Der spä­te­re Umzug des Klä­gers

Nach § 65 Abs. 1 Satz 1 FGO muss die Kla­ge u.a. den Klä­ger, den Beklag­ten und den Gegen­stand des Kla­ge­be­geh­rens bezeich­nen. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs gehört zur Bezeich­nung des Klä­gers vor­be­halt­lich beson­de­rer Umstän­de, die dies unzu­mut­bar erschei­nen las­sen (etwa dro­hen­de Ver­haf­tung), die Anga­be des tat­säch­li­chen Wohn­orts als ladungs­fä­hi­ger Anschrift, und zwar auch dann, wenn der Klä­ger durch einen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­ten ist 1.

Der spä­te­re Umzug des Klä­gers

Dies ent­spricht der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts zu § 82 VwGO 2, der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zu § 92 SGG 3 und auch der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu § 253 ZPO 4.

Die Vor­schrif­ten des § 65 Abs. 1 Satz 1 FGO zu den not­wen­di­gen Anga­ben einer Kla­ge sowie des § 65 Abs. 2 Satz 2 FGO zu der Mög­lich­keit einer Aus­schluss­frist bezie­hen sich auch auf Fäl­le, in denen eine zunächst zutref­fend ange­ge­be­ne Anschrift nach­träg­lich unrich­tig wird.

Aller­dings scheint sowohl der Wort­laut des § 65 Abs. 1 Satz 1 FGO ("Die Kla­ge") als auch sei­ne sys­te­ma­ti­sche Stel­lung zwi­schen den Vor­schrif­ten der §§ 64 und 66 FGO, die bei­de ‑unter Ver­wen­dung des­sel­ben Ter­mi­nus "Die Kla­ge"- ein­deu­tig nur auf den Klage(erhebungs)schrift­satz bezo­gen sind, dar­auf hin­zu­deu­ten, dass die in § 65 FGO gestell­ten Anfor­de­run­gen nur für die Kla­ge­er­he­bung gel­ten und eine spä­te­re Ände­rung der Ver­hält­nis­se die ‑ein­mal gege­be­ne- Zuläs­sig­keit der Kla­ge nicht mehr berührt.

Indes ent­spricht es sowohl der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs als auch des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, dass § 65 FGO auch dann anwend­bar ist, wenn die zunächst zutref­fen­de Anschrift im wei­te­ren Pro­zess­ver­lauf unrich­tig wird. So hat der VII. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs aus­drück­lich ent­schie­den, dass ein Klä­ger ver­än­der­ten Umstän­den in sei­nen per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen durch eine Ergän­zung der Kla­ge­schrift Rech­nung tra­gen muss, und hier­für auch eine Aus­schluss­frist gesetzt wer­den kann 5. Der III. Senat des Bun­des­fi­nanz­hof ist die­ser Her­an­ge­hens­wei­se gefolgt 6. Eben­so hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­ge­führt, dass die Oblie­gen­heit des § 65 Abs. 1 FGO nicht nur die Anga­be einer ladungs­fä­hi­gen Anschrift im Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung betref­fe, son­dern der Klä­ger auch dafür Sor­ge tra­gen müs­se, durch die Anga­be sei­nes tat­säch­li­chen Wohn­orts und Lebens­mit­tel­punkts für das Gericht erreich­bar zu blei­ben 7. Wei­te­re Stim­men haben sich dem ange­schlos­sen 8.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hält an die­ser Recht­spre­chung fest. Zwar hat der BGH ‑zeit­lich vor der erwähn­ten Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts- in sei­nem Urteil in MDR 2004, 1014 zur Vor­schrift des § 253 ZPO die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung ver­tre­ten. Indes besteht inso­fern ein Unter­schied zwi­schen den Ver­fah­rens­ord­nun­gen, als die für die öffent­lich-recht­li­chen Gerichts­bar­kei­ten gel­ten­den Vor­schrif­ten zwar eben­falls Pflicht­an­ga­ben für die Kla­ge ver­lan­gen, aber die nach­träg­li­che Ergän­zung ermög­li­chen, falls die Kla­ge die­se Anga­ben zunächst nicht oder nicht voll­stän­dig ent­hält. Eine ent­spre­chen­de Rege­lung fehlt in der ZPO. Dar­an zeigt sich, dass der Inhalt der "Kla­ge" als Ent­schei­dungs­grund­la­ge für das Urteil, so wie § 65 FGO, § 82 VwGO und § 92 SGG ihn ver­ste­hen, in einem gewis­sen Rah­men durch nach­träg­li­che Anga­ben aus­ge­füllt wer­den kann und gera­de nicht auf den ers­ten, ver­fah­rens­ein­lei­ten­den Schrift­satz fixiert ist. Dann ist es zumin­dest ver­tret­bar, anders als im Gel­tungs­be­reich der ZPO auch nach­träg­li­che Ver­än­de­run­gen der Ver­hält­nis­se in den Mus­s­in­halt der Kla­ge nach § 65 Abs. 1 Satz 1 FGO ein­zu­be­zie­hen, so dass die­se schließ­lich auch Gegen­stand einer Aus­schluss­frist nach § 65 Abs. 2 Satz 2 FGO sein kön­nen.

