Der Steu­er­be­scheid und der spä­ter erlas­se­ne Grund­la­gen­be­scheid

Die (Folge-)Änderung eines Steu­er­be­schei­des ist nach Ansicht des Finanz­ge­richts Baden-Würt­tem­berg auch dann zuläs­sig, wenn sie auf einen Grund­la­gen­be­scheid gestützt wird, der in einem erst nach Bestands­kraft des Steu­er­be­scheids gesetz­lich ein­ge­führ­ten Fest­stel­lungs­ver­fah­ren ergan­gen ist.

Der Steu­er­be­scheid und der spä­ter erlas­se­ne Grund­la­gen­be­scheid

Die Ände­rungs­be­fug­nis und zugleich auch die Ver­pflich­tung des Finanz­am­tes zur Ände­rung des ursprüng­li­chen Steu­er­be­schei­des ergibt sich für das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg indes­sen aus § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO.

Nach die­ser Vor­schrift ist ein (Fol­ge-) Steu­er­be­scheid zu erlas­sen, auf­zu­he­ben oder zu ändern, soweit ein Grund­la­gen­be­scheid i. S. des § 170 Abs. 10 AO, dem Bin­dungs­wir­kung für die­sen Steu­er­be­scheid zukommt, erlas­sen, auf­ge­ho­ben oder geän­dert wird. Grund­la­gen­be­scheid ist nach der Legal­de­fi­ni­ti­on des § 171 Abs. 10 Satz 1 AO ein Fest­stel­lungs­be­scheid, ein Steu­er­mess­be­scheid oder ein ande­rer Ver­wal­tungs­akt, soweit er für die Fest­set­zung einer Steu­er bin­dend ist. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs bewirkt die Bin­dungs­wir­kung eines sol­chen Grund­la­gen­be­scheids, dass das für den Erlass eines Fol­ge­be­scheids zustän­di­ge Finanz­amt ver­pflich­tet ist, die Fol­ge­run­gen aus dem Grund­la­gen­be­scheid zu zie­hen 1. Damit begrün­det § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO eine "abso­lu­te Anpas­sungs­ver­pflich­tung" 2. Die Vor­schrift stellt die Anpas­sung des Fol­ge­be­scheids mit­hin nicht in ein wie auch immer gear­te­tes Ermes­sen der Finanz­be­hör­den. Viel­mehr bezweckt sie die Ermitt­lung und Fest­set­zung der zutref­fen­den Steu­er, wobei sie der mate­ri­el­len Rich­tig­keit des Fol­ge­be­scheids den Vor­rang vor der Bestands­kraft eines bereits ergan­ge­nen Fol­ge­be­scheids ein­räumt 3.

Der­ar­ti­ge Fest­stel­lun­gen der Finanz­ver­wal­tung las­sen sich auf § 1 Abs. 1 Satz 2 V zu § 180 Abs. 2 AO 4 geän­der­ten Fas­sung stüt­zen, die am 30. Dezem­ber 1999 als dem Tag nach der Ver­kün­dung des StBereinG 1999 im Bun­des­ge­setz­blatt in Kraft getre­ten ist (Art. 28 Abs. 2 StBereinG 1999). Die­ser Vor­schrift beruht – in ver­fas­sungs­kon­for­mer Wei­se 5 – auf § 180 Abs. 2 AO, der dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Finan­zen die Kom­pe­tenz zuweist, zur Sicher­stel­lung einer ein­heit­li­chen Rechts­an­wen­dung bei glei­chen Sach­ver­hal­ten die Durch­füh­rung von Ver­fah­ren zur geson­der­ten und ein­heit­li­chen Fest­stel­lung von Besteue­rungs­grund­la­gen anzu­ord­nen.

Dem steht nach Ansicht des Finanz­ge­richts Baden-Würt­tem­ber nicht ent­ge­gen, dass sich die Finanz­ver­wal­tung auf die­se Wei­se mit Hil­fe der nach­träg­lich durch­ge­führ­ten Fest­stel­lung die Mög­lich­keit zur Fol­ge­än­de­rung eines bereits bestands­kräf­ti­gen Eigen­heim­zu­la­gen­be­scheids – der auf ande­rem Wege nicht mehr zu berich­ti­gen gewe­sen wäre – erst eröff­net hat.

