Die Ableh­nung eines Befan­gen­heits­ge­suchs – und kein Revisionsgrund

Beschlüs­se gegen die Ableh­nung von Gerichts­per­so­nen kön­nen nach § 128 Abs. 2 FGO nicht mit der Beschwer­de ange­foch­ten wer­den. Da dem End­ur­teil vor­an­ge­gan­ge­ne Ent­schei­dun­gen, die nach der Finanz­ge­richts­ord­nung unan­fecht­bar sind, nicht der Beur­tei­lung der Revi­si­on unter­lie­gen (§ 124 Abs. 2 FGO), kann eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de grund­sätz­lich nicht auf die Ableh­nung eines Befan­gen­heits­ge­suchs gestützt werden.

Die Ableh­nung eines Befan­gen­heits­ge­suchs – und kein Revisionsgrund

Gel­tend gemacht wer­den kön­nen nur sol­che Ver­fah­rens­män­gel, die als Fol­ge der Ableh­nung des Befan­gen­heits­ge­suchs dem ange­foch­te­nen Urteil anhaften.

Ein Zulas­sungs­grund liegt daher nur vor, wenn die Ableh­nung gegen das Will­kür­ver­bot ver­stößt oder ein Ver­fah­rens­grund­recht ver­letzt wird, wie z.B. der Anspruch auf den gesetz­li­chen Rich­ter (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG).

Des­halb hat eine Beset­zungs­rü­ge nur dann Aus­sicht auf Erfolg, wenn sich dem Beschwer­de­vor­brin­gen ent­neh­men lässt, dass der Beschluss über die Zurück­wei­sung des Ableh­nungs­ge­suchs nicht nur feh­ler­haft, son­dern greif­bar gesetz­wid­rig und damit will­kür­lich ist1.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall hat das Hes­si­sche Finanz­ge­richt das Ableh­nungs­ge­such der Klä­ge­rin gegen den bericht­erstat­ten­den Rich­ter mit Beschluss vom 30.08.2018 ohne des­sen Mit­wir­kung gemäß § 51 Abs. 1 FGO i.V.m. §§ 46 Abs. 1, 47 ZPO will­kürfrei abge­lehnt2. Soweit die Klä­ge­rin die Besorg­nis der Befan­gen­heit auf frü­he­re Ent­schei­dun­gen des Bericht­erstat­ters als Ein­zel­rich­ter, ins­be­son­de­re die Abwei­sung der Kla­gen des L, gestützt hat, ist das FG in dem genann­ten Beschluss zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass eine Besorg­nis der Befan­gen­heit nicht des­we­gen besteht, weil ein Rich­ter an einem Urteil mit­ge­wirkt hat, das eine der Par­tei­en für falsch hält, oder weil die Par­tei die Rechts­auf­fas­sung des Rich­ters für falsch hält und des­halb mit einer für sie ungüns­ti­gen Ent­schei­dung rech­net3. Eine Rich­terab­leh­nung kann auch nicht allein damit gerecht­fer­tigt wer­den, dass der Rich­ter im Dienst des beklag­ten Lan­des steht und von die­sem Gehalt bezieht, auch nicht, wenn er der Dienst­auf­sicht des betrof­fe­nen Minis­te­ri­ums unter­liegt4. Andern­falls könn­te kein in den Diens­ten eines Lan­des (oder des Bun­des) ste­hen­der Rich­ter über Steu­er­an­sprü­che ent­schei­den. Der einen Rich­ter Ableh­nen­de muss viel­mehr einen ver­nünf­ti­gen Grund für die Annah­me vor­tra­gen, dass sich der Rich­ter aus einer in sei­ner Per­son lie­gen­den indi­vi­du­el­len Ursa­che her­aus bei sei­ner Ent­schei­dung von fal­schen Rück­sich­ten lei­ten las­sen wer­de5. Dafür ist im Streit­fall nichts ersichtlich.

