Auf­tei­lung eines Erstat­tungs­be­tra­ges – auf zusam­men­ver­an­lag­te Ehe­gat­ten

Nach § 37 Abs. 2 AO ist erstat­tungs­be­rech­tigt (Erstat­tungs­gläu­bi­ger), auf des­sen Rech­nung eine Zah­lung ohne recht­li­chen Grund bewirkt wor­den ist. Das ist nach der Recht­spre­chung des BFH der­je­ni­ge, des­sen Steu­er­schuld nach dem Wil­len des Zah­len­den, wie er im Zeit­punkt der Zah­lung dem Finanz­amt gegen­über erkenn­bar her­vor­ge­tre­ten ist, getilgt wer­den soll­te 1, wobei es nicht dar­auf ankommt, von wem und mit wes­sen Mit­teln gezahlt wor­den ist 2.

Auf­tei­lung eines Erstat­tungs­be­tra­ges – auf zusam­men­ver­an­lag­te Ehe­gat­ten

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch für den Fall, dass meh­re­re Per­so­nen als Gesamt­schuld­ner die über­zahl­te Steu­er schul­den, wie es bei zusam­men ver­an­lag­ten Ehe­gat­ten hin­sicht­lich der Ein­kom­men­steu­er und der dar­an anknüp­fen­den Steu­er der Fall ist (§ 26b EStG). Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH 3 kann das Finanz­amt als Zah­lungs­emp­fän­ger in Erman­ge­lung ent­ge­gen­ste­hen­der aus­drück­li­cher Absichts­be­kun­dun­gen, solan­ge die Ehe besteht und die Ehe­leu­te nicht dau­ernd getrennt leben, davon aus­ge­hen, dass der­je­ni­ge Ehe­gat­te, der die Zah­lung auf die gemein­sa­me Steu­er­schuld bewirkt, mit sei­ner Zah­lung auch die Steu­er­schuld des mit ihm zusam­men ver­an­lag­ten Ehe­gat­ten beglei­chen will und dass die Zah­lung der Ein­kom­men­steu­er auf Rech­nung bei­der Ehe­gat­ten als Gesamt­schuld­ner bewirkt wor­den ist. Dabei sind für die Beur­tei­lung der mit der Zah­lung ver­folg­ten Absicht die­je­ni­gen Umstän­de zu berück­sich­ti­gen, die dem Finanz­amt im Zeit­punkt der Zah­lung erkenn­bar waren 4. Das hat zur Fol­ge, dass bei­de Ehe­gat­ten nach § 37 Abs. 2 AO erstat­tungs­be­rech­tigt sind. Der Erstat­tungs­be­trag ist dann ‑wie im Streit­fall auch gesche­hen- zwi­schen bei­den Ehe­gat­ten nach Köp­fen auf­zu­tei­len.

Der hier ent­schie­de­ne Streit­fall gab dem Bun­des­fi­nanz­hof kei­nen Anlass, von die­ser Recht­spre­chung abzu­wei­chen.

Die Umstän­de, dass die gegen den Ehe­mann fest­ge­setz­ten Ein­kom­men­steu­er-Vor­aus­zah­lun­gen 2010 auf des­sen Ein­künf­ten aus selb­stän­di­ger Arbeit (§ 18 EStG) beru­hen und dass er für den streit­ge­gen­ständ­li­chen Abrech­nungs­zeit­raum sämt­li­che Vor­aus­zah­lun­gen geleis­tet hat, füh­ren nicht dazu, dass das Finanz­amt im maß­geb­li­chen Zeit­punkt, in dem die Ein­kom­men­steu­er-Vor­aus­zah­lun­gen vom Kon­to des Ehe­man­nes abge­bucht wor­den sind, von einer abwei­chen­den Til­gungs­be­stim­mung des Ehe­man­nes hät­te aus­ge­hen müs­sen. Zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen ver­weist der Bun­des­fi­nanz­hof auf sein Urteil in BFHE 211, 396, BSt­Bl II 2006, 453.

