Die eigen­mäch­ti­ge Ein­spruchs­rück­nah­me

Der Steu­er­be­ra­ter darf einen im Auf­trag des Man­dan­ten ein­ge­leg­ten Ein­spruch nicht eigen­mäch­tig zurück­neh­men.

Die eigen­mäch­ti­ge Ein­spruchs­rück­nah­me

Der Steu­er­ber­ter ver­stößt gegen sei­ne Pflich­ten aus dem Bera­tungs­ver­trag, indem er den Ein­spruch gegen den Ein­kom­men­steu­er­be­scheid eigen­mäch­tig, ohne Rück­spra­che mit sei­nem Man­dan­ten, zurück­nimmt.

Grund­sätz­lich ist der recht­li­che Bera­ter – der Steu­er­be­ra­ter eben­so wie der Rechts­an­walt – ver­pflich­tet, die Wei­sun­gen sei­nes Man­dan­ten zu befol­gen 1. Nach § 675 Abs. 1, § 665 BGB ist er zwar berech­tigt, von den Wei­sun­gen des Auf­trag­ge­bers abzu­wei­chen, wenn er den Umstän­den nach anneh­men darf, dass der Auf­trag­ge­ber bei Kennt­nis der Sach­la­ge die Abwei­chung bil­li­gen wür­de. Vor der Abwei­chung hat er jedoch dem Auf­trag­ge­ber Anzei­ge zu machen und des­sen Ent­schlie­ßung abzu­war­ten, wenn nicht mit dem Auf­schub Gefahr ver­bun­den ist. Der Auf­trag­ge­ber trägt das Miss­erfolgs- und Kos­ten­ri­si­ko des Auf­trags; des­we­gen hat er und nicht der Bera­ter die grund­le­gen­den Ent­schei­dun­gen dar­über zu tref­fen, in wel­cher Wei­se sei­ne Inter­es­sen wahr­ge­nom­men wer­den sol­len 2. Der Bera­ter darf, auch wenn er über ein höhe­res Maß an Sach­kun­de und Erfah­rung in schwie­ri­gen Rechts- und Sach­la­gen ver­fügt, nicht sei­ne Ent­schei­dung an die Stel­le der­je­ni­ger sei­nes Man­dan­ten set­zen. Weicht der Bera­ter von einer Wei­sung des Man­dan­ten ab, liegt dar­in eine Pflicht­ver­let­zung, die ihn zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­ten kann 3. Anspruchs­grund­la­ge ist inso­weit § 280 BGB 4.

Indem der Steu­er­be­ra­ter den Ein­spruch zurück­ge­nom­men hat, hat er gegen eine Wei­sung des Man­dan­ten ver­sto­ßen. Wird ein Steu­er­be­ra­ter beauf­tragt, Ein­spruch gegen einen Steu­er­be­scheid ein­zu­le­gen, heißt das in aller Regel zugleich, dass der auf­trags­ge­mäß ein­ge­leg­te Ein­spruch durch­ge­führt und nicht zurück­ge­nom­men wer­den soll.

Der Steu­er­be­ra­ter ist nach dem Hin­weis des zustän­di­gen Finanz­amts auf die Aus­sichts­lo­sig­keit des Ein­spruchs und auf­grund der ihm bekann­ten sei­ner­zei­ti­gen Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs wohl davon aus­ge­gan­gen, dass der Man­dant einer Rück­nah­me des Ein­spruchs zustim­men wür­de. Gleich­wohl hät­te er ihn von sei­ner Absicht, den Ein­spruch zurück­zu­neh­men, in Kennt­nis set­zen und sei­ne Ent­schei­dung abwar­ten müs­sen. Aus­rei­chend Zeit hät­te er gehabt. Dass Gefahr im Ver­zug gewe­sen wäre, hat der für die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen einer berech­tig­ten Abwei­chung nach § 665 BGB dar­le­gungs- und beweis­pflich­ti­ge Steu­er­be­ra­ter 5 im hier ent­schie­de­nen Fall nicht vor­ge­tra­gen. Sein Han­deln war schuld­haft; denn sei­ne Ver­trags­pflich­ten, ins­be­son­de­re die Vor­schrift des § 665 BGB, hat der Steu­er­be­ra­ter zu ken­nen.

Die in der unter­blie­be­nen Rück­fra­ge lie­gen­de Pflicht­ver­let­zung hat den gel­tend gemach­ten Scha­den ver­ur­sacht.

