Der Rechts­streit gegen einen Dul­dungs­be­scheid des Finanz­am­tes – nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens

Mit Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens geht die Anfech­tungs­kom­pe­tenz aus §§ 4, 11 AnfG auf den Insol­venz­ver­wal­ter über.

Der Rechts­streit gegen einen Dul­dungs­be­scheid des Finanz­am­tes – nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens

Wenn der Rechts­streit gegen den Dul­dungs­be­scheid des Finanz­amt nicht mehr anhän­gig ist, kann der Insol­venz­ver­wal­ter das Ver­fah­ren nicht mehr auf­neh­men 1. Hat das Finanz­ge­richt die Anfech­tungs­kla­ge gegen den Dul­dungs­be­scheid als unbe­grün­det abge­wie­sen, kommt die Ertei­lung einer voll­streck­ba­ren Aus­fer­ti­gung für den Insol­venz­ver­wal­ter nach § 727 ZPO nicht in Betracht. Das Finanz­amt kann den Anfech­tungs­an­spruch gegen den Anfech­tungs­geg­ner wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens auch mit Zustim­mung des Insol­venz­ver­wal­ters nicht selbst wei­ter­ver­fol­gen 2.

So hat in dem hier ent­schie­de­nen Fall das Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Finanz­ge­richt zutref­fend ange­nom­men, dass der Insol­venz­ver­wal­ter nicht aus dem Dul­dungs­be­scheid voll­stre­cken kann 3. Denn die Durch­set­zung eines Anfech­tungs­an­spruchs durch Dul­dungs­be­scheid nach § 191 AO ist als hoheit­li­che Maß­nah­me dem Finanz­amt vor­be­hal­ten 4, wes­halb der Insol­venz­ver­wal­ter selbst einen Voll­stre­ckungs­ti­tel erstrei­ten muss 5.

Ist das Ver­fah­ren noch anhän­gig, regelt § 17 Abs. 1 AnfG den Fort­gang eines Ver­fah­rens über den Anfech­tungs­an­spruch. Nach § 17 Abs. 1 Satz 1 AnfG wird das Ver­fah­ren unter­bro­chen und der Insol­venz­ver­wal­ter ist nach § 17 Abs. 1 Satz 2 AnfG zur Auf­nah­me die­ses Ver­fah­rens berech­tigt. Die Vor­schrift gilt ‑jeden­falls ent­spre­chend- auch für den Rechts­streit über die Anfech­tungs­kla­ge gegen einen Dul­dungs­be­scheid 6. Mit Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens ist der Ein­zel­gläu­bi­ger­an­fech­tungs­an­spruch aus § 11 AnfG erlo­schen, der Anfech­tungs­an­spruch gehört nun­mehr zur Insol­venz­mas­se. Der Insol­venz­ver­wal­ter ist nach § 16 Abs. 1 Satz 1 AnfG berech­tigt, die von den Insol­venz­gläu­bi­gern erho­be­nen Anfech­tungs­an­sprü­che zu ver­fol­gen, wenn über das Ver­mö­gen des Schuld­ners das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wird 7.

Im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren wer­den die Betei­lig­ten aus­ge­wech­selt. Der Insol­venz­ver­wal­ter kann näm­lich nicht die Betei­lig­ten­stel­lung des Finanz­amt erlan­gen. Viel­mehr muss er den Kla­ge­an­trag umstel­len, weil sich sein Anspruch auf Her­aus­ga­be des betrof­fe­nen Gegen­stan­des an die Insol­venz­mas­se rich­tet 8.

Im vor­lie­gen­den Fall gel­ten die­se Grund­sät­ze jedoch nicht, weil das Ver­fah­ren vor dem Finanz­ge­richt bei Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens nicht mehr anhän­gig war. Der Insol­venz­ver­wal­ter konn­te mit­hin das Ver­fah­ren nicht mehr auf­neh­men und den Kla­ge­an­trag nicht mehr umstel­len.

