Der Betrieb als Lieb­ha­be­rei

Zur Beur­tei­lung der Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht, also dem Bestre­ben, das Betriebs­er­geb­nis zu meh­ren und auf Dau­er einen Total­ge­winn zu erzie­len 1, ist in einem ers­ten Schritt zu prü­fen, ob das Unter­neh­men bei objek­ti­ver Betrach­tung zur Erzie­lung eines sol­chen Total­ge­winns (Gesamt­ergeb­nis des Betriebs in der Zeit zwi­schen Grün­dung und Ver­äu­ße­rung, Auf­ga­be oder Liqui­da­ti­on) geeig­net ist 2.

Der Betrieb als Lieb­ha­be­rei

Dazu ist eine Pro­gno­se dar­über anzu­stel­len, ob der Betrieb nach sei­nem Wesen und der Art sei­ner Bewirt­schaf­tung auf Dau­er geeig­net ist, einen Gewinn zu erwirt­schaf­ten 3.

Eine in die Zukunft gerich­te­te Beur­tei­lung ent­fällt, wenn der Betrieb bereits ein­ge­stellt ist, da die Eig­nung, Gewinn zu erwirt­schaf­ten, dann aus­schließ­lich aus der Rück­schau beur­teilt wer­den kann.

Die Gewinn­pro­gno­se war in dem hier vom Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Streit­fall nega­tiv: Die Unter­neh­me­rin hat – auch wenn man ein­zel­ne Auf­wen­dun­gen wegen der unkla­ren Zuge­hö­rig­keit unbe­rück­sich­tigt lässt (Geschäfts­aus­stat­tung, GWG, Auf­wand Büro, betrieb­li­che Fahrt­kos­ten, Por­to/​Tele­fon, Büro­ma­te­ri­al) – in den Streit­jah­ren Ver­lus­te erzielt. Für das nach­fol­gen­de Jahr 2014 hat die Unter­neh­me­rin eben­falls einen Ver­lust (5.630,91 €) erklärt. Auch für das Jahr 2015 ist von einem Ver­lust aus­zu­ge­hen, da die Unter­neh­me­rin nach den vor­lie­gen­den Bonus­ab­rech­nun­gen Pro­vi­si­ons­ein­nah­men in Höhe von nur (brut­to) 307, 04 € erzielt hat. In den Fol­ge­jah­ren sind der Unter­neh­me­rin bis heu­te kei­ne Ein­nah­men mehr zuge­flos­sen. Es ist nach der Beur­tei­lung des Finanz­ge­richts der­zeit nicht davon aus­zu­ge­hen, dass sich dies in abseh­ba­rer Zeit ändern wird.

An eine nega­ti­ve Total­ge­winn­pro­gno­se schließt sich nach der BFH-Recht­spre­chung in einem zwei­ten Schritt die Prü­fung an, ob die Ver­lus­te vom Steu­er­pflich­ti­gen sub­jek­tiv aus in sei­ner Lebens­füh­rung lie­gen­den per­sön­li­chen Grün­den und Nei­gun­gen hin­ge­nom­men wer­den. Denn aus der objek­ti­ven Unge­eig­net­heit des Betriebs, einen Total­ge­winn zu erwirt­schaf­ten, kann noch nicht zwin­gend auf eine feh­len­de Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht geschlos­sen wer­den 4.

Bei der Fra­ge, ob die Ver­lus­te aus in der Lebens­füh­rung lie­gen­den Grün­den und Nei­gun­gen hin­ge­nom­men wor­den sind, ist zwi­schen lang­jäh­ri­gen Ver­lus­ten und Anlauf­ver­lus­ten zu unter­schei­den.

Befin­det sich das Unter­neh­men noch in der betriebs­spe­zi­fi­schen Anlauf­pha­se, ist das Unter­las­sen von Kor­rek­tur­maß­nah­men noch kein Indiz gegen eine Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht 5. Zur Län­ge der Anlauf­zeit hat der BFH ent­schie­den, dass ein Zeit­raum von weni­ger als fünf Jah­ren nur im Aus­nah­me­fall in Betracht kom­men wird 6.

Ver­lus­te wäh­rend der Anlauf­pha­se sind grund­sätz­lich zu berück­sich­ti­gen. Das trifft jedoch nicht zu, wenn die Art des Betriebs den Schluss zulässt, dass die per­sön­li­chen Inter­es­sen und Nei­gun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen eine erheb­li­che Rol­le spie­len 7 oder wenn der Betrieb so, wie er vom Steu­er­pflich­ti­gen betrie­ben wur­de, von Anfang an nicht in der Lage war, nach­hal­tig Gewin­ne zu erzie­len 8. Glei­ches gilt, wenn Kos­ten der pri­va­ten Lebens­füh­rung (z.B. antei­li­ge Fix­kos­ten für ein häus­li­ches Arbeits­zim­mer, Com­pu­ter) in den steu­er­lich abzugs­fä­hi­gen Bereich ver­la­gert wer­den sol­len 9.