Ver­letzt der Steu­er­be­ra­ter eine Ver­trags­pflicht, so kann der Man­dant Ersatz des hier­durch ent­stan­de­nen Scha­dens ver­lan­gen (§ 280 Abs. 1 Satz 1 BGB). Zwi­schen der Pflicht­ver­let­zung und dem gel­tend gemach­ten Scha­den muss also eine ursäch­li­che Ver­knüp­fung in dem Sin­ne bestehen, dass das dem Bera­ter vor­ge­wor­fe­ne Han­deln oder Unter­las­sen nicht hin­weg­ge­dacht wer­den kann, ohne dass der Erfolg ent­fällt 6. Wird dem Bera­ter ein Unter­las­sen vor­ge­wor­fen, ist folg­lich zu prü­fen, ob der Erfolg auch dann ein­ge­tre­ten wäre, wenn die unter­blie­be­ne Hand­lung vor­ge­nom­men wor­den wäre. Im hier gege­be­nen Fall eines Ver­sto­ßes gegen die aus § 665 Satz 2 BGB fol­gen­de Pflicht zur Rück­spra­che mit dem Man­dan­ten setzt eine Scha­dens­er­satz­pflicht daher vor­aus, dass der Man­dant eine ande­re Wei­sung erteilt hät­te 7. Damit ist ein hypo­the­ti­scher Kau­sal­ver­lauf zu prü­fen. Inso­weit geht es jedoch nicht um die Fra­gen des recht­mä­ßi­gen Alter­na­tiv­ver­hal­tens und der hypo­the­ti­schen Kau­sa­li­tät, son­dern allein um die Anspruchs­vor­aus­set­zung der Kau­sa­li­tät der unter­las­se­nen Nach­fra­ge für den ent­stan­de­nen Scha­den 8.

Fest­stel­lun­gen dazu, wie sich der Man­dat auf eine Rück­fra­ge des Steu­er­be­ra­ters hin ver­hal­ten hät­te, wur­de im hier ent­schie­de­nen Fall nicht getrof­fen. In den Tat­sa­chen­in­stan­zen hat der Steu­er­be­ra­ter mehr­fach vor­ge­tra­gen, dass der Man­dat dann, wenn er auf die ableh­nen­de Stel­lung­nah­me des Finanz­am­tes hin­ge­wie­sen wor­den wäre, den Ein­spruch zurück­ge­nom­men hät­te. Der Man­dat hat dem­ge­gen­über dar­auf ver­wie­sen, dass er Ein­spruch ein­ge­legt habe, um eine Ent­schei­dung in der Sache zu errei­chen. Dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig für den Kau­sal­zu­sam­men­hang zwi­schen der Pflicht­ver­let­zung und dem Scha­den ist der geschä­dig­te Man­dant 9. Der Man­dat, der ins­be­son­de­re gemäß § 287 Abs. 1 Satz 3 ZPO sei­ne Ver­neh­mung als Par­tei hät­te anbie­ten kön­nen 10, hat in den Tat­sa­chen­in­stan­zen kei­nen Beweis ange­tre­ten.

Der Man­dat hät­te aller­dings auch von Amts wegen ver­nom­men wer­den kön­nen 11; dazu oder zu einem recht­li­chen Hin­weis (§ 139 ZPO) haben die Vor­in­stan­zen von ihrem abwei­chen­den recht­li­chen Stand­punkt aus kei­nen Anlass gese­hen. Im Ergeb­nis erweist sich die Kla­ge unab­hän­gig von der unter­blie­be­nen Beweis­auf­nah­me als begrün­det, so dass der Bun­des­ge­richts­hof von der Auf­he­bung des ange­foch­te­nen Urteils und Zurück­ver­wei­sung der Sache an das Beru­fungs­ge­richt abzu­se­hen und die Revi­si­on des Steu­er­be­ra­ters zurück­zu­wei­sen hat (§ 563 Abs. 3 ZPO).

Die Fra­ge, wie sich der Man­dant auf eine gemäß § 665 Satz 2 BGB geschul­de­te Rück­fra­ge ver­hal­ten hät­te, gehört eben­so wie die­je­ni­ge nach der Reak­ti­on auf eine pflicht­ge­mä­ße Bera­tung hin zur haf­tungs­aus­fül­len­den Kau­sa­li­tät, die nach § 287 Abs. 1 ZPO zu beur­tei­len ist 12. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kom­men im Rah­men der Bera­ter­haf­tung unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen Beweis­erleich­te­run­gen in Betracht, dann näm­lich, wenn im Hin­blick auf die Inter­es­sen­la­ge oder ande­re objek­ti­ve Umstän­de der Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen der Pflicht­ver­let­zung des Bera­ters und einem bestimm­ten Ver­hal­ten des Man­dan­ten typi­scher­wei­se gege­ben ist. Es han­delt sich um einen Anwen­dungs­fall des Anscheins­be­wei­ses 13.

