Die Dicht­heits­prü­fung von Abwas­ser­lei­tun­gen

Auf­wen­dun­gen für die Dicht­heits­prü­fung der Abwas­ser­lei­tung mit­tels einer Rohr­lei­tungs­ka­me­ra sind als steu­er­ermä­ßi­gen­de Hand­wer­k­erleis­tung anzu­er­ken­nen.

Die Dicht­heits­prü­fung von Abwas­ser­lei­tun­gen

So hat das Finanz­ge­richt Köln in dem hier vor­lie­gen­den Fall ent­schie­den, in dem der Klä­ger eine Steu­er­ermä­ßi­gung von 20 % der Kos­ten begehrt hat. In dem Ver­fah­ren hat­te ein Haus­ei­gen­tü­mer für die Dicht­heits­prü­fung der Abwas­ser­lei­tung sei­nes pri­vat genutz­ten Wohn­hau­ses 357,36 Euro gezahlt. Er bean­trag­te hier­für in sei­ner Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung 2010 die steu­er­li­che Begüns­ti­gung für Hand­wer­k­erleis­tun­gen (nach § 35a Abs. 3 EStG ver­min­dert sich für die Inan­spruch­nah­me von Hand­wer­k­erleis­tun­gen für Renovierungs‑, Erhal­tungs- und Moder­ni­sie­rungs­maß­nah­men die tarif­li­che Ein­kom­men­steu­er auf Antrag um 20% der Lohn­auf­wen­dun­gen, der­zeit höchs­tens 1.200 Euro, soweit die Kos­ten nicht ander­wei­tig abzieh­bar sind. Vor­aus­set­zung für die Steu­er­ermä­ßi­gung ist, dass der Steu­er­pflich­ti­ge für die Auf­wen­dun­gen eine Rech­nung erhal­ten hat und die Zah­lung auf das Kon­to des Erbrin­gers der Leis­tung erfolgt ist). In dem Ein­kom­men­steu­er­be­scheid 2010 vom 08.05.2012 blie­ben die Auf­wen­dun­gen unbe­rück­sich­tigt. Die Ein­kom­men­steu­er wur­de auf 6.160 EUR fest­ge­setzt mit der Begrün­dung, die Dicht­heits­prü­fung sei wie die vom TÜV oder ande­ren auto­ri­sier­ten Fach­kräf­ten durch­zu­füh­ren­de Sicher­heits­prü­fung einer Hei­zungs­an­la­ge im Gegen­satz zu einer War­tung der Hei­zungs­an­la­ge mit einer Gut­ach­ter­tä­tig­keit ver­gleich­bar. Nach einem Schrei­ben des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen 1 sei­en Auf­wen­dun­gen, bei denen eine Gut­ach­ter­tä­tig­keit im Vor­der­grund ste­he, nicht nach § 35a EStG begüns­tigt. Eine Ver­gleich­bar­keit mit der War­tung des Abwas­ser­ent­sor­gungs­sys­tems sei nicht gege­ben. Sofern als Fol­ge von Dicht­heits­prü­fun­gen Repa­ra­tur­maß­nah­men anfie­len, sei­en die ent­spre­chen­den Auf­wen­dun­gen nach § 35a EStG begüns­tigt. Dage­gen ist Kla­ge erho­ben wor­den.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung ver­weist das Finanz­ge­richt Köln auf § 35a Abs. 3 Satz 1 EStG in der im Streit­jahr 2010 gel­ten­den Fas­sung, wonach sich die tarif­li­che Ein­kom­men­steu­er, ver­min­dert um die sons­ti­gen Steu­er­ermä­ßi­gun­gen, auf Antrag um 20 Pro­zent der Auf­wen­dun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen ermä­ßigt für die Inan­spruch­nah­me von Hand­wer­k­erleis­tun­gen für Renovierungs‑, Erhal­tungs- und Moder­ni­sie­rungs­maß­nah­men, höchs­tens jedoch um 1.200 EUR. Nach § 35a Abs. 5 Satz 2 EStG gilt der Abzug von der tarif­li­chen Ein­kom­men­steu­er nur für Arbeits­kos­ten.

