Die auf­ge­zwun­ge­ne Aus­set­zung der Voll­zie­hung

Die Finanz­ver­wal­tung darf Steu­er­pflich­ti­gen die Aus­set­zung der Voll­zie­hung eines Steu­er­be­schei­des nicht mit dem Ziel auf­drän­gen, dem Staat Zins­vor­tei­le zu ver­schaf­fen, urteil­te jetzt das Finanz­ge­richt Köln.

Die auf­ge­zwun­ge­ne Aus­set­zung der Voll­zie­hung

Wird wäh­rend eines Ein­spruchs- oder Kla­ge­ver­fah­rens die Voll­zie­hung eines Steu­er­be­schei­des aus­ge­setzt (§ 361 AO), so sind bei erfolg­lo­sem Rechts­be­helf spä­ter Aus­set­zungs­zin­sen in Höhe von 6 % jähr­lich (§ 237 Abs.1 AO) an den Fis­kus zu bezah­len. Ist ander­seits eine Aus­set­zung nicht erfolgt und hat der Steu­er­pflich­ti­ge die strei­ti­ge Steu­er­schuld bezahlt, so erhält er im Fal­le des Erfolgs den Erstat­tungs­be­trag vom Finanz­amt mit 6 % ver­zinst (§ 233a Abs. 1 und 2 AO). In Nied­rig­zins­pha­sen, in denen das Kapi­tal­markt­zins­ni­veau unter­halb der Höhe der Aus­set­zungs- bzw. Erstat­tungs­zin­sen von 6 % liegt, kann es für den Steu­er­pflich­ti­gen im Ein­zel­fall erheb­lich güns­ti­ger sein, auf eine Aus­set­zung des Steu­er­be­schei­des zu ver­zich­ten und den strei­ti­gen Steu­er­be­trag (vor­über­ge­hend) am Markt zu refi­nan­zie­ren. Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Finanz­ver­wal­tung in letz­ter Zeit dazu über­ge­gan­gen, in lukra­ti­ven Fäl­len den Steu­er­pflich­ti­gen gegen ihren Wil­len von Amts wegen eine Aus­set­zung der Voll­zie­hung zu gewäh­ren, um damit dem Staat eine Ver­zin­sung über dem Kapi­tal­markt­ni­veau zu sichern bzw. zu erspa­ren.

Der Ent­schei­dung liegt ein Fall zugrun­de, bei dem die Klä­ge­rin nach einer steu­er­li­chen Außen­prü­fung meh­re­re Mil­lio­nen an das Finanz­amt nach­zah­len soll­te. Die Klä­ge­rin zahl­te frist­ge­recht, leg­te aber gegen die geän­der­ten Steu­er­be­schei­de Ein­spruch beim Finanz­amt ein. Das Finanz­amt setz­te auf ent­spre­chen­de Anwei­sung des Finanz­mi­nis­te­ri­ums Nord­rhein-West­fa­len den gesam­ten Nach­for­de­rungs­be­trag ab Fäl­lig­keit von der Voll­zie­hung aus und erstat­te­te den Betrag an die Klä­ge­rin zurück.

Gegen die­se auf­ge­zwun­ge­ne Aus­set­zung wehr­te sich die Klä­ge­rin nach erfolg­lo­sem Ein­spruchs­ver­fah­ren mit der Kla­ge. Sie berief sich dar­auf, dass die Aus­set­zung unrecht­mä­ßig sei, weil sie zu einem Zins­scha­den füh­re. Sie kön­ne sich am Markt zu einem Zins­satz zwi­schen ca. 2 % und 4,3 % refi­nan­zie­ren, wäh­rend im Fal­le eines Miss­erfol­ges zwin­gend Aus­set­zungs­zin­sen von 6 % anfie­len. Das Finanz­ge­richt Köln gab der Kla­ge im Wesent­li­chen statt: Eine auf­ge­zwun­ge­ne Aus­set­zung der Voll­zie­hung sei, so das Finanz­ge­richt, grund­sätz­lich ermes­sens­feh­ler­haft. Die Aus­set­zung der Voll­zie­hung die­ne dem vor­läu­fi­gen Rechts­schutz des Bür­gers. Es fin­de sich – von Aus­nah­me­fäl­len abge­se­hen – kein plau­si­bler Grund, war­um das finan­zi­el­le Inter­es­se des Staa­tes inso­weit von Bedeu­tung sein sol­le. Die Zwangs­aus­set­zung ver­sto­ße im Übri­gen auch gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art 3 Abs. 1 GG. Eine Aus­set­zung der Voll­zie­hung gegen den Wil­len des Steu­er­pflich­ti­gen erfol­ge näm­lich nur in einer ver­schwin­dend gerin­gen Anzahl von Fäl­len und soweit ersicht­lich nur bei erheb­li­chen Streit­wer­ten.

Finanz­ge­richt Köln, Urteil vom 8. Sep­tem­ber 2010 – 13 K 960/​08