Im vor­lie­gen­den Fall spricht der Beweis des ers­ten Anscheins dafür, dass der Man­dat die Anre­gung des Finanz­am­tes und des Steu­er­be­ra­ters, den Ein­spruch zurück­zu­neh­men, nicht auf­ge­grif­fen hät­te. Er hat­te trotz der sei­nem Anlie­gen ent­ge­gen­ste­hen­den Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs Ein­spruch gegen den Steu­er­be­scheid ein­le­gen las­sen. Er konn­te die steu­er­min­dern­de Berück­sich­ti­gung der Kos­ten der dop­pel­ten Haus­halts­füh­rung nur dann errei­chen, wenn er den Ein­spruch auf­recht erhielt und nicht zurück­neh­men ließ. Grün­de, die aus Sicht des Man­dan­ten für eine Rück­nah­me des Ein­spruchs spre­chen könn­ten, sind vom Steu­er­be­ra­ter nicht dar­ge­tan wor­den und sind auch nicht ersicht­lich. Ins­be­son­de­re konn­te der Man­dat hier­durch kei­ne Kos­ten spa­ren. Die Kos­ten der Steu­er­be­ra­tung waren bereits mit der Ein­le­gung und Begrün­dung des Ein­spruchs ange­fal­len; die Ein­spruchs­ent­schei­dung des Finanz­amts wäre kos­ten­frei ergan­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Sep­tem­ber 2014 – IX ZR 199/​13

  1. vgl. BGH, Urteil vom 20.02.1968 – VI ZR 24/​66, VersR 1968, 792, 794; vom 10.06.1980 – VI ZR 127/​79, VersR 1980, 925; vom 20.03.1984 – VI ZR 154/​82, WM 1984, 1024; vom 15.11.2007 – IX ZR 44/​04, BGHZ 174, 205 Rn. 8; Vill in Zugehör/​G. Fischer/​Vill/​D. Fischer/​Rinkler/​Chab, Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 3. Aufl., Rn. 841[]
  2. Vill, aaO Rn. 842, 844[]
  3. BGH, Urteil vom 15.11.2007, aaO[]
  4. Soergel/​Beuthien, BGB, 13. Aufl., § 665 Rn. 17; Münch­Komm-BGB-Sei­ler, BGB, 6. Aufl., § 665 Rn. 36; Staudinger/​Martinek, BGB (2006), § 665 Rn. 27; Feh­ren­ba­cher in Prütting/​Wegen/​Weinreich, BGB, 9. Aufl., § 665 Rn. 7; vgl. zum alten Schuld­recht Knü­tel, ZHR 137 (1973), 285, 324 f[]
  5. vgl. Münch­Komm-BGB/­Sei­ler, aaO Rn. 40[]
  6. G. Fischer in Zugehör/​G. Fischer/​Vill/​D. Fischer/​Rinkler/​Chab, aaO Rn. 1097[]
  7. Staudinger/​Martinek, BGB (2006) § 665 Rn. 27[]
  8. vgl. G. Fischer, aaO Rn. 1098; BGH, Urteil vom 16.06.1988 – IX ZR 69/​87, WM 1988, 1454, 1156 f zur Nota­rhaf­tung; vom 02.07.1992 – IX ZR 256/​91, WM 1992, 2020, 2022 zur Anwalts­haf­tung[]
  9. BGH, Urteil vom 30.09.1993 – IX ZR 73/​93, BGHZ 123, 311, 313; vom 05.02.2009 – IX ZR 6/​06, WM 2009, 715 Rn. 7[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 16.10.2003 – IX ZR 167/​02, WM 2004, 472, 474; vom 21.07.2005 – IX ZR 49/​02, WM 2005, 2110, 2111[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 18.05.2006 – IX ZR 53/​05, WM 2006, 1736 Rn. 18[]
  12. BGH, Urteil vom 11.05.1995 – IX ZR 140/​94, BGHZ 129, 386, 399; vom 20.03.2008 – IX ZR 104/​05, WM 2008, 1042 Rn. 12; G. Fischer, aaO Rn. 1100; Gehr­lein, Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­haf­tung, 2. Aufl., S. 65[]
  13. BGH, Urteil vom 30.09.1993 – IX ZR 73/​93, BGHZ 123, 311, 314 ff; vom 20.03.2008 – IX ZR 104/​05, WM 2008, 1042 Rn. 12; Beschluss vom 15.05.2014 – IX ZR 267/​12, WM 2014, 1379 Rn. 2; G. Fischer, aaO Rn. 1113[]