Die Kla­ge gegen einen Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid – und sei­ne recht­lich selb­stän­di­gen Rege­lun­gen

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung kann ein Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid eine Viel­zahl selb­stän­di­ger und damit auch selb­stän­dig anfecht­ba­rer Fest­stel­lun­gen ent­hal­ten, die eigen­stän­dig in Bestands­kraft erwach­sen und des­halb für die in dem näm­li­chen Bescheid getrof­fe­nen und recht­lich nach­ge­la­ger­ten Fest­stel­lun­gen Bin­dungs­wir­kung ent­fal­ten kön­nen.

Die Kla­ge gegen einen Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid – und sei­ne recht­lich selb­stän­di­gen Rege­lun­gen

Sol­che selb­stän­di­gen Rege­lun­gen (Fest­stel­lun­gen) sind ins­be­son­de­re die Qua­li­fi­ka­ti­on der Ein­künf­te, das Bestehen einer Mit­un­ter­neh­mer­schaft und wer an ihr betei­ligt ist, die Höhe des lau­fen­den Gesamt­hands­ge­winns sowie des­sen Ver­tei­lung auf die Mit­un­ter­neh­mer und die Höhe eines Son­der­ge­winns bzw. einer Son­der­ver­gü­tung. Selb­stän­dig anfecht­bar ist auch die Fest­stel­lung eines Ver­äu­ße­rungs- oder Auf­ga­be­ge­winns, und zwar sowohl eines sol­chen des ein­zel­nen Mit­un­ter­neh­mers als auch eines sol­chen auf Ebe­ne der Gesamt­hand 1, sowie ‑als wei­te­re Fest­stel­lung- die Qua­li­fi­ka­ti­on des Auf­ga­be- oder Ver­äu­ße­rungs­ge­winns als Bestand­teil der außer­or­dent­li­chen Ein­künf­te i.S. des § 34 Abs. 2 Nr. 1 EStG. Kei­ne selb­stän­di­ge Fest­stel­lung ist hin­ge­gen der sich aus den ein­zel­nen Fest­stel­lun­gen erge­ben­de Gesamt­ge­winn, der ledig­lich eine Rechen­grö­ße dar­stellt 2.

Da die Höhe der fest­ge­stell­ten Ein­künf­te mit­hin eine selb­stän­di­ge Rege­lung dar­stellt 3, kann eine gericht­li­che Prü­fung der Qua­li­fi­ka­ti­on der Ein­kunfts­art zusam­men mit ihrer zutref­fen­den Höhe nur dann erfol­gen, wenn sowohl die Fest­stel­lung der Ein­kunfts­art als auch deren Höhe ange­grif­fen und wirk­sam zum Gegen­stand des Kla­ge- und Revi­si­ons­ver­fah­rens gemacht wer­den. Unter­bleibt dies, so kann das Gericht ledig­lich über die ihm unter­brei­te­te strei­ti­ge Fest­stel­lung ent­schei­den 4.

Wird eine geson­dert fest­ge­stell­te Besteue­rungs­grund­la­ge nicht mit einem Rechts­be­helf ange­grif­fen, so steht das ihrer Prü­fung nur dann nicht ent­ge­gen, wenn die Ände­rung einer ande­ren ‑aus­drück­lich ange­foch­te­nen- Besteue­rungs­grund­la­ge zwangs­läu­fig, im Sin­ne einer untrenn­ba­ren Ver­knüp­fung, Aus­wir­kun­gen auch auf die nicht ange­foch­te­ne Besteue­rungs­grund­la­ge hat 5.

Liegt kei­ne sol­che untrenn­ba­re Ver­knüp­fung einer ange­foch­te­nen Besteue­rungs­grund­la­ge mit einer nicht ange­foch­te­nen Besteue­rungs­grund­la­ge vor, so kann eine steu­er­li­che Aus­wir­kung einer allei­ne gericht­lich ange­foch­te­nen Besteue­rungs­grund­la­ge auf eine nicht gericht­lich ange­foch­te­ne ande­re Besteue­rungs­grund­la­ge durch die Finanz­be­hör­de inner­halb der Gren­zen des § 174 Abs. 4 der Abga­ben­ord­nung zum Gegen­stand eines Kor­rek­tur­ver­fah­rens gemacht wer­den 6.