§ 35a Abs. 3 Satz 1 EStG gilt nach sei­nem Wort­laut für die Inan­spruch­nah­me von Hand­wer­k­erleis­tun­gen für Renovierungs‑, Erhal­tungs- und Moder­ni­sie­rungs­maß­nah­men. Aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung 2 soll die Vor­schrift für alle hand­werk­li­chen Tätig­kei­ten gel­ten, unab­hän­gig davon, ob es sich um regel­mä­ßig vor­zu­neh­men­de Reno­vie­rungs­ar­bei­ten oder um Erhal­tungs- und Moder­ni­sie­rungs­maß­nah­men han­delt. Danach wer­den sämt­li­che hand­werk­li­che Tätig­kei­ten, also auch ein­fa­che hand­werk­li­che Ver­rich­tun­gen, etwa regel­mä­ßi­ge Aus­bes­se­rungs- und Erhal­tungs­maß­nah­men von der Vor­schrift erfasst 3. Hier­zu gehö­ren auch Auf­wen­dun­gen für Renovierungs‑, Erhal­tungs- und Moder­ni­sie­rungs­ar­bei­ten auf dem Grund­stück, z. B. Gar­ten- und Wege­bau­ar­bei­ten 4.

Nach die­sen Grund­sät­zen sind die streit­ge­gen­ständ­li­chen Auf­wen­dun­gen für die Dicht­heits­prü­fung der Abwas­ser­lei­tung als steu­er­ermä­ßi­gen­de Hand­wer­k­erleis­tung anzu­er­ken­nen. Die Kame­ra­un­ter­su­chung wur­de zum Zwe­cke des Dicht­heits­nach­wei­ses ange­ord­net. Denn es han­del­te sich um eine Maß­nah­me, die in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang mit der Ver­pflich­tung stand, die Abwas­ser­lei­tung instand zu hal­ten.

Nach § 61a Abs. 1 Satz 1 Lan­des­was­ser­ge­setz (LWG) NRW sind pri­va­te Abwas­ser­an­la­gen so anzu­ord­nen, her­zu­stel­len und instand zu hal­ten, dass sie betriebs­si­cher sind und Gefah­ren oder unzu­mut­ba­re Beläs­ti­gun­gen nicht ent­ste­hen kön­nen. Nach Satz 2 der Vor­schrift müs­sen Abwas­ser­lei­tun­gen geschlos­sen, dicht und soweit erfor­der­lich zum Rei­ni­gen ein­ge­rich­tet sein. Nach Abs. 3 Satz 1 der Vor­schrift hat der Eigen­tü­mer eines Grund­stücks Abwas­ser­lei­tun­gen von Sach­kun­di­gen auf Dicht­heit prü­fen zu las­sen, wobei nach Satz 4 und 5 der Vor­schrift über das Ergeb­nis der Dicht­heits­prü­fung eine Beschei­ni­gung zu fer­ti­gen ist, die der Gemein­de auf Ver­lan­gen vor­zu­le­gen ist. Nach Abs. 4 der Vor­schrift muss die ers­te Dicht­heits­prü­fung bis zum 31.12.2015 durch­ge­führt wer­den. Der Sinn und Zweck einer der­ar­ti­gen Dicht­heits­prü­fung erschließt sich ohne wei­te­res dar­aus, dass durch die­se in regel­mä­ßi­gen Abstän­den zu wie­der­ho­len­den Unter­su­chun­gen nach­ge­wie­sen wer­den soll, dass kein Abwas­ser über undich­te Stel­len aus der Lei­tung aus­tritt und das Grund­was­ser kon­ta­mi­niert.