Dass über das Ver­mö­gen der Ehe­frau des Ehe­man­nes am 14.08.2008 das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den ist und dass der Ein­kom­men­steu­er-Vor­aus­zah­lungs­be­scheid (auch) dem in die­sem Ver­fah­ren bestell­ten Insol­venz­ver­wal­ter zuge­stellt wur­de, recht­fer­tigt kei­ne abwei­chen­de Beur­tei­lung. Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt, gegen die kei­ne Ver­fah­rens­rügen erho­ben wor­den sind und an die der Bun­des­fi­nanz­hof infol­ge­des­sen nach § 118 Abs. 2 FGO gebun­den ist, hat der Ehe­mann den Abbu­chun­gen von sei­nem Kon­to nicht wider­spro­chen und gegen­über dem Finanz­amt im Zeit­punkt der Abbu­chung kei­ne aus­drück­li­che Til­gungs­be­stim­mung getrof­fen. Wie der Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­den hat 5, gibt allein die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen eines Ehe­gat­ten kei­nen zwin­gen­den Hin­weis auf eine bestimm­te Til­gungs­ab­sicht, so dass im Zeit­punkt der Bewir­kung der Vor­aus­zah­lun­gen nicht ohne Wei­te­res davon aus­ge­gan­gen wer­den kann, dass die Vor­aus­zah­lun­gen allein auf Rech­nung des vom Insol­venz­ver­fah­ren nicht betrof­fe­nen Ehe­gat­ten bewirkt wer­den soll­ten. Das Finanz­amt muss näm­lich in die­sem Zeit­punkt kei­ne Ver­mu­tun­gen über eine bestimm­te wirt­schaft­li­che Inter­es­sen­la­ge auf Sei­ten des steu­er­pflich­ti­gen Ehe­gat­ten für den Fall anstel­len, dass die Vor­aus­zah­lun­gen spä­ter zu einem Erstat­tungs­an­spruch füh­ren könn­ten. Eben­so ist es nicht gehal­ten, Ver­mu­tun­gen dar­über anzu­stel­len, ob das Insol­venz­ver­fah­ren andau­ert oder ob der Anspruch ggf. nach­träg­lich der Insol­venz­mas­se zuge­führt wird. Bei der recht­li­chen Beur­tei­lung hat sich der Bun­des­fi­nanz­hof bei sei­ner Ent­schei­dung in BFHE 222, 235, BSt­Bl II 2009, 38 von den Über­le­gun­gen lei­ten las­sen, dass es auch wäh­rend eines Insol­venz­ver­fah­rens eines der Ehe­gat­ten durch­aus Grün­de für den ande­ren Ehe­gat­ten geben kann, Steu­er­vor­aus­zah­lun­gen auf Rech­nung bei­der Ehe­gat­ten zu bewir­ken und dass gera­de bei nicht dau­ernd getrennt leben­den Ehe­gat­ten die noch bestehen­de Lebens- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft der Grund für den nicht insol­ven­ten Ehe­part­ner sein kann, bei einer bestehen­den Gesamt­schuld auch auf die Schuld des jeweils ande­ren Ehe­gat­ten zu leis­ten, um die­sen zu unter­stüt­zen, sei­ne Gläu­bi­ger zu befrie­di­gen und somit zur Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens bei­zu­tra­gen, zu der es im Streit­fall auch gekom­men ist.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on kann eine abwei­chen­de Til­gungs­be­stim­mung des Ehe­man­nes auch nicht dar­aus abge­lei­tet wer­den, dass das Finanz­amt die Vor­aus­zah­lungs­be­schei­de vom 04. März; und vom 12.04.2010 nicht nur dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Ehe­man­nes, son­dern auch dem Insol­venz­ver­wal­ter bekannt gege­ben hat. Ent­schei­dend ist, dass der Ehe­mann auf die ihm bekannt gege­be­nen Beschei­de die fest­ge­setz­ten und geschul­de­ten Ein­kom­men­steu­er-Vor­aus­zah­lun­gen tat­säch­lich geleis­tet und dabei kei­ne Til­gungs­be­stim­mung getrof­fen hat. Es kann daher dahin­ge­stellt blei­ben, ob das Finanz­amt den für das Insol­venz­ver­fah­ren sei­ner Ehe­frau bestell­ten Insol­venz­ver­wal­ter auf­grund der Gesamt­schuld­ner­schaft zu Recht als zusätz­li­chen Bekannt­ga­be­adres­sa­ten der Beschei­de anse­hen konn­te, zumal die Recht­mä­ßig­keit der Fest­set­zung der Ein­kom­men­steu­er-Vor­aus­zah­lun­gen gegen­über dem Ehe­mann selbst bei einer rechts­feh­ler­haf­ten Bekannt­ga­be der Vor­aus­zah­lungs­be­schei­de gegen­über dem Insol­venz­ver­wal­ter unbe­rührt blie­be. Trotz der Bekannt­ga­be der Vor­aus­zah­lungs­be­schei­de an den Insol­venz­ver­wal­ter konn­te das Finanz­amt in Erman­ge­lung einer ander­wei­ti­gen Til­gungs­be­stim­mung von einer Zah­lung des Ehe­man­nes auch auf die Steu­er­schuld sei­ner Ehe­frau aus­ge­hen. Denn die Vor­aus­zah­lun­gen schul­de­ten die Ehe­gat­ten als Gesamt­schuld­ner (§ 44 Abs. 1 AO), so dass das Finanz­amt erwar­ten konn­te, dass zumin­dest der Ehe­mann die Gesamt­schuld beglei­chen wer­de. Jeden­falls muss­te es nicht davon aus­ge­hen, dass allein auf­grund der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens und der dadurch ver­an­lass­ten Ein­zel­be­kannt­ga­be an den Ehe­mann und an den Insol­venz­ver­wal­ter der Ehe­mann Zah­lun­gen nur auf sei­ne eige­ne Steu­er­schuld leis­ten wür­de.