Da eine Kla­ge gegen einen Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid mit­hin ver­schie­de­ne Ziel­set­zun­gen haben kann, kommt der Bestim­mung des klä­ge­ri­schen Begeh­rens im Sin­ne einer rechts­schutz­ge­wäh­ren­den Aus­le­gung beson­de­re Bedeu­tung zu. Wel­che Besteue­rungs­grund­la­gen der Klä­ger mit sei­ner Kla­ge angreift und damit zum Gegen­stand des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens gemacht hat, ist durch Aus­le­gung der Kla­ge­schrift oder der dar­in aus­drück­lich in Bezug genom­me­nen Schrift­stü­cke zu ermit­teln 7.

Im Streit­fall ver­steht der Bun­des­fi­nanz­hof das Begeh­ren der Klä­ger im Revi­si­ons­ver­fah­ren ‑wie bereits im Kla­ge­ver­fah­ren- dahin­ge­hend, dass sie neben der Fest­stel­lung eines Auf­ga­be­ge­winns auch die Fest­stel­lung von Ein­künf­ten aus Ver­mie­tung und Ver­pach­tung angrei­fen und die ursprüng­lich vor­ge­nom­me­ne voll­stän­di­ge Zuord­nung der lau­fen­den Ein­künf­te zu den Ein­künf­ten aus Gewer­be­be­trieb wie­der­her­ge­stellt wis­sen wol­len. Der Antrag ist des­halb so aus­zu­le­gen, dass er sich auch gegen die Höhe der lau­fen­den Ein­künf­te wen­det, die ‑bedingt durch eine unter­schied­li­che Gebäu­de­ab­schrei­bung bei Annah­me von Pri­vat­ver­mö­gen oder Betriebs­ver­mö­gen infol­ge unter­schied­li­cher Abschrei­bungs­sät­ze und abwei­chen­der Bemes­sungs­grund­la­ge bei Annah­me einer Betriebs­auf­ga­be- für die bei­den in Streit ste­hen­den Ein­kunfts­ar­ten unter­schied­lich aus­fällt. Die Klä­ger begeh­ren nicht nur, ledig­lich gewerb­li­che Ein­künf­te fest­zu­stel­len, son­dern auch die Fest­stel­lung der Ein­künf­te in der ursprüng­lich fest­ge­stell­ten Höhe.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 17. April 2019 – IV R 12/​16

  1. z.B. BFH, Urteil vom 02.10.2018 – IV R 24/​15, Rz 22[]
  2. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 01.03.2018 – IV R 38/​15, BFHE 260, 543, BSt­Bl II 2018, 587, Rz 24 ff., m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 09.11.2017 – IV R 37/​14, BFHE 259, 545, BSt­Bl II 2018, 227, Rz 19[]
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 16.10.2012 – VIII B 42/​12, Rz 2[]
  5. vgl. BFH, Urtei­le vom 08.06.2000 – IV R 65/​99, BFHE 192, 207, BSt­Bl II 2001, 89, unter 2.b, zur alter­na­ti­ven Qua­li­fi­zie­rung einer Ent­schä­di­gung als Auf­ga­be­ge­winn oder lau­fen­der Gewinn; vom 23.02.2012 – IV R 32/​09, Rz 31, zur Erfor­der­lich­keit der zwangs­läu­fi­gen Aus­wir­kung im sel­ben Jahr; vom 08.06.2017 – IV R 6/​14, BFHE 258, 387, BSt­Bl II 2017, 1053, Rz 21, zum tarif­be­güns­tig­ten Ver­äu­ße­rungs­ge­winn oder alter­na­tiv lau­fen­den Ein­künf­ten aus Gewer­be­be­trieb; s.a. BFH, Beschluss vom 19.09.2017 – IV B 85/​16, Rz 5[]
  6. vgl. BFH, Urteil in BFHE 192, 207, BSt­Bl II 2001, 89[]
  7. BFH, Urteil vom 30.11.2017 – IV R 33/​14, Rz 23[]