Die vom Steu­er­pflich­ti­gen bestrit­te­ne Vor­la­ge­pflicht in der Betriebs­prü­fung – und die Schät­zung der Besteue­rungs­grund­la­gen

Es wider­spricht nicht dem Zweck des § 162 Abs. 2 AO, eine dar­in genann­te Pflicht­ver­let­zung anzu­neh­men, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge sei­ne Her­aus­ga­be­pflicht bestrei­tet, dies umfäng­lich begrün­det und die Vor­la­ge der ange­for­der­ten Datei mit der Maß­ga­be anbie­tet, dass eine Pflicht zuvor gericht­lich fest­ge­stellt wird.

Die vom Steu­er­pflich­ti­gen bestrit­te­ne Vor­la­ge­pflicht in der Betriebs­prü­fung – und die Schät­zung der Besteue­rungs­grund­la­gen

Eben­so schließt sich der Bun­des­fi­nanz­hof nicht der Auf­fas­sung an, der Streit um vor­greif­li­che Rechts­fra­gen, deren iso­lier­te Jus­ti­zia­bi­li­tät der Bun­des­fi­nanz­hof kurz zuvor in einem im Bun­des­steu­er­blatt ver­öf­fent­lich­ten Urteil bestä­tigt hat, stel­le kei­ne mit der Zuschät­zung zu bele­gen­de Ver­let­zung von Pflich­ten i.S. von § 162 Abs. 2 AO dar.

Zwar wäre es wün­schens­wert gewe­sen, wenn die vor­greif­li­che und strit­ti­ge Fra­ge, ob und inwie­weit eine Vor­la­ge­pflicht besteht, gericht­lich geklärt wor­den wäre, bevor das Finanz­amt Schät­zungs­be­schei­de erlässt. Der Umstand, dass dies nicht gesche­hen ist, führt indes nicht dazu, dass die objek­tiv gege­be­ne Ver­let­zung der Her­aus­ga­be­pflicht ent­fällt. Die­se berech­tigt auch dann zur Schät­zung, wenn die Exis­tenz der Her­aus­ga­be­pflicht strei­tig war, der Steu­er­pflich­ti­ge hier­über ‑ggf. auch schuld­los- irr­te und die Fra­ge erst nach Erlass der Schät­zungs­be­schei­de höchst­rich­ter­lich geklärt wur­de.

Grün­det die Schät­zungs­be­fug­nis dar­auf, dass der Steu­er­pflich­ti­ge Unter­la­gen nicht vor­le­gen kann (§ 162 Abs. 2 Satz 2 AO), so ist es nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung uner­heb­lich, war­um er sie nicht vor­le­gen kann, nament­lich, ob ihn hier­an ein Ver­schul­den trifft [1]. Grün­det die Schät­zungs­be­fug­nis dar­auf, dass der Steu­er­pflich­ti­ge Unter­la­gen nicht vor­le­gen will, so kann nichts ande­res gel­ten, sodass in die­sem Fall § 162 Abs. 2 AO ent­spre­chend anzu­wen­den ist [2].

Ist ein Steu­er­pflich­ti­ger sei­nen Ver­pflich­tun­gen gemäß § 162 Abs. 2 AO nicht nach­ge­kom­men und sind des­halb die Besteue­rungs­grund­la­gen von der Finanz­be­hör­de geschätzt wor­den, ist das Finanz­ge­richt gehal­ten, von sei­ner eige­nen Schät­zungs­be­fug­nis nach § 96 Abs. 1 Halb­satz 2 FGO i.V.m. § 162 AO Gebrauch zu machen [3]. Das Finanz­ge­richt kann sei­ne Ver­pflich­tung zur eige­nen Schät­zung zwar auch dadurch erfül­len, dass es die Schät­zung der Finanz­be­hör­de prüft und als eige­ne über­nimmt und sich dann dar­auf beschränkt, sub­stan­ti­ier­ten Ein­wen­dun­gen gegen die Schät­zung des Finanz­amt nach­zu­ge­hen [4]. Es ist aber nicht an die vom Finanz­amt gewähl­te Schät­zungs­me­tho­de gebun­den, weil es nach § 96 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 2 FGO i.V.m. § 162 AO eine eige­ne, selb­stän­di­ge Schät­zungs­be­fug­nis besitzt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 28. Okto­ber 2015 – X R 47/​13

  1. vgl. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 28.06.1972 – I R 182/​69, BFHE 106, 427, BStBl II 1972, 819, unter 1.b; vom 09.03.1994 – VIII S 9/​93, BFH/​NV 1995, 28, unter II. 3.b ff.; vom 19.07.2010 – X S 10/​10 (PKH), BFH/​NV 2010, 2017, sowie vom 26.10.2011 – X B 44/​11, BFH/​NV 2012, 168, unter II. 1.b[]
  2. so auch BFH, Beschluss vom 18.11.2009 – VIII B 16/​08, BFH/​NV 2010, 389, unter II. 1.; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 162 AO Rz 37; Koenig/​Cöster, Abga­ben­ord­nung, 3. Aufl., § 162 Rz 61; Buciek in Beermann/​Gosch, AO § 162 Rz 63[]
  3. sie­he BFH, Urteil vom 18.05.1999 – I R 102/​98, BFH/​NV 1999, 1492, unter II.[]
  4. vgl. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 12.10.2005 – VIII B 241/​04, BFH/​NV 2006, 326; und vom 06.06.2012 – I R 99/​10, BFHE 237, 335, BStBl II 2013, 196, unter 5.[]