 100 Rz 77[]
  3. vgl. Gräber/​Ratschow, a.a.O., § 110 Rz 16; Lan­ge in HHSp, § 110 FGO Rz 41[]
  4. vgl. Gräber/​Ratschow, a.a.O., § 110 Rz 18; a.A. Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 110 FGO Rz 16, 20[]