Die abge­lehn­te Ter­mins­ver­le­gung – und die Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs

Das Gericht ver­letzt den Anspruch der Klä­ger auf recht­li­ches Gehör dadurch, dass es trotz ärzt­lich beschei­nig­ter Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit des Klä­gers, der zugleich Bevoll­mäch­tig­ter der Klä­ge­rin war, und des kon­klu­dent gestell­ten Antrags auf Ter­mins­ver­le­gung die münd­li­che Ver­hand­lung in Abwe­sen­heit der Klä­ger durch­führ­te (§ 119 Nr. 3 FGO).

Die abge­lehn­te Ter­mins­ver­le­gung – und die Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs

Nach § 155 FGO i.V.m. § 227 ZPO kann ein Ter­min aus erheb­li­chen Grün­den auf­ge­ho­ben oder ver­legt wer­den. Lie­gen erheb­li­che Grün­de vor, ver­dich­tet sich die in die­ser Vor­schrift ein­ge­räum­te Ermes­sens­frei­heit zu einer Rechts­pflicht. Der Ter­min muss dann zur Gewähr­leis­tung des recht­li­chen Gehörs auf­ge­ho­ben oder ver­legt wer­den, selbst wenn das Gericht die Sache für ent­schei­dungs­reif hält und die Erle­di­gung des Rechts­streits durch die Auf­he­bung oder Ver­le­gung des Ter­mins ver­zö­gert wird 1.

Danach hät­te das Finanz­ge­richt 2in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof beur­teil­ten Fall den Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung wegen der Erkran­kung des Klä­gers ver­le­gen müs­sen. Das Finanz­ge­richt ist zu Unrecht davon aus­ge­gan­gen, dass die Klä­ger mit dem erklär­ten Ver­zicht auf die Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung auch dar­auf ver­zich­tet haben, an einer sol­chen trotz ärzt­lich beschei­nig­ter Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit teil­zu­neh­men.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs sind Pro­zess­erklä­run­gen wie sons­ti­ge Wil­lens­er­klä­run­gen aus­le­gungs­fä­hig. Ziel der Aus­le­gung ist es, den wirk­li­chen Wil­len des Erklä­ren­den zu erfor­schen (§ 133 BGB). Auf die Wort­wahl und die Bezeich­nung kommt es nicht ent­schei­dend an, son­dern auf den gesam­ten Inhalt der Wil­lens­er­klä­rung. Dabei kön­nen auch außer­halb der Erklä­rung lie­gen­de wei­te­re Umstän­de berück­sich­tigt wer­den. Nur eine sol­che Aus­le­gung trägt dem Grund­satz der rechts­schutz­ge­wäh­ren­den Aus­le­gung von Ver­fah­rens­vor­schrif­ten (Art.19 Abs. 4 GG) Rech­nung 3.

Danach ist der Vor­trag der nicht durch einen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­te­nen Klä­ger in den Schrei­ben vom 10.03.2016; und vom 08.04.2016 dahin­ge­hend zu ver­ste­hen, dass für den Fall der Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung auf­grund der Erkran­kung des Klä­gers eine Ter­mins­än­de­rung bean­tragt wird. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt folgt aus dem Ver­zicht der Klä­ger auf Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung gemäß § 90 Abs. 2 FGO nicht, dass die Klä­ger auf jeg­li­che Teil­nah­me an einer münd­li­chen Ver­hand­lung ver­zich­te­ten. Die Erklä­rung kann nach den gesetz­li­chen Vor­ga­ben des § 90 Abs. 2 FGO nur dahin­ge­hend ver­stan­den wer­den, dass sie auf eine münd­li­che Ver­hand­lung für den Fall ver­zich­ten, dass auch die ande­re Par­tei ihr Ein­ver­ständ­nis zur Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung erklärt. Dies war vor­lie­gend nicht der Fall.

Der Antrag auf Ter­mins­ver­le­gung war nach dem vom Klä­ger vor­ge­leg­ten ärzt­li­chen Attest auch begrün­det 4.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 28. Novem­ber 2016 – VIII B 47/​16

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Beschluss vom 03.07.2001 – II B 132/​00, BFH/​NV 2002, 30[]
  2. FG Köln, Urteil vom 20.04.2016 – 9 K 3675/​13[]
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 17.09.2014 – VI B 75/​14, BFH/​NV 2015, 51, m.W.N.[]
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 17.09.2014 – IX B 44/​14, BFH/​NV 2015, 52[]
  5. BFH, Urteil vom 28.07.2015 – VIII R 50/​14, BFHE 250, 413, BSt­Bl II 2015, 894[]