Das Finanz­ge­richt stimmt der Unter­neh­mer­sei­te dar­in zu, dass per­sön­li­che Nei­gun­gen und Inter­es­sen beim Erwerb der Lizen­zen kei­ne ent­schei­den­de Rol­le gespielt haben. Aller­dings spricht alles dafür, dass der Betrieb, so wie er von der Unter­neh­me­rin geführt wur­de, von Anfang an nicht in der Lage war, Gewin­ne zu erwirt­schaf­ten. Zunächst ver­füg­te die Unter­neh­me­rin über kei­nen und ab dem Jahr 2015 über einen nur ein­ge­schränk­ten Inter­net­an­schluss. Sie konn­te dem­zu­fol­ge kei­ne Akti­vi­tä­ten zur Erzie­lung von Pro­vi­si­ons­ein­nah­men ent­fal­ten. Zudem ist der Lizenz­er­werb zwin­gend im Zusam­men­hang mit dem Geschäfts­mo­dell der X und deren "Pre­mi­um-Lizenz"-Geschäft zu beur­tei­len. Die­ses Geschäfts­mo­dell war jedoch von Beginn an zum Schei­tern ver­ur­teilt, weil das not­wen­di­ge Start­ka­pi­tal der X durch den Ver­kauf von Pre­mi­um-Lizen­zen beschafft wur­de, wobei den Erwer­bern die­ser Lizen­zen ledig­lich die Son­der­bo­ni in Aus­sicht gestellt wur­den. Es war des­halb von vorn­her­ein klar, dass die Lizenz­er­wer­ber ihre Zah­lun­gen zurück­for­dern wür­den, wenn sich nach Ablauf der ers­ten 12 Mona­te her­aus­stell­te, wie hoch die Pro­vi­si­ons­an­tei­le tat­säch­lich sind 10.

Die Unter­neh­me­rin hat­te offen­kun­dig kei­ner­lei Vor­stel­lun­gen und Kennt­nis­se von Art, Umfang und Funk­ti­ons­wei­se des Online-Han­dels. Die Umstän­de der Ent­schei­dung der Unter­neh­me­rin offen­ba­ren daher ein ein­kom­men­steu­er­recht­lich nicht berück­sich­ti­gungs­fä­hi­ges spe­ku­la­ti­ves Motiv, das nicht mit einem ein­kom­men­steu­er­recht­lich rele­van­ten Unter­neh­mer­ri­si­ko im Sin­ne von § 15 Abs. 2 EStG ver­gleich­bar ist 11.

Schließ­lich hat die Unter­neh­me­rin im vor­lie­gen­den Fall auch in erheb­li­chem Umfang Kos­ten der pri­va­ten Lebens­füh­rung (antei­li­ge Kos­ten für ein häus­li­ches Arbeits­zim­mer, Com­pu­ter) in den steu­er­lich abzugs­fä­hi­gen Bereich ver­la­gert.

Finanz­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 19. März 2018 – 10 K 748/​16

  1. BFH, Beschluss vom 25.06.1984 – GrS 4/​82, BFHE 141, 405, BSt­BI – II 1984, 751, unter C.IV.03.c[]
  2. BFH, Urteil vom 17.11.2004 – X R 62/​01, BFHE 208, 522, BSt­Bl II 2005, 336, unter II. 1.a[]
  3. BFH, Urteil vom 31.05.2001 – IV R 81/​99, BFHE 195, 382, BSt­Bl II 2002, 276, unter 2.a[]
  4. BFH, Beschluss vom 25.06.1984 – GrS 4/​82, BFHE 141 , 405, BSt­Bl II 1984, 751[]
  5. BFH, Urteil vom 15.11.1984 – IV R 139/​81, BFHE 142, 464, BSt­Bl II 1985, 205, unter 2.[]
  6. BFH, Urteil vom 23.05.2007 – X R 33/​04, BFHE 218, 163, BSt­Bl II 2007, 874, unter II. 2.b cc[]
  7. BFH, Urteil vom 23.05.2007 – X R 33/​04, BFHE 218, 163, BSt­Bl II 2007, 874, unter II. 2.b dd[]
  8. BFH, Urteil vom 14.12 2004 – XI R 6/​02, BFHE 208, 557, BSt­Bl II 2005, 392, unter II. 2.c, m.w.N.[]
  9. BFH, Urteil vom 21.07.2004 – X R 33/​03, BFHE 207, 183, BSt­Bl II 2004, 1063, unter II. 3.c aa[]
  10. vgl. bei­spiel­haft LG Kon­stanz, Urteil vom 01.03.2016 – 3 O 4/​15, bestä­tigt durch OLG Karls­ru­he, Urteil vom 29.12 2016 – 9 U 29/​16[]
  11. vgl. FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 23.06.2015, a.a.O., unter Ver­weis auf BFH, Urtei­le vom 11.12 1997 – IV R 4/​95, BFH/​NV 1998, 947; vom 02.07.1998 – IV R 90/​96, BFH/​NV 1999, 754; und vom 29.03.2000 – X R 99/​95, BFH/​NV 2000, 1188[]