Die im Schrift­tum ver­ein­zelt gegen die­se Ände­rungs­mög­lich­keit erho­be­nen Beden­ken 6 teilt das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg nicht 7. Soweit die­se Beden­ken in der Rechts­an­sicht mün­den, dass in Fäl­len, in denen bei den Betei­lig­ten der Ein­druck ent­stan­den ist, „dass die Sache ent­schie­den sei“, die Fest­stel­lung vom Wohn­sitz-Finanz­amt "nicht mehr aus­ge­wer­tet wer­den" dür­fe 8, steht ihr zudem der kla­re Wort­laut des § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO (der „Steu­er­be­scheid ist (…) auf­zu­he­ben“) ent­ge­gen, der den Finanz­be­hör­den bei der Anpas­sung des Fol­ge­be­scheids gera­de kei­nen Ermes­sens­spiel­raum zuweist. Dane­ben gehen offen­kun­dig auch die bereits vor­lie­gen­de Recht­spre­chung wie auch das wei­te­re Schrift­tum davon aus, dass die nach­träg­li­che Fest­stel­lung von Besteue­rungs­grund­la­gen nach § 1 Abs. 1 V zu § 180 Abs. 2 AO und ihre anschlie­ßen­de Umset­zung durch Ände­rung bereits bestands­kräf­ti­ger Steu­er­be­schei­de ver­fah­rens­recht­lich zuläs­sig ist 9.

Eine unzu­läs­si­ge Rück­wir­kung ist damit jeden­falls dann nicht ver­bun­den, wenn die Finanz­be­hör­den die Anpas­sung von Fol­ge­be­schei­den – wie im Streit­fall gesche­hen – auf Zeit­räu­me beschrän­ken, in denen die Kom­pe­tenz zur geson­der­ten und ein­heit­li­chen Fest­stel­lung von Besteue­rungs­grund­la­gen nach § 1 Abs. 1 Satz 2 V zu § 180 Abs. 2 AO bereits begrün­det war. Denn ab die­sem Zeit­punkt (hier: seit dem 30. Dezem­ber 1999) konn­te der Steu­er­pflich­ti­ge nicht mehr dar­auf ver­trau­en, dass die ursprüng­li­che Steu­er­fest­set­zung noch Bestand haben und nicht durch eine nach­fol­gen­de Fest­stel­lung (zumin­dest bezo­gen auf die Zeit­räu­me nach Eröff­nung der Fest­stel­lungs­be­fug­nis) noch über­holt wer­den wür­de.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 17. März 2010 – 1 K 3609/​09

  1. vgl. z. B. BFH, Urteil vom 28.11.2001 – X R 23/​97, BFH/​NV 2002, 614[]
  2. BFH, Urteil vom 28.11.2007 – X R 11/​07, BFHE 220, 3, BSt­Bl II 2008, 335; Koenig in Pahlke/​Koenig, Abga­ben­ord­nung, § 175 Rz. 22[]
  3. BFH, Urteil vom 16.07.2003 – X R 37/​99, BFHE 203, 14, BSt­Bl II 2003, 867[]
  4. in der durch Art. 19 Nr. 1 des Geset­zes zur Berei­ni­gung von steu­er­li­chen Vor­schrif­ten (Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­setz 1999 – StBereinG 1999) vom 22. Dezem­ber 1999, BGBl I 1999, 2601, BSt­Bl I 2000, 13[]
  5. vgl. BFH, Urteil vom 01.12.1987 – IX R 90/​86, BFHE 152, 17, BSt­Bl II 1988, 319; Koenig in Pahlke/​Koenig, a. a. O., § 180 Rz. 46, m. w. N.[]
  6. vgl. Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 180 AO Rz. 92: "nicht unpro­ble­ma­tisch"[]
  7. glei­cher Ansicht: Söhn in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 180 AO Rz. 175[]
  8. Frot­scher in Schwarz, Abga­ben­ord­nung, § 180 Rz. 170[]
  9. vgl. BFH, Urteil vom 01.12.1987 – IX R 104/​83, BFH/​NV 1989, 99; und Nds. FG, Urteil vom 11.06.1997 – II 334/​96, EFG 1997, 1354; Rat­schow in Klein, Abga­ben­ord­nung, 10. Aufl., § 180 Rz. 39; Koenig in Pahlke/​Koenig, a. a. O., § 180 Rz. 64[]