Die Kla­ge gegen den geson­der­ten und ein­heit­li­chen Fest­stel­lungs­be­scheid – und die Bei­la­dung der Personengesellschaft

Die Ein­schrän­kung, dass eine nach § 48 Abs. 1 Nr. 4 oder Nr. 5 FGO kla­ge­be­fug­te Per­son nicht zum Ver­fah­ren bei­zu­la­den ist, wenn sie vom Aus­gang des Rechts­streits unter kei­nem denk­ba­ren Gesichts­punkt betrof­fen sein kann, gilt nicht für die Kla­ge­be­fug­nis nach § 48 Abs. 1 Nr. 1 FGO1.

Die Kla­ge gegen den geson­der­ten und ein­heit­li­chen Fest­stel­lungs­be­scheid – und die Bei­la­dung der Personengesellschaft

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall war der Klä­ger als Treu­ge­ber über einen von der A‑GmbH gehal­te­nen Kom­man­dit­an­teil mit­tel­bar an der B‑KG betei­ligt. Per­sön­lich haf­ten­de Gesell­schaf­te­rin der B‑KG ist die B‑GmbH. Gegen­stand des Unter­neh­mens der B‑KG ist u.a. der Erwerb und das Hal­ten von Index-Zer­ti­fi­ka­ten sowie von US-Lebens­ver­si­che­rungs­po­li­cen. Die B‑KG und die B‑GmbH wur­den zwi­schen­zeit­lich auf­ge­löst. Zur Liqui­da­to­rin bei­der Gesell­schaf­ten wur­de die – C‑KG bestellt. Die Liqui­da­ti­on bei­der Gesell­schaf­ten ist noch nicht beendet.

Mit Bescheid über die geson­der­te und ein­heit­li­che Fest­stel­lung von Besteue­rungs­grund­la­gen vom 30.03.2017, der gemäß § 164 Abs. 1 der Abga­ben­ord­nung unter dem Vor­be­halt der Nach­prü­fung erging, stell­te das Finanz­amt ür die B‑KG u.a. Kapi­tal­erträ­ge, die nicht dem Steu­er­ab­zug unter­la­gen, fest und rech­ne­te die­se dem Klä­ger in einer bestimm­ten Höhe zu. Am 06.06.2017 erließ das Finanz­amt einen Ände­rungs­be­scheid, in dem es u.a. Kapi­tal­erträ­ge, die nicht dem Steu­er­ab­zug unter­la­gen, in neu berech­ne­ter Höhe fest­stell­te und die­se dem Klä­ger in eben­falls neu berech­ne­ter Höhe zurech­ne­te. In bei­den Beschei­den wur­de der Klä­ger als Gesell­schaf­ter der B‑KG geführt. Die Treu­hand­kom­man­di­tis­tin wur­de in den Beschei­den nicht als Gesell­schaf­te­rin auf­ge­führt. Mit sei­ner hier­ge­gen erho­be­nen Kla­ge wen­det sich der Klä­ger u.a. dage­gen, dass er in den ange­foch­te­nen Beschei­den als Kom­man­di­tist der B‑KG geführt wird, obwohl er ledig­lich mit­tel­bar über die Treu­hand­kom­man­di­tis­tin an der B‑KG betei­ligt sei. Er trägt vor, das Finanz­amt habe es unter­las­sen, ein zwei­stu­fi­ges Fest­stel­lungs­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren. Hilfs­wei­se macht er die Berück­sich­ti­gung zusätz­li­cher Son­der­be­triebs­aus­ga­ben geltend.

Weiterlesen:
Gewerbliche Prägung durch ausländische Kapitalgesellschaft

Das Finanz­ge­richt Müns­ter hat zunächst die – C‑KG gemäß § 60 Abs. 3 FGO zum Ver­fah­ren bei­ge­la­den. Auf die Beschwer­de des Klä­gers hat der Bun­des­fi­nanz­hof die Bei­la­dung auf­ge­ho­ben und zur Begrün­dung aus­ge­führt, das Finanz­ge­richt habe die B‑KG selbst und nicht die – C‑KG als deren Liqui­da­to­rin bei­la­den müs­sen2. Sodann hat das Finanz­ge­richt Müns­ter die B‑KG gemäß § 60 Abs. 3 FGO zum Ver­fah­ren bei­ge­la­den3. Dage­gen wen­det sich der Klä­ger erneut mit der Beschwer­de. Er macht u.a. gel­tend, die B‑KG sei unter kei­nem denk­ba­ren Gesichts­punkt vom Aus­gang des Kla­ge­ver­fah­rens betrof­fen. Der Fest­stel­lungs­be­scheid sei bereits man­gels ord­nungs­ge­mä­ßer Adres­sie­rung der Fest­stel­lungs­be­tei­lig­ten unwirk­sam. Eine Bei­la­dung sei jeden­falls im der­zei­ti­gen Sta­di­um der Liqui­da­ti­on der B‑KG aus­ge­schlos­sen. Der Bun­des­fi­nanz­hof wies die­se Beschwer­de nun als unbe­grün­det zurück; die B‑KG war im Streit­fall gemäß § 60 Abs. 3 FGO not­wen­dig beizuladen:

