Der Steu­er­be­scheid – und die irri­ge Beur­tei­lung eines Sach­ver­halts

Der Begriff "bestimm­ter Sach­ver­halt" erfasst nicht nur ein­zel­ne steu­er­erheb­li­che Tat­sa­chen, son­dern auch den ein­heit­li­chen, für die Besteue­rung maß­geb­li­chen Sach­ver­halts­kom­plex, sofern die ihn bil­den­den Sach­ver­halts­ele­men­te einen inne­ren Zusam­men­hang auf­wei­sen.

Der Steu­er­be­scheid – und die irri­ge Beur­tei­lung eines Sach­ver­halts

Ist auf­grund irri­ger Beur­tei­lung eines bestimm­ten Sach­ver­halts ein Steu­er­be­scheid ergan­gen, der auf­grund eines Rechts­be­helfs oder sonst auf Antrag des Steu­er­pflich­ti­gen durch die Finanz­be­hör­de zu sei­nen Guns­ten auf­ge­ho­ben oder geän­dert wird, so kön­nen nach § 174 Abs. 4 Satz 1 AO aus dem Sach­ver­halt nach­träg­lich durch Erlass oder Ände­rung eines Steu­er­be­scheids die rich­ti­gen steu­er­li­chen Fol­ge­run­gen gezo­gen wer­den. Dies gilt gemäß § 174 Abs. 4 Satz 2 AO auch dann, wenn der Steu­er­be­scheid durch das Gericht auf­ge­ho­ben oder geän­dert wird. Der Ablauf der Fest­set­zungs­frist ist unbe­acht­lich, wenn die steu­er­li­chen Fol­ge­run­gen inner­halb eines Jah­res nach Auf­he­bung oder Ände­rung des feh­ler­haf­ten Steu­er­be­scheids gezo­gen wer­den (§ 174 Abs. 4 Satz 3 AO). Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen im Streit­fall vor:

Ent­ge­gen der Ansicht des Finanz­ge­richt han­delt es sich bei den Ver­ein­ba­run­gen vom 22.10.1997 zwi­schen dem Klä­ger und der H‑GmbH und den dar­auf beru­hen­den Zah­lun­gen sowie den Ver­trags­be­zie­hun­gen des Klä­gers mit der GEMA und deren Zah­lun­gen an die H‑GmbH um einen "bestimm­ten Sach­ver­halt" i.S. von § 174 Abs. 4 AO.

Bei dem Tat­be­stands­merk­mal des "bestimm­ten Sach­ver­halts" han­delt es sich um einen unbe­stimm­ten Rechts­be­griff, der anhand des Norm­zwecks zu kon­kre­ti­sie­ren ist. Danach soll der Steu­er­pflich­ti­ge im Fall sei­nes Obsie­gens an sei­nem Rechts­stand­punkt fest­ge­hal­ten wer­den, soweit der­sel­be Sach­ver­halt zu beur­tei­len ist. Der Steu­er­pflich­ti­ge, der erfolg­reich für sei­ne Rechts­an­sicht gestrit­ten hat, muss auch die damit ver­bun­de­nen Nach­tei­le hin­neh­men 1. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung ist unter einem bestimm­ten Sach­ver­halt der ein­zel­ne Lebens­vor­gang zu ver­ste­hen, an den das Gesetz steu­er­li­che Fol­gen knüpft. Der Begriff erfasst nicht nur ein­zel­ne steu­er­erheb­li­che Tat­sa­chen, son­dern den ein­heit­li­chen, für die Besteue­rung maß­geb­li­chen Sach­ver­halts­kom­plex 2. Dabei müs­sen der ursprüng­lich beur­teil­te und der tat­säch­lich ver­wirk­lich­te Lebens­sach­ver­halt und Besteue­rungs­sach­ver­halt nicht voll­stän­dig über­ein­stim­men 3.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall umfasst der Sach­ver­halts­kom­plex sowohl die in 1997 und 1998 erfolg­ten und auf einem Dar­le­hens­ver­trag beru­hen­den Zah­lun­gen der H‑GmbH von 2.000.000 DM gegen Abtre­tung der Lizenz­an­sprü­che des Klä­gers bei der GEMA als auch die Ver­trags­be­zie­hun­gen des Klä­gers zur GEMA und die dar­auf beru­hen­den jähr­li­chen Lizenz­zah­lun­gen.

Meh­re­re Sach­ver­halts­ele­men­te bil­den dann einen ein­heit­li­chen Lebens­vor­gang und Sach­ver­halts­kom­plex, wenn die betref­fen­den Sach­ver­halts­ele­men­te einen inne­ren Zusam­men­hang auf­wei­sen 4.

Dabei muss der Sach­ver­halt nicht in vol­lem Umfang inhalts­gleich sein, viel­mehr kann es ‑wie im Streit­fall- nach den Erfor­der­nis­sen des jewei­li­gen steu­er­li­chen Tat­be­stan­des genü­gen, dass er zumin­dest zu einem Teil in den wider­strei­ten­den Steu­er­fest­set­zun­gen deckungs­gleich ist 5.

Eine "irri­ge Beur­tei­lung" i.S. von § 174 Abs. 4 Satz 1 AO liegt vor, wenn sich die Beur­tei­lung des bestimm­ten Sach­ver­halts nach­träg­lich als unrich­tig erweist 6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 12. Febru­ar 2015 – V R 38/​13

  1. BFH, Urteil vom 14.11.2012 – I R 53/​11, BFH/​NV 2013, 690, BFH, Beschluss vom 21.05.2004 – V B 30/​03, BFH/​NV 2004, 1497[]
  2. BFH, Urtei­le vom 19.12 2013 – V R 7/​12, BFHE 245, 80; vom 24.04.2013 – II R 53/​10, BFHE 241, 63, BSt­Bl II 2013, 755; und vom 16.04.2013 – IX R 22/​11, BFHE 241, 136[]
  3. BFH, Urteil vom 14.01.2010 – IV R 33/​07, BFHE 228, 122, BSt­Bl II 2010, 586, m.w.N.[]
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 19.11.2003 – I R 41/​02, BFH/​NV 2004, 604, Rz 15; FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 25.10.2012 14 K 1400/​11 E, Ent­schei­dun­gen der Finanz­ge­rich­te 2014, 709, Rz 32; Frot­scher in Schwarz, Kom­men­tar zur AO, § 174 Rz 12[]
  5. BFH, Urteil vom 19.11.2003 – I R 41/​02, BFH/​NV 2004, 604, Rz 15 a.E.; BFH, Beschluss vom 06.12 1979 – IV B 56/​79, BFHE 130, 1, BSt­Bl II 1980, 314, Rz 22; von Groll in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 174 AO Rz 57 und 82; Frot­scher in Schwarz, AO, § 174 Rz 29; Loo­se in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 174 AO Rz 5; v. Wedel­städt in Beermann/​Gosch, § 174 AO Rz 18[]
  6. BFH, Urteil vom 21.08.2007 – I R 74/​06, BFHE 218, 487, BSt­Bl II 2008, 277[]