Die geän­der­ten Steu­er­be­schei­de – und das trotz­dem ergan­ge­ne Urteil

Urtei­le des Finanz­ge­richts sind bereits aus for­mel­len Grün­den auf­zu­he­ben, wenn sie zu Steu­er­be­schei­den ergan­gen sind, die im Zeit­punkt der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dun­gen mate­ri­ell nicht mehr wirk­sam waren.

Die geän­der­ten Steu­er­be­schei­de – und das trotz­dem ergan­ge­ne Urteil

So auch in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall: Gegen­stand der Kla­ge­ver­fah­ren waren zunächst die nach den Außen­prü­fun­gen geän­der­ten Ein­kom­men­steu­er­be­schei­de vom 13.09.2007 (Streit­jah­re 2002 bis 2004) bzw. 30.04.2010 (Streit­jah­re 2005 bis 2007), jeweils i.d.F. der Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 01.03.2016. Tat­säch­lich waren jene Beschei­de ‑wie dem Finanz­ge­richt gemäß § 68 Satz 3 FGO auch mit­ge­teilt- nach einer Steu­er­fahn­dungs­prü­fung mit wei­te­ren Beschei­den jeweils vom 29.11.2016 geän­dert wor­den. Dem­entspre­chend sind die Urtei­le der Vor­in­stanz, die aus­weis­lich der Kla­ge­an­trä­ge aus­schließ­lich über die Beschei­de vom 13.09.2007 bzw. 30.04.2010 und die hier­auf ergan­ge­nen Ein­spruchs­ent­schei­dun­gen befun­den hat, zu nicht mehr exis­ten­ten Beschei­den ergan­gen. Hier­in liegt ein Ver­stoß gegen die Grund­ord­nung des Ver­fah­rens [1], so dass die Urtei­le kei­nen Bestand haben kön­nen und auf­ge­ho­ben wer­den müs­sen [2].

Trotz des­sen ist durch die Recht­spre­chung geklärt, dass es jeden­falls dann kei­ner Zurück­ver­wei­sung der Sache an die Vor­in­stanz bedarf, wenn der nicht beach­te­te Ver­wal­tungs­akt den bis­he­ri­gen Streit­stand nicht berührt, hier­durch kein neu­er Streit­punkt in das Ver­fah­ren ein­ge­führt wur­de [3] und die Sache spruch­reif ist [4]. In die­sem Fall wider­sprä­che es Sinn und Zweck des § 68 Satz 1 FGO, der dar­in besteht, das Ver­fah­ren fort­set­zen zu kön­nen, die Sache zurück­zu­ver­wei­sen, nur um der Vor­in­stanz Gele­gen­heit zu geben, die aber­ma­lig geän­der­ten Beschei­de datums­mä­ßig zu erfas­sen; viel­mehr reicht aus pro­zess­öko­no­mi­schen Grün­den eine Rich­tig­stel­lung durch das Revi­si­ons­ge­richt aus. Dies gilt selbst dann, wenn das Finanz­ge­richt über den Erlass geän­der­ter Beschei­de gemäß § 68 Satz 3 FGO in Kennt­nis gesetzt wur­de, sofern kei­ne Anhalts­punk­te dafür bestehen, dass es jene Beschei­de bewusst nicht in sei­ne Ent­schei­dung ein­be­zo­gen hat [5].

Dem­zu­fol­ge zwingt allein der Umstand, dass das Finanz­ge­richt die Ände­rungs­be­schei­de über­se­hen hat, noch nicht zu einer Zurück­ver­wei­sung. Die erneut geän­der­ten Ein­kom­men­steu­er­be­schei­de berüh­ren nicht die vor­lie­gen­de Streit­fra­ge, da hier­durch nur die Ein­künf­te aus Gewer­be­be­trieb und Kapi­tal­ver­mö­gen des Klä­gers erhöht wur­den. Zudem ist nicht davon aus­zu­ge­hen, dass mit den Ände­rungs­be­schei­den zusätz­li­che Streit­punk­te in die Ver­fah­ren ein­ge­führt wur­den. Denn der ‑nach § 68 Satz 2 FGO unzu­läs­si­ge- Ein­spruch der Klä­ger vom 05.12.2016 erstreckt sich nach Maß­ga­be sei­ner Begrün­dung nur auf die vor­lie­gend rele­van­te Streit­fra­ge der Begren­zung des Schuld­zin­sen­ab­zugs bei den Ein­künf­ten aus Gewer­be­be­trieb der Klä­ge­rin, nicht aber auf die im Wege einer Selbst­an­zei­ge ver­an­lass­te Erhö­hung der Ein­künf­te des Klä­gers.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 5. Novem­ber 2019 – X R 40 ‑41/​18

  1. BFH, Urteil vom 23.10.2013 – I R 21/​11 Rz 11, m.w.N.[]
  2. BFH, Urteil vom 16.05.2013 – IV R 15/​10, BFHE 241, 323, BStBl II 2013, 858, Rz 21[]
  3. u.a. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 19.07.2011 – XI R 21/​10, BFHE 235, 14, BStBl II 2012, 434, Rz 22, sowie vom 02.12.2013 – III B 157/​12, BFH/​NV 2014, 545, Rz 7, jeweils m.w.N.[]
  4. BFH, Urtei­le vom 13.12.2006 – VIII R 31/​05, BFHE 216, 214, BStBl II 2007, 393, unter II. 1., sowie in BFHE 241, 323, BStBl II 2013, 858, Rz 22; vgl. zudem Gräber/​Herbert, Finanz­ge­richts­ord­nung, 9. Aufl., § 68 Rz 94[]
  5. BFH, Urteil vom 19.05.2010 – I R 62/​09, BFHE 230, 18, Rz 16 f.[]