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Die wei­te­ren Ableh­nungs­ge­su­che waren gleich­falls unzu­läs­sig, weil die Klä­ge­rin kei­ne in der Per­son jedes ein­zel­nen Rich­ters lie­gen­den Umstän­de vor­ge­tra­gen hat, wel­che die Besorg­nis der Befan­gen­heit recht­fer­ti­gen könn­ten. Anhalts­punk­te dafür, dass die Rich­ter, wel­che die Vor­ent­schei­dung getrof­fen haben, gra­vie­ren­de Fehl­ent­schei­dun­gen getrof­fen haben und sich dabei „offen­kun­dig ggf. aus Rache­grün­den lei­ten lie­ßen“, wie die Klä­ge­rin ohne nähe­re Anga­ben behaup­tet, gibt es nicht.

Da die Ableh­nungs­ge­su­che unzu­läs­sig waren, konn­te das FG auch unter Mit­wir­kung der abge­lehn­ten Rich­ter und ohne vor­he­ri­ge Abga­be dienst­li­cher Äuße­run­gen i.S. des § 44 Abs. 3 ZPO zusam­men mit dem Urteil ent­schei­den und die Ent­schei­dung in den Urteils­grün­den begrün­den6.

Wegen der von den unzu­läs­sig abge­lehn­ten Rich­tern vor der Ent­schei­dung über die Ableh­nungs­ge­su­che durch­ge­führ­ten Ver­fah­rens­hand­lun­gen ‑der Ladung, der Eröff­nung und Durch­füh­rung der münd­li­chen Ver­hand­lung u.a.- ist die Revi­si­on auch nicht wegen eines Ver­sto­ßes gegen das Mit­wir­kungs­ver­bot gemäß § 47 Abs. 1 ZPO i.V.m. § 51 Abs. 1 Satz 1 FGO zuzulassen.

Ein abge­lehn­ter Rich­ter hat nach die­sen Vor­schrif­ten vor Erle­di­gung des Ableh­nungs­ge­suchs zwar nur sol­che Hand­lun­gen vor­zu­neh­men, die kei­nen Auf­schub gestat­ten. Die War­te­pflicht des § 47 ZPO kann jedoch nicht mehr gerügt wer­den, wenn das Ableh­nungs­ge­such ‑wie im Streit­fall- im Ergeb­nis erfolg­los bleibt7. Ist ein Ableh­nungs­ge­such zu Recht zurück­ge­wie­sen wor­den, wird ein even­tu­el­ler Ver­stoß des abge­lehn­ten Rich­ters gegen die War­te­pflicht geheilt8. Denn in die­sem Fall steht fest, dass der ver­fas­sungs­mä­ßig garan­tier­te Rich­ter (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) die Ent­schei­dung getrof­fen hat9.

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Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 21. Okto­ber 2020 – VII B 119/​19

  1. stän­di­ge BFH-Recht­spre­chung, vgl. BFH, Beschlüs­se vom 04.12.2017 – X B 91/​17, BFH/​NV 2018, 342, Rz 14; vom 13.01.2003 – III B 51/​02, BFH/​NV 2003, 640, unter 3.b; und vom 28.05.2003 – III B 87/​02, BFH/​NV 2003, 1218, unter 1.a[]
  2. Hess. FG, Beschluss vom 30.08.2018 – 6 K 494/​18[]
  3. vgl. etwa BFH, Beschluss vom 30.09.1998 – XI B 22/​98, BFH/​NV 1999, 348, Rz 9, m.w.N.[]
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 21.07.1967 – III B 37/​67, BFHE 90, 160, BStBl – II 1968, 12[]
  5. vgl. BFH, Beschluss in BFHE 90, 160, BStBl – II 1968, 12, unter III.[]
  6. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. z.B. BGH, Beschluss vom 04.03.2014 – VII B 131/​13, BFH/​NV 2014, 1055; BFH, Beschlüs­se vom 10.04.2015 – III B 42/​14, BFH/​NV 2015, 1102; vom 20.06.2013 – IX S 12/​13, BFH/​NV 2013, 1444; und vom 27.10.2006 – VI B 118/​05, BFH/​NV 2007, 97[]
  7. vgl. BFH, Beschluss vom 29.08.2019 – X B 38/​19, BFH/​NV 2020, 30, m.w.N.[]
  8. vgl. BFH, Beschluss vom 17.10.1996 – XI R 13/​96, juris; Kam­mer­be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 30.11.1987 – 1 BvR 1033/​87, Zeit­schrift für Wirt­schafts­recht 1988, 174, unter 2.[]
  9. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2020, 30, m.w.N.[]