Die über­gan­ge­ne Vor­la­ge­pflicht an den EuGH – und die Anhö­rungs­rü­ge

Mit der Anhö­rungs­rü­ge kann gemäß § 133a Abs. 1 Satz 1 FGO nur vor­ge­bracht wer­den, das Gericht ‑im Streit­fall der Bun­des­fi­nanz­hof- habe im Rah­men der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung den ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­ten Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se ver­letzt 1.

Die über­gan­ge­ne Vor­la­ge­pflicht an den EuGH – und die Anhö­rungs­rü­ge

Rügt die Rüge­füh­re­rin aber nicht die Ver­let­zung ihres Anspruchs auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG), son­dern die Ver­let­zung des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG durch Ent­zug des gesetz­li­chen Rich­ters, weil der Bun­des­fi­nanz­hof kei­ne Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ein­ge­holt habe, so ist die­se Rüge der Ver­let­zung des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG im Rah­men einer Anhö­rungs­rü­ge nach § 133a FGO aber nicht statt­haft 2.

Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör kann nur dann i.S. von § 133a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 FGO in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se ver­letzt sein, wenn der BFH bei sei­ner Ent­schei­dung ein Vor­brin­gen im Zusam­men­hang mit der Dar­le­gung der Grün­de für die Zulas­sung der Revi­si­on i.S. von § 115 Abs. 2 Nrn. 1 bis 3 FGO nicht zur Kennt­nis genom­men und in Erwä­gung gezo­gen hat und die Revi­si­on bei Berück­sich­ti­gung die­ses Vor­brin­gens hät­te zuge­las­sen wer­den müs­sen. Grund­sätz­lich ist davon aus­zu­ge­hen, dass das Gericht das von ihm ent­ge­gen­ge­nom­me­ne Vor­brin­gen eines Betei­lig­ten auch zur Kennt­nis genom­men und in Erwä­gung gezo­gen hat. Dabei ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass das Gericht nach Art. 103 Abs. 1 GG nicht ver­pflich­tet ist, sich mit jedem Betei­lig­ten­vor­brin­gen in sei­ner Ent­schei­dung aus­drück­lich zu befas­sen. Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör ist erst dann ver­letzt, wenn sich aus den beson­de­ren Umstän­den des Ein­zel­fal­les deut­lich ergibt, dass das Gericht ein tat­säch­li­ches ent­schei­dungs­er­heb­li­ches Vor­brin­gen ent­we­der über­haupt nicht zur Kennt­nis genom­men oder doch bei sei­ner Ent­schei­dung ersicht­lich nicht in Erwä­gung gezo­gen hat 3.

Nach die­sen Grund­sät­zen liegt kein Gehörs­ver­stoß vor, denn der Bun­des­fi­nanz­hof hat sich mit der Rechts­an­sicht der Rüge­füh­re­rin auch zur Fra­ge der Vor­la­ge­pflicht an den Unins­ge­richts­hof in sei­nem Beschluss 4 befasst. Soweit die Rüge­füh­re­rin ihre im Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren geäu­ßer­te Rechts­an­sicht im Rah­men der Anhö­rungs­rü­ge wie­der­holt, macht sie damit kei­nen Gehörs­ver­stoß gel­tend, son­dern wen­det sich gegen die mate­ri­el­le Rich­tig­keit des BFH, Beschlus­ses in BFH/​NV 2016, 1497. Mit die­sem Vor­brin­gen kann die Rüge­füh­re­rin aber im Rah­men des § 133a FGO nicht gehört wer­den, weil die Anhö­rungs­rü­ge nicht dazu dient, die Rich­tig­keit der zugrun­de lie­gen­den Ent­schei­dung zu über­prü­fen 5.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 1. Sep­tem­ber 2016 – V S 24/​16

  1. BFH, Beschlüs­se vom 26.03.2014 – XI S 1/​14, BFH/​NV 2014, 1071, Rz 7; vom 11.05.2007 – V S 6/​07, BFHE 217, 230, BSt­Bl II 2007, 653, Rz 6[]
  2. BFH, Beschlüs­se vom 24.02.2009 – I S 1/​09, nicht ver­öf­fent­licht, Rz 4; vom 11.05.2007 – V S 6/​07, BFHE 217, 230, BSt­Bl II 2007, 653, Rz 9; vgl. auch Gräber/​Ratschow, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 133a, Rz 3; Berg­kem­per in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, FGO, § 133a Rz 5[]
  3. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Beschluss vom 10.05.2016 – III S 10/​16, BFH/​NV 2016, 1290, Rz 4, m.w.N.[]
  4. BFH, Beschluss vom 10.06.2016 – V B 97/​15, BFH/​NV 2016, 1497[]
  5. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2016, 1290, Rz 10; vom 11.09.2013 – I S 14/​13, – I S 15/​13, BFH/​NV 2014, 50, Rz 7; vom 14.10.2005 – V S 20/​05, BFH/​NV 2006, 563, Rz 12[]