Die kon­kre­te Anwen­dung der Vor­schrif­ten im Streit­fall ent­sprach nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs die­sen gesetz­li­chen Vor­schrif­ten: Nach­dem der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te im Rah­men sei­nes Frist­ver­län­ge­rungs­an­trags mit­ge­teilt hat­te, er habe zunächst die neue Anschrift des Klä­gers ermit­teln müs­sen, stand fest, dass die ursprüng­lich ange­ge­be­ne Anschrift in der B-Stra­ße nicht mehr zutref­fend war. Das Finanz­ge­richt konn­te daher nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen eine Aus­schluss­frist zur Bei­brin­gung der Anschrift set­zen. Inner­halb die­ser Frist wur­de die Anschrift nicht ange­ge­ben, so dass die Kla­ge unheil­bar unzu­läs­sig wur­de. Die Anga­be der Anschrift in der F‑Straße zwei Jah­re spä­ter im Rah­men des aktua­li­sier­ten PKH-Antrags ver­moch­te dar­an nichts mehr zu ändern. Es ändert eben­falls nichts, dass das Finanz­ge­richt selbst zunächst wohl ‑nur so lässt sich die Auf­for­de­rung zur Ergän­zung des ursprüng­li­chen PKH-Antrags erklä­ren- die Ver­säu­mung der Frist über­se­hen oder falsch beur­teilt hat­te. Es ändert schließ­lich auch nichts, dass das Finanz­ge­richt erst ein wei­te­res Jahr spä­ter ‑2014- die Ent­schei­dung über die Unzu­läs­sig­keit der Kla­ge traf, die es auch unmit­tel­bar nach Ablauf der Aus­schluss­frist im Jah­re 2011 hät­te tref­fen kön­nen. Weder die zwi­schen­zeit­lich irri­ge Beur­tei­lung durch das Finanz­ge­richt noch der Zeit­ab­lauf kön­nen die tat­säch­lich unzu­läs­sig gewor­de­ne Kla­ge wie­der in die Zuläs­sig­keit hin­ein­wach­sen las­sen, auch wenn der Klä­ger danach nicht mehr mit der Abwei­sung der Kla­ge wegen Unzu­läs­sig­keit gerech­net haben mag. Es ver­hält sich inso­weit nicht anders als bei einer unter Ver­säu­mung der Kla­ge­frist ein­ge­reich­ten Kla­ge, die eben­falls nie­mals mehr zuläs­sig wer­den kann, gleich, zu wel­chem Zeit­punkt das Finanz­ge­richt oder der Bun­des­fi­nanz­hof dar­über (abschlie­ßend) ent­schei­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 30. Juni 2015 – X B 28/​15

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 28.01.1997 – VII R 33/​96, BFH/​NV 1997, 585; vom 11.12 2001 – VI R 19/​01, BFH/​NV 2002, 651; vom 17.06.2010 – III R 53/​07, BFH/​NV 2011, 264; BFH, Beschlüs­se vom 07.12 2007 – VII S 17/​07 (PKH), BFH/​NV 2008, 589; und vom 20.12 2012 – I B 38/​12, BFH/​NV 2013, 746[]
  2. BVerwG, Urteil vom 13.04.1999 – 1 C 24/​97, NJW 1999, 2608, HFR 2000, 382; Beschlüs­se vom 01.09.2005 – 1 B 79/​05, 1 B 79/​05 (1 PKH 22/​05), Buch­holz 310 § 82 VwGO Nr. 22; und vom 14.02.2012 – 9 B 79/​11, 9 PKH 7/​11, 9 VR 1/​12, 9 PKH 1/​12, NJW 2012, 1527[]
  3. BSG, Beschluss vom 18.11.2003 – B 1 KR 1/​02 S, SozR 4 – 1500 § 90 Nr. 1[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 09.12 1987 – IVb ZR 4/​87, BGHZ 102, 332, MDR 1988, 393, NJW 1988, 2114; sowie Urteil in MDR 2004, 1014[]
  5. BFH, Urteil in BFH/​NV 1997, 585, unter 3.[]
  6. BFH, Urteil in BFH/​NV 2011, 264[]
  7. BVerfG, Beschluss vom 06.11.2009 – 2 BvL 4/​07, BVerfGK 16, 349, unter B.2.a[]
  8. vgl. Säch­si­sches FG, Urteil vom 26.03.2002 – 7 K 1573/​00; FG Ham­burg, Urteil vom 19.04.2007 – 5 K 193/​06, EFG 2007, 1263; Schall­mo­ser in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 65 FGO Rz 44; Paetsch in Beermann/​Gosch, FGO § 65 Rz 27; Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 65 FGO Rz 7; zu § 82 VwGO mit ähn­li­cher Begrün­dung, wenn auch nicht tra­gend, BVerwG in NJW 1999, 2608, HFR 2000, 382; aus­drück­lich eben­so ‑zu § 82 VwGO- Ham­bur­gi­sches OVG, Urteil vom 14.02.2006 3 Bf 245/​02, NJW 2006, 3082, für das Unbe­kannt­wer­den einer Anschrift wäh­rend des Beru­fungs­ver­fah­rens[]