Bilan­zie­rung oder Ein­nah­men-Über­schuss-Rech­nung in Schät­zungs­fäl­len

Das Wahl­recht zwi­schen der Gewinn­ermitt­lung nach § 4 Abs. 1 EStG (Bilan­zie­rung) und § 4 Abs. 3 EStG (Ein­nah­men-Über­schuss-Rech­nung) steht nicht buch­füh­rungs­pflich­ti­gen Steu­er­pflich­ti­gen auch nach­träg­lich in Fäl­len zu, in denen die Höhe des Gewinns zu schät­zen ist.

Bilan­zie­rung oder Ein­nah­men-Über­schuss-Rech­nung in Schät­zungs­fäl­len

Gewinn ist der um Ent­nah­men und Ein­la­gen kor­ri­gier­te Unter­schieds­be­trag zwi­schen dem Betriebs­ver­mö­gen am Schluss des Wirt­schafts­jah­res und dem Betriebs­ver­mö­gen am Schluss des vor­an­ge­gan­ge­nen Wirt­schafts­jah­res (§ 4 Abs. 1 Satz 1 EStG). Steu­er­pflich­ti­ge, die nicht auf­grund gesetz­li­cher Vor­schrif­ten ver­pflich­tet sind, Bücher zu füh­ren und regel­mä­ßig Abschlüs­se zu machen, und die auch kei­ne Bücher füh­ren und kei­ne Abschlüs­se machen, kön­nen unter den in § 4 Abs. 3 Satz 1 EStG genann­ten Vor­aus­set­zun­gen anstel­le des durch Bestands­ver­gleich ermit­tel­ten Gewinns den Über­schuss der Betriebs­ein­nah­men über die Betriebs­aus­ga­ben anset­zen (Ein­nah­me-Über­schuss­rech­nung).

Nicht buch­füh­rungs­pflich­ti­ge Steu­er­pflich­ti­ge, die auch frei­wil­lig kei­ne Bücher füh­ren und kei­ne Abschlüs­se machen – wie im vor­lie­gend vom Nie­der­säch­si­schen Finanz­ge­richt ent­schie­de­nen Fall die Klä­ge­rin -, haben grund­sätz­lich das Recht, zwi­schen der Gewinn­ermitt­lung nach § 4 Abs. 1 EStG und nach § 4 Abs. 3 EStG zu wäh­len.

Es besteht für die Klä­ge­rin weder eine deri­va­ti­ve (§ 140 AO) noch eine ori­gi­nä­re (§ 141 AO) Buch­füh­rungs­pflicht. Sie hat weder eine Gewinn­ermitt­lung durch Betriebs­ver­mö­gens-ver­gleich noch durch Ein­nah­me-Über­schuss­rech­nung vor­ge­nom­men. Daher ist die Höhe des von ihr erziel­ten gewerb­li­chen Gewin­nes zu schät­zen.

Im ent­schie­de­nen Fall hat die Klä­ge­rin das ihr grund­sätz­lich zuste­hen­de Wahl­recht in der münd­li­chen Ver­hand­lung nach­träg­lich dahin­ge­hend aus­ge­übt, dass sie die Gewinn­ermitt­lungs­art nach § 4 Abs. 3 EStG wähl­te.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat in sei­ner Recht­spre­chung her­vor­ge­ho­ben, dass das Wahl­recht zwi­schen der Gewinn­ermitt­lung nach § 4 Abs. 1 und § 4 Abs. 3 EStG nicht buch­füh­rungs­pflich­ti­gen Steu­er­pflich­ti­gen prin­zi­pi­ell unbe­fris­tet zusteht 1. For­mal wird das Wahl­recht hier­nach allein durch die Bestands­kraft der Steu­er­fest­set­zung bzw. Fest­stel­lung begrenzt. Dies ent­spricht im Ergeb­nis auch der im Schrift­tum über­wie­gend ver­tre­te­nen Auf­fas­sung 2.

Das Nie­der­säch­si­sche Finanz­ge­richt tritt der im Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 19. Okto­ber 2005 3 vom XI. Senat ver­tre­te­nen Rechts­an­sicht bei 4 und gesteht der Klä­ge­rin auch in vor­lie­gen­dem Fall, in dem die Höhe des erziel­ten Gewin­nes man­gels ent­spre­chen­den Zah­len­werks zu schät­zen ist, das Wahl­recht hin­sicht­lich der Gewinn­ermitt­lungs­art nach­träg­lich zu.

Nie­der­säch­si­sches Finanz­ge­richt, Urteil vom 17. Febru­ar 2011 – 10 K 258/​10

  1. BFH, Urteil vom 19. Okto­ber 2005 – XI R 4/​04, BSt­Bl II 2006, 509[]
  2. z.B. HHR/​Kanzler, § 4 EStG, Stand: Sep­tem­ber 2009, Rn. 550; Blümich/​Wied, § 4 EStG Rn. 134 ff.; Frot­scher in Frot­scher, EStG, Stand: Dezem­ber 2009, § 4 Rn. 19; Kanz­ler, FR 1998, 233, 245; Drüen, DStR 1999, 1589; Drüen/​Krumm, FR 2004, 685; Hofer, DStR 2000, 1635[]
  3. BFH, Urteil vom 19.10.2005 – XI R 4/​04, BSt­Bl II 2006, 509[]
  4. so auch der IV. Senat: BFH, Urteil vom 19.03.2009 – IV R 57/​07, BSt­Bl II 2009, 659[]