Ein­kom­men­steu­er auf frei­be­ruf­li­che Ein­künf­te einer Insol­venz­schuld­ne­rin

Die Ein­kom­men­steu­er auf frei­be­ruf­li­che Ein­künf­te einer Insol­venz­schuld­ne­rin stellt kei­ne Mas­se­ver­bind­lich­keit dar.

Ein­kom­men­steu­er auf frei­be­ruf­li­che Ein­künf­te einer Insol­venz­schuld­ne­rin

Zu den sons­ti­gen Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten gehö­ren nach § 55 Abs. 1 Nr. 1 InsO auch die Ver­bind­lich­kei­ten, die durch Hand­lun­gen des Insol­venz­ver­wal­ters oder in ande­rer Wei­se durch die Ver­wal­tung, Ver­wer­tung und Ver­tei­lung der Insol­venz­mas­se begrün­det wer­den, ohne zu den Kos­ten des Insol­venz­ver­fah­rens zu gehö­ren. Danach kann eine Mas­se­ver­bind­lich­keit durch eine Ver­wal­tungs­maß­nah­me des Insol­venz­ver­wal­ters [1] oder kraft Geset­zes ent­ste­hen [2]. Jeden­falls genügt ein Unter­las­sen des Insol­venz­ver­wal­ters nur, wenn er dadurch eine Amts­pflicht zum Tätig­wer­den ver­letzt [3].

Die Ein­kom­men­steu­er, die im Zusam­men­hang mit der frei­be­ruf­li­chen ärzt­li­chen Tätig­keit der Insol­venz­schuld­ne­rin ent­stan­den ist, ist kei­ne vor­ran­gig zu befrie­di­gen­de Mas­se­ver­bind­lich­keit i.S. des § 55 Abs. 1 Nr. 1 InsO. Der Bun­des­fi­nanz­hof braucht dabei nicht zu ent­schei­den, ob die Rege­lung des § 35 Abs. 2 InsO im Streit­fall bereits anzu­wen­den ist. Nach die­ser Norm hat der Insol­venz­ver­wal­ter zu erklä­ren, ob das Ver­mö­gen aus einer selb­stän­di­gen Tätig­keit zur Insol­venz­mas­se gehö­ren soll und ob Ansprü­che aus die­ser Tätig­keit gegen die Insol­venz­mas­se gel­tend gemacht wer­den kön­nen. Die Vor­schrift ist zum 1. Juli 2007 in Kraft getre­ten. Gegen eine Anwen­dung im Streit­fall spricht aber Art. 103c Abs. 1 des Ein­füh­rungs­ge­set­zes zur Insol­venz­ord­nung [4], der bestimmt, dass die ein­ge­führ­ten Abs. 2 und 3 des § 35 InsO nur für Insol­venz­ver­fah­ren anzu­wen­den sind, die nach dem 1. Juli 2007 eröff­net wur­den. Aller­dings käme es auf die­se Anwen­dungs­re­ge­lung nicht an, wenn der Inhalt des § 35 Abs. 2 InsO ledig­lich dekla­ra­to­ri­schen Cha­rak­ter hät­te. Von einer sol­chen bloß klar­stel­len­den Funk­ti­on des § 35 Abs. 2 InsO geht die Begrün­dung der Bun­des­re­gie­rung zum Gesetz­ent­wurf [5] im Gegen­satz zum Bun­des­ge­richts­hof [6] aus. Der Bun­des­fi­nanz­hof kann offen­las­sen, ob der Norm des § 35 Abs. 2 InsO dekla­ra­to­ri­sche Wir­kung zukommt und sie des­halb bereits im Streit­fall ange­wen­det wer­den kann. Denn die Ein­kom­men­steu­er­vor­aus­zah­lun­gen der Insol­venz­schuld­ne­rin sind in kei­nem Fall Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten i.S. des § 55 InsO.

Soll­te eine dem § 35 Abs. 2 InsO ent­spre­chen­de Frei­ga­be der selb­stän­di­gen Tätig­keit bereits vor dem gesetz­li­chen Anwen­dungs­zeit­punkt mög­lich gewe­sen sein, dann hät­te die Insol­venz­ver­wal­te­rin durch die bedin­gungs­lo­se Frei­ga­be der Tätig­keit der Insol­venz­schuld­ne­rin ihrer Erklä­rungs­pflicht genügt. Als Fol­ge wären die mit der selb­stän­di­gen Tätig­keit in Zusam­men­hang ste­hen­den Ver­bind­lich­kei­ten, wozu auch die Ein­kom­men­steu­er auf die­se Gewin­ne gehört, nicht gegen­über der Insol­venz­mas­se gel­tend zu machen.

Auch wenn § 35 Abs. 2 InsO im Streit­fall noch nicht anzu­wen­den wäre, wären die strit­ti­gen Ein­kom­men­steu­er­vor­aus­zah­lun­gen nicht als Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten zu beur­tei­len.

