Die unter­blie­be­ne Vor­la­ge an den EuGH – und die Nich­tig­keits­kla­ge

Eine Gerichts­ent­schei­dung, in der eine mög­li­che Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on abge­lehnt wird, ver­stößt nur dann gegen das Gebot des gesetz­li­chen Rich­ters, wenn das Gericht den ihm in sol­chen Fäl­len not­wen­dig zukom­men­den Beur­tei­lungs­rah­men in unver­tret­ba­rer Wei­se über­schrit­ten hat 1.

Die unter­blie­be­ne Vor­la­ge an den EuGH – und die Nich­tig­keits­kla­ge

Eine sol­che Ver­let­zung des Gebots des gesetz­li­chen Rich­ters kann mit der Nich­tig­keits­kla­ge nach § 579 ZPO i.V.m. § 134 FGO gegen ein Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht gel­tend gemacht wer­den, das sich aus­drück­lich einer Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs zu einer in einem ande­ren Ver­fah­ren vor­ge­leg­ten Vor­la­ge nach Art. 267 Abs. 3 AEUV ange­schlos­sen hat und auf der ver­tret­ba­ren Über­zeu­gung beruht, dass die Rechts­la­ge

  • ent­we­der von vorn­her­ein ein­deu­tig ("acte clair") oder
  • durch die Recht­spre­chung in einer Wei­se geklärt ist, die kei­nen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel offen lässt ("acte éclai­ré").

Unver­tret­bar gehand­habt wird Art. 267 AEUV in die­sen Fäl­len nur dann, wenn das Fach­ge­richt ohne sach­lich ein­leuch­ten­de Begrün­dung eine von vorn­her­ein ein­deu­ti­ge oder zwei­fels­frei geklär­te Rechts­la­ge bejaht 2. Dar­an fehlt es schon dann, wenn sich das Urteil mit der Judi­ka­tur des Uni­ons­ge­richts­hofs und den ein­schlä­gi­gen uni­ons­recht­li­chen Fra­gen, soweit der Bun­des­fi­nanz­hof sie für ent­schei­dungs­er­heb­lich gehal­ten hat, aus­ein­an­der­setzt und der Recht­spre­chung des EuGH auch unter Berück­sich­ti­gung des Umstands folgt, dass die der EuGH-Recht­spre­chung vor­an­ge­gan­ge­nen Vor­la­ge­be­schlüs­se recht­li­che Aus­füh­run­gen ent­hal­ten, zu denen der EuGH nicht aus­drück­lich Stel­lung genom­men hat.

Nach § 134 FGO i.V.m. §§ 578, 579 Abs. 1 Nr. 1 ZPO wird ein Ver­fah­ren auf Nich­tig­keits­kla­ge wie­der auf­ge­nom­men, wenn das Gericht nicht vor­schrifts­mä­ßig besetzt war.

Die Rege­lung des § 579 Abs. 1 Nr. 1 ZPO stimmt mit dem abso­lu­ten Revi­si­ons­grund des § 119 Nr. 1 FGO über­ein. Ver­letzt ein Gericht will­kür­lich sei­ne Vor­la­ge­pflicht an ein ande­res Gericht, so war das Gericht nicht vor­schrifts­mä­ßig besetzt und es liegt ein Ver­stoß gegen den gesetz­li­chen Rich­ter nach Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG vor 3.

Der EuGH ist aller­dings gesetz­li­cher Rich­ter i.S. des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG.

Unter den Vor­aus­set­zun­gen des Art. 267 AEUV sind die natio­na­len Gerich­te daher von Amts wegen gehal­ten, den EuGH anzu­ru­fen. Kommt ein letzt­in­stanz­li­ches Gericht sei­ner Pflicht zur Anru­fung des EuGH im Wege des Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens nicht nach, kann dem Rechts­schutz­su­chen­den des Aus­gangs­rechts­streits der gesetz­li­che Rich­ter ent­zo­gen sein.

Eine Gerichts­ent­schei­dung, in der eine mög­li­che Vor­la­ge an den EuGH abge­lehnt wird, ver­stößt aller­dings nur dann gegen das Gebot des gesetz­li­chen Rich­ters, wenn das Gericht den ihm in sol­chen Fäl­len not­wen­dig zukom­men­den Beur­tei­lungs­rah­men in unver­tret­ba­rer Wei­se über­schrit­ten hat 4.

Dies kommt in Betracht, wenn ein letzt­in­stanz­li­ches Haupt­sa­che­ge­richt trotz ‑sei­ner Auf­fas­sung nach- bestehen­der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit einer gemein­schafts­recht­li­chen Fra­ge

  • eine Vor­la­ge über­haupt nicht in Erwä­gung zieht (grund­sätz­li­che Ver­ken­nung der Vor­la­ge­pflicht),
  • bewusst von der EuGH-Recht­spre­chung abweicht und gleich­wohl nicht oder nicht neu­er­lich vor­legt (bewuss­tes Abwei­chen ohne Vor­la­ge­be­reit­schaft) und schließ­lich
  • den ihm zukom­men­den Beur­tei­lungs­spiel­raum in Fäl­len über­schrit­ten hat, in denen eine ein­schlä­gi­ge EuGH-Recht­spre­chung noch nicht oder noch nicht erschöp­fend vor­liegt oder ihre Fort­ent­wick­lung nicht ganz fern­lie­gend ist (Unvoll­stän­dig­keit der Recht­spre­chung).

