Der geänderte Steuerbescheid – und das Rechtsschutzbedürfnis des Finanzamtes

Ist unklar und streitig, ob das Verhalten des Finanzamtes zu einer Erledigung des Rechtsstreits zwischen den Instanzen geführt hat, besteht ein Rechtsschutzbedürfnis des im finanzgerichtlichen Verfahren unterlegenen Finanzamt für die Revision.

Der geänderte Steuerbescheid – und das Rechtsschutzbedürfnis des Finanzamtes

Zwar fehlt oder entfällt das Rechtsschutzbedürfnis für ein Rechtsmittel des Finanzamtes, wenn es durch Erlass des begehrten Verwaltungsakts vorbehaltslos dem vom Finanzgericht als rechtmäßig beurteilten Klagebegehren entspricht1.

Davon ist der Bundesfinanzhof im hier entschiedenen Streitfall aber nicht ausgegangen:

Nach § 119 Abs. 1 AO muss ein Verwaltungsakt inhaltlich hinreichend bestimmt sein. Einem Verwaltungsakt muss der Regelungsinhalt eindeutig zu entnehmen sein2. Ob diese Voraussetzungen erfüllt sind, ist im Wege der Auslegung unter Berücksichtigung der Auslegungsregeln der §§ 133, 157 BGB zu ermitteln. Entscheidend sind der erklärte Wille der Behörde und der sich daraus ergebende objektive Erklärungsinhalt der Regelung, wie ihn der Empfänger nach den ihm bekannten Umständen unter Berücksichtigung von Treu und Glauben verstehen konnte3. Zur Auslegung ist das Revisionsgericht befugt, wenn die tatsächlichen Feststellungen des Finanzgericht hierzu ausreichen4.

Bei der Auslegung der “Bescheide” vom 19.01.2017 ist zu berücksichtigen, dass diese erkennbar überflüssig gewesen sind, denn eine Verpflichtung des Finanzamt zum Erlass eines Verwaltungsakts ergibt sich nur aus rechtskräftigen oder vorläufig vollstreckbaren gerichtlichen Entscheidungen. Urteile auf Anfechtungs- und Verpflichtungsklagen können aber nur wegen der Kosten für vorläufig vollstreckbar erklärt werden (§ 151 Abs. 3 FGO)5.

Es ist letztlich offengeblieben, in welcher Form das Finanzamt eigentlich tätig werden wollte, weil sein Verhalten widersprüchlich war. Das Finanzamt hat zwar unter dem 19.01.2017 jeweils einen “Bescheid über Umsatzsteuer” 2009 und 2010 erlassen und dabei zum Ausdruck gebracht, dass es sich um Änderungen der Bescheide vom 12.02.2013 (2009) bzw. 25.09.2013 (2010) nach § 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO (2009) oder § 164 Abs. 2 AO (2010) handeln sollte. Dennoch ist unklar geblieben, ob es sich hierbei um dem vom Finanzgericht als rechtmäßig beurteilten Klagebegehren vorbehaltlos entsprechende Verwaltungsakte handeln sollte. Denn das Finanzamt hat in den “Bescheiden” zugleich mitgeteilt, dass es sich um eine “Berechnung … aufgrund des Urteils des Finanzgerichts vom 21.11.2016 … (und) lediglich um den Vollzug des Urteils und um keine Entscheidung nach § 132 AO über die Rücknahme, Änderung oder Aufhebung des angefochtenen Bescheids” handeln sollte. Auch die Rechtsbehelfsbelehrung sollte nicht für diese Berechnung gelten.

Ist -wie hier- unklar und streitig, ob das Verhalten des Finanzamt zu einer Erledigung des Rechtsstreits zwischen den Instanzen geführt hat, besteht ein Rechtsschutzbedürfnis des im finanzgerichtlichen Verfahren unterlegenen Finanzamt für die Revision6.

Bundesfinanzhof, Urteile vom 21. Juni 2017 – V R 3/17

  1. BFH, Beschlüsse vom 30.12 2004 – XI R 80/03, BFH/NV 2005, 1572; vom 01.12 1993 – X R 99/91, BFHE 173, 9, BStBl II 1994, 305; vom 02.10.1992 – VI B 105/91, BFHE 169, 20, BStBl II 1993, 57; vom 17.11.1981 – VIII R 193/80, BFHE 135, 21, BStBl II 1982, 263 []
  2. z.B. BFH, Urteile vom 26.11.2009 – III R 87/07, BFHE 227, 466, BStBl II 2010, 429; vom 22.08.2007 – II R 44/05, BFHE 218, 494, BStBl II 2009, 754 []
  3. BFH, Urteile vom 27.10.2015 – VIII R 59/13, BFH/NV 2016, 726; vom 21.07.2011 – II R 6/10, BFHE 234, 474, BStBl II 2011, 906; vom 15.04.2010 – V R 11/09, BFH/NV 2010, 1830; vom 26.11.2009 – III R 67/07, BFHE 228, 42, BStBl II 2010, 476; in BFHE 227, 466, BStBl II 2010, 429; vom 09.04.2008 – II R 31/06, BFH/NV 2008, 1435; in BFHE 218, 494, BStBl II 2009, 754; vom 11.07.2006 – VIII R 10/05, BFHE 214, 18, BStBl II 2007, 96 []
  4. z.B. BFH, Urteil in BFH/NV 2016, 726 []
  5. vgl. BFH, Beschluss in BFHE 173, 9, BStBl II 1994, 305 []
  6. vgl. BFH, Beschluss in BFHE 173, 9, BStBl II 1994, 305; BFH-Zwischenurteil vom 15.06.1983 – II R 30/81, BFHE 138, 517, BStBl II 1983, 680 []