Die Unkennt­nis des Finanz­amts von der Schei­dung – und die Til­gungs­ver­mu­tung bei der Vor­aus­zah­lung

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist nach § 36 Abs. 2 Nr. 1 EStG der­je­ni­ge anrech­nungs­be­rech­tigt, auf des­sen Rech­nung, nicht aber der­je­ni­ge, auf des­sen Kos­ten gezahlt wor­den ist. Es kommt also nicht dar­auf an, von wem und mit wes­sen Mit­teln gezahlt wor­den ist, son­dern nur dar­auf, wes­sen Steu­er­schuld nach dem Wil­len des Zah­len­den, wie er im Zeit­punkt der Zah­lung dem Finanz­amt erkenn­bar ist, getilgt wer­den soll­te 1.

Die Unkennt­nis des Finanz­amts von der Schei­dung – und die Til­gungs­ver­mu­tung bei der Vor­aus­zah­lung

Ist bei der Zah­lung eines Gesamt­schuld­ners kein abwei­chen­der Til­gungs­wil­le erkenn­bar, ist in der Regel anzu­neh­men, dass der Gesamt­schuld­ner nur sei­ne eige­ne Steu­er­schuld til­gen woll­te. Etwas ande­res gilt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs bei der Zah­lung eines Ehe­gat­ten auf die Gesamt­schuld der Ehe­part­ner. Solan­ge die Ehe besteht und die Ehe­leu­te nicht dau­ernd getrennt leben (§ 26 Abs. 1 EStG), ist hier auf­grund der zwi­schen Ehe­part­nern bestehen­den Lebens- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft im All­ge­mei­nen davon aus­zu­ge­hen, dass der­je­ni­ge Ehe­gat­te, der auf die gemein­sa­me Steu­er­schuld zahlt, mit sei­ner Zah­lung auch die Steu­er­schuld des ande­ren mit ihm zusam­men ver­an­lag­ten Ehe­gat­ten beglei­chen will. Aller­dings kommt eine Erstat­tung von Vor­aus­zah­lun­gen nach § 36 Abs. 4 Satz 2 EStG bei feh­len­der Til­gungs­be­stim­mung im Regel­fall nur hin­sicht­lich des­je­ni­gen Betrags in Betracht, um den die Vor­aus­zah­lun­gen die Sum­me der für bei­de Ehe­gat­ten fest­ge­setz­ten Ein­kom­men­steu­er über­stei­gen. Dies gilt sowohl im Fall der Zusam­men­ver­an­la­gung als auch bei Wahl der getrenn­ten Ver­an­la­gung und folgt aus dem Siche­rungs­zweck der Vor­aus­zah­lun­gen 2. An die­sen Grund­sät­zen hält der Bun­des­fi­nanz­hof trotz Kri­tik 3 fest.

Im hier ent­schie­de­nen Fall wur­de die Ehe der Steu­er­pflich­ti­gen zwar bereits am 30.01.2008 und damit vor Leis­tung der Vor­aus­zah­lun­gen geschie­den. Aller­dings gab es hier­für aus Sicht des Finanz­amt zum Zeit­punkt der Zah­lun­gen kei­ne Anhalts­punk­te. Viel­mehr hat­ten die Ehe­leu­te noch am 1.04.2009 eine gemein­sa­me Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung für das Jahr 2007 abge­ge­ben, ohne auf die fami­liä­ren Ände­run­gen hin­zu­wei­sen. Maß­ge­bend ist aber allein der für das Finanz­amt erkenn­ba­re Til­gungs­wil­le zum Zeit­punkt der Zah­lung 4. Dies betrifft nicht nur die Fra­ge, ob ein Til­gungs­wil­le vor­liegt, der von den sich aus den objek­ti­ven Umstän­den erge­be­nen all­ge­mei­nen Erfah­rungs­sät­zen abweicht, son­dern auch die Fra­ge, ob das Finanz­amt von den für Ehe­leu­te gel­ten­den all­ge­mei­nen Erfah­rungs­sät­zen aus­ge­hen durf­te. Unter Berück­sich­ti­gung der Mit­wir­kungs­pflich­ten des Steu­er­pflich­ti­gen nach § 90 Abs. 1 AO kann dem Finanz­amt nicht zuge­mu­tet wer­den, bei jedem Ein­gang einer Zah­lung die fami­liä­ren Hin­ter­grün­de des Steu­er­pflich­ti­gen nach­zu­prü­fen, um sie zutref­fend ver­bu­chen zu kön­nen. Der Steu­er­pflich­ti­ge hat es im Fall einer Schei­dung bzw. Tren­nung selbst in der Hand, einen abwei­chen­den Til­gungs­wil­len deut­lich zu machen.

Sofern sich aus dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs in BFHE 157, 326, BSt­Bl II 1990, 41 etwas ande­res ergibt, ist dies durch den BFH, Beschluss in BFH/​NV 2004, 314 über­holt. Die­ser Ent­schei­dung lag eben­falls ein Sach­ver­halt zugrun­de, bei dem zumin­dest ein Teil der Vor­aus­zah­lun­gen nach der Tren­nung geleis­tet wor­den war. Dem­entspre­chend kam es auch in den BFH, Urtei­len in BFHE 218, 10, BSt­Bl II 2007, 742 und in BFHE 233, 10, BSt­Bl II 2011, 607 nicht dar­auf an, wann genau die Vor­aus­set­zun­gen für eine Zusam­men­ver­an­la­gung ent­fal­len waren. Auf die mate­ri­el­le Rich­tig­keit des Vor­aus­zah­lungs­be­scheids kann es bei Bestands­kraft die­ses Bescheids ohne­hin nicht ankom­men.

Dar­über hin­aus ist es unschäd­lich, dass die geschie­de­nen Ehe­leu­te zum Zeit­punkt der Zah­lun­gen nicht mehr die Vor­aus­set­zun­gen einer Zusam­men­ver­an­la­gung nach § 26 Abs. 1 EStG erfüllt haben und sie somit hin­sicht­lich der fest­zu­set­zen­den Ein­kom­men­steu­er kei­ne Gesamt­schuld­ner wer­den konn­ten. Denn die Vor­aus­zah­lungs­schuld i.S. des § 37 EStG ist eine eigen­stän­di­ge Steu­er­schuld, die von der spä­ter fest­ge­setz­ten Ein­kom­men­steu­er zu tren­nen ist. Für die Fra­ge, ob die Ehe­leu­te die Vor­aus­zah­lun­gen als Gesamt­schuld­ner i.S. des § 44 AO zu leis­ten hat­ten, ist somit allein ent­schei­dend, ob der (bestands­kräf­ti­ge) Vor­aus­zah­lungs­be­scheid ‑wie im Streit­fall- an bei­de Ehe­gat­ten gerich­tet war, da unter Berück­sich­ti­gung der in der Ver­gan­gen­heit gestell­ten Anträ­ge vor­aus­sicht­lich von einer Zusam­men­ver­an­la­gung aus­zu­ge­hen war (§ 37 Abs. 1 Satz 1 EStG).

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 13. Mai 2015 – VII R 38/​14

  1. BFH, Urteil vom 26.06.2007 – VII R 35/​06, BFHE 218, 10, BSt­Bl II 2007, 742, m.w.N.[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 233, 10, BSt­Bl II 2011, 607[]
  3. vgl. z.B. Koenig, Abga­ben­ord­nung, 3. Aufl.2014, § 37 Rz 34[]
  4. BFH, Beschluss vom 04.11.2003 – VII B 382/​02, BFH/​NV 2004, 314; BFH, Urteil in BFHE 218, 10, BSt­Bl II 2007, 742[]