Auf­grund der von der Insol­venz­ver­wal­te­rin erkär­ten „bedin­gungs­lo­sen Frei­ga­be“ ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass eine auf einen ein­zel­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stand gerich­te­te –hier die Pra­xis– bezo­ge­ne „ech­te“ insol­venz­recht­li­che Frei­ga­be in Betracht kommt. Es ist indes nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob die Insol­venz­ver­wal­te­rin eine „ech­te“ insol­venz­recht­li­che Frei­ga­be der Pra­xis der Insol­venz­schuld­ne­rin erklärt hat und ob eine sol­che „ech­te“ Frei­ga­be einer gesam­ten frei­be­ruf­li­chen Pra­xis insol­venz­recht­lich über­haupt zuläs­sig wäre [7]. Die Ein­kom­men­steu­er auf die frei­be­ruf­li­chen Ein­künf­te wäre sowohl im Fall der wirk­sa­men als auch in dem der unwirk­sa­men „ech­ten“ Frei­ga­be gegen das insol­venz­freie Ver­mö­gen der Insol­venz­schuld­ne­rin fest­zu­set­zen.

Die „ech­te“ insol­venz­recht­li­che Frei­ga­be eines Ver­mö­gens­ge­gen­stands, der zur Insol­venz­mas­se gehört hat, ver­hin­dert das Ent­ste­hen einer Mas­se­ver­bind­lich­keit i.S. des § 55 Abs. 1 Nr. 1 InsO im Zusam­men­hang mit der Nut­zung die­ses Ver­mö­gens­ge­gen­stands. Sie war auch ohne aus­drück­li­che gesetz­li­che Rege­lung stets mög­lich und bewirkt, dass der betref­fen­de Ver­mö­gens­ge­gen­stand aus dem Insol­venz­be­schlag ent­las­sen wird und der Insol­venz­schuld­ner sei­ne Ver­fü­gungs­be­fug­nis dar­über wie­der erlangt [8].

Im Fall der unwirk­sa­men „ech­ten“ Frei­ga­be läge ledig­lich eine rei­ne Dul­dung der Tätig­keit der Insol­venz­schuld­ne­rin durch die Insol­venz­ver­wal­te­rin vor. Die Dul­dung der frei­be­ruf­li­chen Tätig­keit des Insol­venz­schuld­ners oder die blo­ße Kennt­nis des Insol­venz­ver­wal­ters von die­ser Tätig­keit führt nicht dazu, dass die Ein­kom­men­steu­er, die auf­grund die­ser Ein­künf­te ent­steht, Mas­se­ver­bind­lich­keit i.S. des § 55 Abs. 1 Nr. 1 InsO ist. Denn die Arbeits­kraft des Schuld­ners gehört nicht zum Insol­venz­ver­mö­gen [9]. Das Unter­las­sen von Erklä­run­gen des Insol­venz­ver­wal­ters zur Tätig­keit des Schuld­ners ist man­gels Erklä­rungs­pflicht zumin­dest für Insol­venz­ver­fah­ren, die vor dem 1.07.2007 eröff­net wur­den, kei­ne Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten begrün­den­de Ver­wal­tungs­maß­nah­me i.S. des § 55 Abs. 1 InsO [10].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Sep­tem­ber 2012 – VIII R 47/​09

  1. BFH, Urteil vom 24.02.2011 – VI R 21/​10, BFHE 232, 318, BStBl II 2011, 520[]
  2. BFH, Urteil vom 29.08.2007 – IX R 4/​07, BFHE 218, 435, BStBl II 2010, 145[]
  3. BFH, Urteil vom 18.05.2010 – X R 11/​09, BFH/​NV 2010, 2114[]
  4. vom 13.04.2007, BGBl I 2007, 509[]
  5. BR-Drs. 549/​06, S. 31 f.[]
  6. BGH, Beschluss vom 30.09.2010 – IX ZR 236/​09[]
  7. ableh­nend BFH, Urteil vom 08.09.2011 – II R 54/​10, BFHE 235, 1, BStBl II 2012, 149; BAG, Urteil vom 10.04.2008 – 6 AZR 368/​07, BAGE 126, 229; Ober­mair, HFR 2010, 1075; Maus, Zeit­schrift für Wirt­schafts­recht und Insol­venz­pra­xis 2004, 389; a.A. Schildt, Die Insol­venz des Frei­be­ruf­lers, S. 163[]
  8. BGH, Urteil vom 21.04.2005 – IX ZR 281/​03, BGHZ 163, 32[]
  9. BGH, Beschluss vom 18.12.2008 – IX ZB 249/​07, Zeit­schrift für das gesam­te Insol­venz­recht 2009, 299[]
  10. BFH, Urteil vom 21.07.2009 – VII R 49/​08, BFHE 226, 97, BStBl II 2010, 13[]