Aus dem Urteil des Finanz­ge­richt selbst kann der Insol­venz­ver­wal­ter nicht voll­stre­cken, weil der Tenor kei­nen voll­stre­ckungs­fä­hi­gen Inhalt hat. Des­halb begehrt der Insol­venz­ver­wal­ter, wenn er eine voll­streck­ba­re Aus­fer­ti­gung des Urteils bean­tragt, im Ergeb­nis eine Umschrei­bung des Tenors – ohne dass ihm die Umstel­lung des Kla­ge­an­trags noch mög­lich ist. Eine sol­che nach­träg­li­che Umschrei­bung des rechts­kräf­ti­gen Urteils sieht die Finanz­ge­richts­ord­nung nicht vor.

An die­sem Ergeb­nis ver­mag der all­ge­mei­ne Ver­weis in § 155 FGO auf die Vor­schrif­ten der ZPO nichts zu ändern. Denn auch die vom Insol­venz­ver­wal­ter benann­te Vor­schrift des § 727 ZPO gestat­tet kei­ne Umschrei­bung des vor­lie­gen­den Tenors. Soweit ein Titel man­gels eines voll­streck­ba­ren Inhalts (wie hier) nicht klau­sel­fä­hig ist, kann § 727 ZPO kei­ne Anwen­dung fin­den 9. Denn nur wenn ein Urteil einen voll­streck­ba­ren Inhalt hat, kann es mit einer Voll­stre­ckungs­klau­sel ver­se­hen wer­den 10. Dar­an fehlt es im Streit­fall.

Der vom Finanz­ge­richt auf­ge­zeig­te Weg, dem Finanz­amt die Voll­stre­ckung aus dem Dul­dungs­be­scheid zu gestat­ten und damit die Mög­lich­keit der Anord­nung der Aus­zah­lung des Erlang­ten zu eröff­nen, ist nicht gang­bar. Die Vor­schrif­ten des AnfG las­sen nicht zu, dass der Insol­venz­ver­wal­ter den Rück­ge­währ­an­spruch "frei­gibt" mit der Fol­ge, dass der Anspruch vor Been­di­gung des Insol­venz­ver­fah­rens wei­ter­ver­folgt wer­den kann 11.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 24. Juli 2019 – VII B 65/​19

  1. Abgren­zung zu BFH, Urteil vom 18.09.2012 – VII R 14/​11, BFHE 238, 505, BSt­Bl II 2013, 128[]
  2. Fort­füh­rung von BFH, Urteil vom 29.03.1994 – VII R 120/​92, BFHE 174, 295, BSt­Bl II 1995, 225[]
  3. Schles­wig-Hol­stei­ni­schen FG, Beschluss vom 07.05.2019 – 3 K 56/​15[]
  4. BFH, Urteil vom 18.09.2012 – VII R 14/​11, BFHE 238, 505, BSt­Bl II 2013, 128[]
  5. Boeker in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 191 AO Rz 197[]
  6. BFH, Urteil in BFHE 238, 505, BSt­Bl II 2013, 128; ande­rer Ansicht Nie­der­säch­si­sches Finanz­ge­richt, Beschluss vom 20.09.1994 – XV 377/​91, Ent­schei­dun­gen der Finanz­ge­rich­te 1994, 1066, und MünchKommAnfG/​Kirchhof, 1. Aufl., § 17 Rz 10[]
  7. vgl. BFH, Beschluss vom 30.08.2010 – VII B 83/​10, BFH/​NV 2010, 2298, zum Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren; BFH, Urteil vom 29.03.1994 – VII R 120/​92, BFHE 174, 295, BSt­Bl II 1995, 225[]
  8. MünchKommAnfG/​Kirchhof, a.a.O., § 16 Rz 14; Boeker in HHSp, § 191 AO Rz 197; BFH, Urteil in BFHE 238, 505, BSt­Bl II 2013, 128[]
  9. MünchKommZPO/​Wolfsteiner, 5. Aufl., § 727 Rz 5[]
  10. MünchKommZPO/​Wolfsteiner, a.a.O., § 724 Rz 37[]
  11. BFH, Urteil in BFHE 174, 295, BSt­Bl II 1995, 225, unter Gel­tung der Kon­kurs­ord­nung zu § 13 AnfG a.F.[]