Die Dicht­heits­prü­fung war im Streit­fall nach dem Gesamt­bild der Ver­hält­nis­se durch die Ver­pflich­tung zur Instand­hal­tung der Abwas­ser­lei­tung ver­an­lasst. Durch die Unter­su­chung soll­te eine kon­kre­te Grund­la­ge für die Not­wen­dig­keit einer Sanie­rung geschaf­fen wer­den. Die Auf­wen­dun­gen sind des­halb als Teil der Auf­wen­dun­gen für die Instand­hal­tung und damit als steu­er­ermä­ßi­gen­de Hand­wer­k­erleis­tung zu beur­tei­len. Denn zu den Hand­wer­k­erleis­tun­gen gehö­ren nicht nur die Kos­ten, die unmit­tel­bar der Sanie­rung die­nen, son­dern auch sol­che, die – wie hier die fach­tech­ni­sche Ein­schät­zung der Not­wen­dig­keit einer Sanie­rung – nach der Art des Auf­trags zu den Vor­ar­bei­ten gehö­ren. Eben­so wie die Sanie­rung, das "Abdich­ten", der Abwas­ser­lei­tung muss die Dicht­heits­prü­fung als Hand­wer­k­erleis­tung aner­kannt wer­den. Ob die Abwas­ser­lei­tung saniert wer­den muss­te, spielt kei­ne Rol­le. Der Umstand, dass sich eine Repa­ra­tur nicht als not­wen­dig erwie­sen hat, ver­mag den eigent­li­chen Cha­rak­ter der Auf­wen­dun­gen nicht zu berüh­ren.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beklag­ten stand bei der Dicht­heits­prü­fung nicht die Gut­ach­ter­tä­tig­keit im Vor­der­grund. Ziel­rich­tung der Maß­nah­me war ganz kon­kret die Instand­hal­tung der Abwas­ser­lei­tung. Hät­te sich näm­lich her­aus­ge­stellt, dass die Abwas­ser­lei­tung undicht ist, wäre der Klä­ger nach § 61a Abs. 1 Satz 1 LWG NRW ver­pflich­tet gewe­sen, die Abwas­ser­lei­tung instand set­zen zu las­sen. Die Auf­wen­dun­gen gehö­ren daher ihrem Wesen nach zu den Instand­hal­tungs­kos­ten. Dass sich die Abwas­ser­lei­tung als dicht erwie­sen hat, ändert dar­an nichts. Im Übri­gen wür­den die Auf­wen­dun­gen für die Dicht­heits­prü­fung, wenn eine Sanie­rung erfor­der­lich gewe­sen wäre, für Zwe­cke der Steu­er­ermä­ßi­gung nach § 35a Abs. 3 EStG aus dem Gesamt­auf­wand nicht her­aus gerech­net.

Dage­gen lie­ße sich auch nicht ein­wen­den, eine Ver­gleich­bar­keit mit der als Hand­wer­k­erleis­tung steu­er­ermä­ßig­ten Leis­tung des Schorn­stein­fe­gers sei nicht gege­ben, weil die­ser die Esse rei­ni­ge und (ledig­lich) als Aus­fluss der Rei­ni­gungs­tä­tig­keit die Wer­te der Hei­zungs­an­la­ge auf Umwelt­ver­träg­lich­keit mes­se 5. Denn die Überprüfungs‑, Kehr- und Mess­ar­bei­ten nach der Kehr- und Über­prü­fungs­ord­nung (KÜO) bzw. der "Ers­ten Ver­ord­nung zur Durch­füh­rung des Bun­des-Immis­si­ons­schutz­ge­set­zes (1. BIm­SchV) müs­sen nicht mehr durch ein und den­sel­ben Schorn­stein­fe­ger – näm­lich den zustän­di­gen Bezirks­schorn­stein­fe­ger – durch­ge­führt wer­den. Bereits jetzt dür­fen Schorn­stein­fe­ger aus ande­ren EU-Mit­glied­staa­ten im Rah­men der grenz­über­schrei­ten­den Dienst­leis­tungs­frei­heit Schorn­stein­fe­ger­ar­bei­ten in Deutsch­land anbie­ten. Ab dem Jahr 2013 kön­nen Grund­stücks­ei­gen­tü­mer grund­sätz­lich jeden belie­bi­gen Schorn­stein­fe­ger mit Überprüfungs‑, Kehr- und Mess­ar­bei­ten beauf­tra­gen (vgl. § 2 Schorn­stein­fe­ger-Hand­werks­ge­setz). Rei­ni­gung der Esse – soweit über­haupt erfor­der­lich – und Mes­sung müs­sen daher nicht unbe­dingt in einem Arbeits­gang vor­ge­nom­men wer­den.

Dem Klä­ger ist die bean­trag­te Steu­er­ermä­ßi­gung zu gewäh­ren.

Finanz­ge­richt Köln, Urteil vom 18. Okto­ber 2012 – 14 K 2159/​12

  1. BMF, vom 15.02.2010, RN 12; BSt­Bl – I 2010, 140[]
  2. Bun­des­tag-Druck­sa­che16/643 Sei­te 10[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 06.05.2010 – VI R 4/​09, BSt­Bl II 2011, 909 zu § 35a Abs. 2 Satz 2 EStG in der Fas­sung des Geset­zes zur steu­er­li­chen För­de­rung von Wachs­tum und Beschäf­ti­gung vom 26.04.2006, BSt­Bl I 2006, 350[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 13.07.2011 – VI R 61/​10, BSt­Bl II 2012, 232[]
  5. vgl. Schrei­ben des Finanz­mi­nis­te­ri­ums Schles­wig-Hol­stein vom 21.07.2010; Ver­fü­gun­gen der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on – OFD- Frank­furt vom 20.08.2010, der OFD Koblenz vom 06.09.2010 und der OFD Mag­de­burg vom 08.09.2010[]