Nach § 60 Abs. 3 Satz 1 FGO sind Drit­te, die an dem strei­ti­gen Rechts­ver­hält­nis der­art betei­ligt sind, dass die Ent­schei­dung auch ihnen gegen­über nur ein­heit­lich erge­hen kann, not­wen­dig bei­zu­la­den. Dies gilt nach Satz 2 der Vor­schrift nicht für Mit­be­rech­tig­te, die nach § 48 FGO nicht kla­ge­be­fugt sind.

Danach war die Bei­la­dung der B‑KG im Streit­fall notwendig.

Die B‑KG ist nach § 48 Abs. 1 Nr. 1 FGO befugt, Kla­ge gegen den Fest­stel­lungs­be­scheid zu erhe­ben, ist im Streit­fall aber nicht selbst als Klä­ge­rin am Ver­fah­ren betei­ligt (§ 60 Abs. 3 Satz 2 FGO). Eine Ein­schrän­kung der Kla­ge­be­fug­nis der B‑KG und damit der Bei­la­dungs­pflicht ergibt sich nicht dar­aus, dass sie, wie der Klä­ger vor­trägt, unter kei­nem denk­ba­ren recht­li­chen Gesichts­punkt vom Aus­gang des Ver­fah­rens betrof­fen sein kann. Denn die­se Ein­schrän­kung gilt nicht für die Kla­ge­be­fug­nis nach § 48 Abs. 1 Nr. 1 FGO4. Die in § 48 Abs. 1 Nr. 1 FGO gere­gel­te gesetz­li­che Pro­zess­stand­schaft der Gesell­schaft wird im Wesent­li­chen von pro­zess­öko­no­mi­schen Erwä­gun­gen bestimmt, wie etwa der ein­heit­li­chen Behand­lung von Streit­fra­gen, dem mit der not­wen­di­gen Bei­la­dung ver­folg­ten Ziel der Ver­mei­dung wider­sprüch­li­cher Ent­schei­dun­gen und der Siche­rung einer ein­heit­li­chen Rechts­kraft­wir­kung5.

Weiterlesen:
Dienstleistungsverpflichtung als stille Gesellschaft?

Der not­wen­di­gen Bei­la­dung der B‑KG steht auch nicht ent­ge­gen, dass sie auf­ge­löst wur­de und sich im Sta­di­um der Liqui­da­ti­on befin­det. Denn die Liqui­da­ti­on einer Per­so­nen­ge­sell­schaft lässt ihre Kla­ge­be­fug­nis wäh­rend der Liqui­da­ti­ons­pha­se unbe­rührt6. Von der Bei­la­dung der nach § 48 Abs. 1 Nr. 1 FGO kla­ge­be­fug­ten Gesell­schaft kann erst dann abge­se­hen wer­den, wenn die Gesell­schaft nach den äuße­ren Umstän­den (tat­säch­li­che Ein­stel­lung des Betriebs, völ­li­ge Ver­mö­gens­lo­sig­keit) als fak­tisch been­det anzu­se­hen ist oder wenn über den Fort­be­stand der Gesell­schaft Unge­wiss­heit besteht7. Dafür bestehen nach dem vor­lie­gen­den Akten­in­halt kei­ne Anhaltspunkte.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 26. Juni 2021 – VIII B 28/​21

  1. vgl. BFH, Beschluss vom 14.11.2008 – IV B 136/​07, BFH/​NV 2009, 597[]
  2. BFH, Beschluss vom 12.10.2020 – VIII B 32/​20, BFH/​NV 2021, 333 []
  3. FG Müns­ter, 22.01.2021 – 10 K 3338/​17 F[]
  4. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 31.01.1992 – VIII B 33/​90, BFHE 167, 5, BStBl II 1992, 559; und vom 14.11.2008 – IV B 136/​07, BFH/​NV 2009, 597[]
  5. vgl. hier­zu: BFH, Beschluss in BFHE 167, 5, BStBl II 1992, 559, unter 2.c der Grün­de[]
  6. z.B. BFH, Beschluss vom 12.04.2007 – IV B 69/​05, BFH/​NV 2007, 1923[]
  7. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 03.09.2009 – IV R 17/​07, BFHE 227, 293, BStBl II 2010, 631; BFH, Beschluss in BFH/​NV 2021, 333[]