Aty­pisch stil­le Gesell­schaft – und der Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid

Ein Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid ist rechts­wid­rig, wenn in ihm die die "KG & aty­pisch Still" und die KG betref­fen­den Fest­stel­lun­gen zusam­men­ge­fasst wor­den sind.

Aty­pisch stil­le Gesell­schaft – und der Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid

Nach § 179 Abs. 1, Abs. 2 Satz 2 und § 180 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a AO wer­den geson­dert und ein­heit­lich fest­ge­stellt die kör­per­schaft- und ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­gen Ein­künf­te, wenn an den Ein­künf­ten meh­re­re Per­so­nen betei­ligt sind und die Ein­künf­te die­sen Per­so­nen steu­er­lich zuzu­rech­nen sind. Meh­re­re Per­so­nen sind an Ein­künf­ten betei­ligt, wenn sie den Tat­be­stand der Ein­kunfts­er­zie­lung in einer Gesell­schaft oder Gemein­schaft erfül­len 1. Ist dies der Fall, ist für jede Gesellschaft/​Gemeinschaft ein selb­stän­di­ges geson­der­tes und ein­heit­li­ches Fest­stel­lungs­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren 2.

Betei­ligt sich eine natür­li­che Per­son, eine Per­so­nen­ge­sell­schaft oder wie vor­lie­gend eine Kapi­tal­ge­sell­schaft aty­pisch still am Gewer­be einer Per­so­nen­ge­sell­schaft (hier: der KG), so sind zunächst für die aty­pisch stil­le Gesell­schaft als selb­stän­di­ges Sub­jekt der Gewinn­erzie­lung, Gewinn­ermitt­lung und Ein­künf­te­qua­li­fi­ka­ti­on 3 die vom Inha­ber des Han­dels­ge­schäfts und dem aty­pisch stil­len Gesell­schaf­ter gemein­schaft­lich erziel­ten Ein­künf­te nach § 179 Abs. 2 Satz 2, § 180 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a AO geson­dert und ein­heit­lich fest­zu­stel­len 3. Der Fest­stel­lungs­be­scheid für die aty­pisch stil­le Gesell­schaft hat Bin­dungs­wir­kung für die Ein­kom­men- bzw. Kör­per­schaft­steu­er­be­schei­de der Gesell­schaf­ter (vgl. § 182 Abs. 1 Satz 1 AO; BFH, Urteil in BFHE 252, 193, BSt­Bl II 2016, 517). Bei Vor­lie­gen einer dop­pel­stö­cki­gen Per­so­nen­ge­sell­schafts­struk­tur, die wie im Streit­fall auf­grund der stil­len Betei­li­gung an einer Per­so­nen­ge­sell­schaft ent­steht, hat der Fest­stel­lungs­be­scheid für die aty­pisch stil­le Gesell­schaft (als Unter­ge­sell­schaft) zudem Bin­dungs­wir­kung für den Fest­stel­lungs­be­scheid der Ober­ge­sell­schaft, hier der KG. Letz­te­rer hat sei­ner­seits Bin­dungs­wir­kung für die Ein­kom­men- bzw. Kör­per­schaft­steu­er­be­schei­de der Gesell­schaf­ter der Ober­ge­sell­schaft, hier den Klä­ger und die Bei­gela­de­ne. Für eine aty­pisch stil­le Gesell­schaft, die, wie im Streit­fall, aus einer KG als Inha­be­rin des Han­dels­ge­schäfts und einer AG und einer GmbH als aty­pisch stil­len Gesell­schaf­te­rin­nen besteht, sind des­halb die in dem Grund­la­gen­be­scheid der KG & aty­pisch Still fest­ge­stell­ten Ein­künf­te einer­seits in die Kör­per­schaft­steu­er­be­schei­de der AG und der GmbH und ande­rer­seits in den die KG betref­fen­den wei­te­ren Bescheid über die geson­der­te und ein­heit­li­che Fest­stel­lung von deren Ein­künf­ten zu über­neh­men 4.

Die Ver­selb­stän­di­gung jeder Gesell­schaft oder Gemein­schaft schließt es grund­sätz­lich aus, die Besteue­rungs­grund­la­gen für ver­schie­de­ne Gesell­schaf­ten (hier: einer­seits die KG & aty­pisch Still als Unter­ge­sell­schaft und ande­rer­seits die KG als Ober­ge­sell­schaft einer dop­pel­stö­cki­gen Per­so­nen­ge­sell­schaft) in einem Bescheid geson­dert und ein­heit­lich fest­zu­stel­len, denn grund­sätz­lich ist für jede Gesell­schaft, in der meh­re­re Per­so­nen den Tat­be­stand der Ein­kunfts­er­zie­lung erfül­len, ein selb­stän­di­ges geson­der­tes und ein­heit­li­ches Fest­stel­lungs­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren und ein selb­stän­di­ger Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid zu erlas­sen 3.

Ein Fest­stel­lungs­be­scheid, in dem die bei­de Gewinn­ermitt­lungs­sub­jek­te betref­fen­den Fest­stel­lun­gen zusam­men­ge­fasst wer­den, kann daher nicht auf § 179 Abs. 2 Satz 3 AO gestützt wer­den und ver­letzt § 179 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Satz 2, § 180 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a AO.

So ver­hält es sich im Streit­fall: Der Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid fasst, ohne dies aller­dings aus­drück­lich zu benen­nen, die Ein­künf­te der KG & aty­pisch Still und die Ein­künf­te der KG in einem Bescheid zusam­men. Dies folgt schon dar­aus, dass in dem Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid die stil­len Gesell­schaf­ter der KG & aty­pisch Still sowie die Gesell­schaf­ter der KG als Fest­stel­lungs­be­tei­lig­te auf­ge­führt und die­sen die fest­ge­stell­ten Ein­künf­te antei­lig zuge­rech­net wor­den sind. Das Finanz­amt ist, wie sich den Akten ent­neh­men lässt, offen­bar davon aus­ge­gan­gen, dass die KG & aty­pisch Still und die KG als ein Gewinn­ermitt­lungs­sub­jekt zu behan­deln sei­en und die Fest­stel­lung über die "ins­ge­samt" gemein­schaft­lich erziel­ten Ein­künf­te nur in einem Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid zu tref­fen sei.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. Okto­ber 2016 – IV R 20/​14

  1. BFH, Urteil vom 21.10.2015 – IV R 43/​12, BFHE 252, 193, BSt­Bl II 2016, 517[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le vom 19.04.2005 – VIII R 6/​04, BFH/​NV 2005, 1737, und in BFHE 252, 193, BSt­Bl II 2016, 517[]
  3. vgl. zuletzt BFH, Urteil in BFHE 252, 193, BSt­Bl II 2016, 517[][][]
  4. vgl. BFH, Urteil in BFHE 252, 193, BSt­Bl II 2016, 517[]