Unbe­acht­lich für die Bestim­mung des Til­gungs­wil­lens des Ehe­man­nes ist der Umstand, dass im Fall der Insol­venz eines der Ehe­gat­ten das Ver­an­la­gungs­wahl­recht durch den Insol­venz­ver­wal­ter aus­ge­übt wird 6, denn nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­amt waren der Ehe­mann und sei­ne Ehe­frau im maß­geb­li­chen Zeit­punkt der Leis­tung der Vor­aus­zah­lun­gen noch zusam­men ver­an­lagt. Einen Antrag auf Auf­he­bung der Zusam­men­ver­an­la­gung hat der Insol­venz­ver­wal­ter nicht gestellt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 20. Febru­ar 2017 – VII R 22/​15

  1. BFH, Urtei­le vom 23.08.2001 – VII R 94/​99, BFHE 196, 18, BSt­Bl II 2002, 330; und vom 25.07.1989 – VII R 118/​87, BFHE 157, 326, BSt­Bl II 1990, 41[]
  2. BFH-Ent­schei­dun­gen vom 12.05.2016 – VII R 50/​14, BFHE 253, 222, BSt­Bl II 2016, 730; vom 15.11.2005 – VII R 16/​05, BFHE 211, 396, BSt­Bl II 2006, 453, und in BFHE 157, 326, BSt­Bl II 1990, 41[]
  3. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 211, 396, BSt­Bl II 2006, 453; vom 30.09.2008 – VII R 18/​08, BFHE 222, 235, BSt­Bl II 2009, 38; vom 22.03.2011 – VII R 42/​10, BFHE 233, 10, BSt­Bl II 2011, 607; in BFHE 157, 326, BSt­Bl II 1990, 41; vom 04.04.1995 – VII R 82/​94, BFHE 177, 224, BSt­Bl II 1995, 492; vom 18.02.1997 – VII R 117/​95, BFH/​NV 1997, 482[]
  4. BFH, Beschluss vom 10.02.2000 – VII B 152/​99, BFH/​NV 2000, 940[]
  5. BFH, Urteil in BFHE 222, 235, BSt­Bl II 2009, 38[]
  6. BFH, Beschluss vom 21.06.2007 – III R 59/​06, BFHE 218, 281, BSt­Bl II 2007, 770, m.w.N.[]