Berich­ti­gung wegen offen­ba­rer Unrich­tig­keit

Nach § 129 AO kön­nen Schreib­feh­ler, Rechen­feh­ler und ähn­li­che offen­ba­re Unrich­tig­kei­ten, die beim Erlass eines Ver­wal­tungs­akts unter­lau­fen sind, jeder­zeit berich­tigt wer­den. Offen­ba­re Unrich­tig­kei­ten in die­sem Sin­ne sind mecha­ni­sche Ver­se­hen wie bei­spiels­wei­se Ein­ga­be- oder Über­tra­gungs­feh­ler.

Berich­ti­gung wegen offen­ba­rer Unrich­tig­keit

Dage­gen schlie­ßen Feh­ler bei der Aus­le­gung oder Nicht­an­wen­dung einer Rechts­norm, eine unrich­ti­ge Tat­sa­chen­wür­di­gung oder die unzu­tref­fen­de Annah­me eines in Wirk­lich­keit nicht vor­lie­gen­den Sach­ver­halts die Annah­me einer offen­ba­ren Unrich­tig­keit aus. An einer offen­ba­ren Unrich­tig­keit fehlt es daher u.a. dann, wenn Geset­zes­nor­men nicht oder falsch ange­wen­det wor­den sind1.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall war die Erfas­sung der strei­ti­gen Ein­künf­te aus pri­va­ten Ver­äu­ße­rungs­ge­schäf­ten unter der Kenn­zif­fer 55.136 („In Zei­le 59 ent­hal­te­ne Ein­künf­te, für die das Halb­ein­künf­te­ver­fah­ren gilt”) auf allei­ni­ge Ver­an­las­sung des Sach­be­ar­bei­ters des Finanz­amt erfolgt. Anhalts­punk­te für einen Ein­ga­be­feh­ler in Gestalt eines Schreib- oder Rechen­feh­lers hat das Finanz­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Auch Anhalts­punk­te für ein Ver­se­hen der Steu­er­pflich­ti­gen, das vom Finanz­amt ohne wei­te­re Prü­fung in den Steu­er­be­scheid über­nom­men wor­den ist, sind nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt nicht ersicht­lich. Denn hier­nach erga­ben sich Anhalts­punk­te für eine Erfas­sung auf der Grund­la­ge des Halb­ein­künf­te­ver­fah­rens weder aus den ein­ge­reich­ten Ein­kom­men­steuer­for­mu­la­ren der Steu­er­pflich­ti­gen noch aus den von den Steu­er­pflich­ti­gen bei­gefüg­ten Anla­gen zur Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung. Der Ent­schei­dung, die strei­ti­gen Ein­künf­te nicht nur unter der Kenn­zif­fer 55.134, son­dern auch unter der Kenn­zif­fer 55.136 zu erfas­sen, liegt viel­mehr allein eine wil­lent­li­che Ent­schei­dung des Sach­be­ar­bei­ters des Finanz­amt hin­sicht­lich der Anwen­dung des Halb­ein­künf­te­ver­fah­rens und damit zwin­gend eine recht­li­che Wür­di­gung zugrun­de2. Ohne die ‑unstrei­tig unzu­tref­fen­de- Annah­me der Anwend­bar­keit des Halb­ein­künf­te­ver­fah­rens sei­tens des Bear­bei­ters lässt sich nicht erklä­ren, dass ‑wie vom Finanz­ge­richt fest­ge­stellt- der Bear­bei­ter unter die­ser Kenn­zif­fer einen ergän­zen­den Ein­trag vor­ge­nom­men hat.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 10. Mai 2016 – IX R 4/​15

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. u.a. BFH, Urtei­le vom 07.11.2013 – IV R 13/​11, BFH/​NV 2014, 657, unter II. 1.b; und vom 16.09.2015 – IX R 37/​14, BFHE 250, 332, BSt­Bl II 2015, 1040, unter II. 1.
  2. vgl. auch BFH, Urteil in BFHE 218, 503, BSt­Bl II 2008, 4, unter II. 2.