Die über­ein­stim­men­den Erle­di­gungs­er­klä­run­gen – nach einer Unver­ein­bar­keits­ent­schei­dung des BVerfG

Hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­den, dass eine Steu­er­rechts­norm mit Bestim­mun­gen des Grund­ge­set­zes unver­ein­bar ist und die Fort­gel­tung der Vor­schrift bis zur Neu­re­ge­lung durch den Gesetz­ge­ber ange­ord­net, und wird des­halb ein Rechts­streit in der Haupt­sa­che für erle­digt erklärt, ent­spricht es bil­li­gem Ermes­sen, der Finanz­be­hör­de die Ver­fah­rens­kos­ten auf­zu­er­le­gen.

Die über­ein­stim­men­den Erle­di­gungs­er­klä­run­gen – nach einer Unver­ein­bar­keits­ent­schei­dung des BVerfG

Nach­dem bei­de Betei­lig­te über­ein­stim­mend den Rechts­streit in der Haupt­sa­che für erle­digt erklärt haben, ist das erst­in­stanz­li­che Urteil gegen­stands­los. Gemäß § 143 Abs. 1 i.V.m. § 138 Abs. 1 FGO war nur noch über die Kos­ten des Ver­fah­rens zu ent­schei­den. Da die Klä­ge­rin nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts einen ver­fas­sungs­wid­ri­gen Rechts­zu­stand für die Ver­gan­gen­heit hin­neh­men muss und ihr inso­weit ein Son­der­op­fer auf­er­legt wird, ent­spricht es bil­li­gem Ermes­sen, dem Haupt­zoll­amt die Kos­ten des Ver­fah­rens auf­zu­er­le­gen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs muss sich die nach bil­li­gem Ermes­sen zu tref­fen­de Kos­ten­ent­schei­dung nicht aus­schließ­lich am Gedan­ken des mate­ri­el­len Kos­ten­rechts ori­en­tie­ren, also dar­an, wer bei einer Ent­schei­dung über die Haupt­sa­che die Kos­ten zu tra­gen hät­te. Dem Gericht ist viel­mehr ein wei­ter Spiel­raum ein­ge­räumt, inner­halb des­sen eine Aus­rich­tung am all­ge­mei­nen Gerech­tig­keits­emp­fin­den maß­ge­bend ist 1, wobei auch der Fra­ge Bedeu­tung zukommt, wel­cher der Betei­lig­ten Ver­an­las­sung zum gericht­li­chen Ver­fah­ren gege­ben hat. Im Streit­fall steht fest, dass der Klä­ge­rin dadurch ein Son­der­op­fer auf­er­legt wor­den ist, dass der Gesetz­ge­ber vom BVerfG ver­pflich­tet wur­de, nur für die Zukunft einen ver­fas­sungs­kon­for­men Rechts­zu­stand her­zu­stel­len. Es wür­de jedoch dem all­ge­mei­nen Gerech­tig­keits­emp­fin­den wider­spre­chen, von der Klä­ge­rin zu ver­lan­gen, einen ver­fas­sungs­wid­ri­gen Bier­steu­er­be­trag zu ent­rich­ten, und sie auch noch mit den Kos­ten des Gerichts­ver­fah­rens zu belas­ten, obwohl die­ses bestä­tigt hat, dass die ver­fas­sungs­recht­li­chen Zwei­fel der Klä­ge­rin berech­tigt waren, sie somit mit ihrer Kla­ge Erfolg gehabt hät­te, wenn das BVerfG die Unver­ein­bar­keit der ange­grif­fe­nen Vor­schrift des BierStG 1993 mit der Ver­fas­sung nicht nur für die Zukunft aus­ge­spro­chen hät­te. Unter die­sen Umstän­den ent­spricht es bil­li­gem Ermes­sen, dem Haupt­zoll­amt die Kos­ten des gesam­ten Ver­fah­rens auf­zu­er­le­gen 2.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 18. Juli 2019 – VII R 9/​19 (VII R 4/​09)

  1. BFH, Beschluss vom 10.11.1971 – I B 14/​70, BFHE 104, 39, BSt­Bl II 1972, 222[]
  2. BFH, Beschlüs­se vom 18.08.2005 – VI R 123/​94, BFHE 210, 214, BSt­Bl II 2006, 39; und vom 08.09.2005 – VI R 14/​99, BFH/​NV 2006, 100[]