Der Beur­tei­lungs­spiel­raum ist dabei über­schrit­ten, wenn die Fach­ge­rich­te das Vor­lie­gen eines "acte clair" oder eines "acte éclai­ré" will­kür­lich beja­hen.

Das Gericht muss sich daher hin­sicht­lich des mate­ri­el­len Uni­ons­rechts hin­rei­chend kun­dig machen. Etwai­ge ein­schlä­gi­ge Recht­spre­chung des EuGH muss es aus­wer­ten und sei­ne Ent­schei­dung hier­an ori­en­tie­ren. Auf die­ser Grund­la­ge muss sich das Fach­ge­richt unter Anwen­dung und Aus­le­gung des mate­ri­el­len Uni­ons­rechts die ver­tret­ba­re Über­zeu­gung bil­den, dass die Rechts­la­ge ent­we­der von vorn­her­ein ein­deu­tig ("acte clair") oder durch die Recht­spre­chung in einer Wei­se geklärt ist, die kei­nen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel offen lässt ("acte éclai­ré").

Unver­tret­bar gehand­habt wird Art. 267 AEUV im Fal­le der Unvoll­stän­dig­keit der Recht­spre­chung ins­be­son­de­re dann, wenn das Fach­ge­richt ohne sach­lich ein­leuch­ten­de Begrün­dung eine von vorn­her­ein ein­deu­ti­ge oder zwei­fels­frei geklär­te Rechts­la­ge bejaht, etwa wenn mög­li­che Gegen­auf­fas­sun­gen zu der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge des Uni­ons­rechts gegen­über der vom Gericht zugrun­de geleg­ten Mei­nung ein­deu­tig vor­zu­zie­hen sind 5.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des EuGH hin­dert der Umstand, dass das vor­le­gen­de Gericht eine Vor­la­ge­fra­ge unter Bezug­nah­me nur auf bestimm­te Vor­schrif­ten des Uni­ons­rechts for­mu­liert hat, den EuGH nicht dar­an, die­sem Gericht unab­hän­gig davon, wor­auf es in sei­nen Fra­gen Bezug genom­men hat, alle Aus­le­gungs­hin­wei­se zu geben, die ihm bei der Ent­schei­dung der bei ihm anhän­gi­gen Rechts­sa­che von Nut­zen sein kön­nen. Der EuGH hat inso­weit aus dem gesam­ten von dem ein­zel­staat­li­chen Gericht vor­ge­leg­ten Mate­ri­al, ins­be­son­de­re der Begrün­dung der Vor­la­ge­ent­schei­dung, die­je­ni­gen Ele­men­te des Uni­ons­rechts her­aus­zu­ar­bei­ten, die unter Berück­sich­ti­gung des Gegen­stands des Rechts­streits einer Aus­le­gung bedür­fen 6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. Juli 2016 – VIII K 1/​16

  1. Anschluss an BVerfG, Beschlüs­se vom 25.02.2010 – 1 BvR 230/​09, BVerfGK 17, 108; vom 15.12 2011 – 2 BvR 148/​11, BVerfGK 19, 265; BFH, Beschlüs­se vom 04.09.2009 – IV K 1/​09, BFH/​NV 2010, 218; vom 14.01.2014 – III B 89/​13, BFH/​NV 2014, 521[]
  2. Anschluss an BVerfG, Beschlüs­se vom 08.04.2015 – 2 BvR 35/​12; vom 07.10.2015 – 2 BvR 413/​15, NVwZ 2016, 56; BFH, Beschlüs­se vom 11.05.2007 – V S 6/​07, BFHE 217, 230, BSt­Bl II 2007, 653; und vom 02.04.2008 – I S 5/​08, ZSteu 2008, R 747; vom 14.11.2008 – II S 9/​08, BFH/​NV 2009, 211[]
  3. BFH, Beschluss vom 04.09.2009 – IV K 1/​09, BFH/​NV 2010, 218, m.w.N.[]
  4. vgl. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2010, 218; vom 14.01.2014 – III B 89/​13, BFH/​NV 2014, 521; Beschlüs­se des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ‑BVerfG- vom 25.02.2010 1 BvR 230/​09, BVerfGK 17, 108; vom 15.12 2011 2 BvR 148/​11, BVerfGK 19, 265[]
  5. BVerfG, Beschlüs­se vom 08.04.2015 2 BvR 35/​12, juris; vom 07.10.2015 2 BvR 413/​15, Neue Zeit­schrift für Ver­wal­tungs­recht ‑NVwZ- 2016, 56; BFH, Beschlüs­se vom 11.05.2007 – V S 6/​07, BFHE 217, 230, BSt­Bl II 2007, 653; und vom 02.04.2008 – I S 5/​08, Zeit­schrift für Steu­ern und Recht ‑ZSteu- 2008, R 747; vom 14.11.2008 – II S 9/​08, BFH/​NV 2009, 211[]
  6. EuGH, Urteil Impre­sa Edi­lux srl und SICEF vom 22.10.2015 – C‑425/​14, EU:C:2015:721, Rz 20, m.w.N.[]