Erwerb einer Ver­trags­arzt­pra­xis – oder doch nur der Kas­sen­zu­las­sung?

Wird vom Erwer­ber einer Ver­trags­arzt­pra­xis ein Zuschlag zum Ver­kehrs­wert (Über­preis) gezahlt, spricht dies wie eine Zah­lung, die sich aus­schließ­lich am Ver­kehrs­wert ori­en­tiert, dafür, dass Gegen­stand der Über­tra­gung die Pra­xis des Über­ge­bers als Chan­cen­pa­ket ist. Auch in die­sem Fall ist in einem durch den Kauf­preis abge­gol­te­nen Pra­xis­wert der Vor­teil aus der Zulas­sung als Ver­trags­arzt untrenn­bar ent­hal­ten1.

Erwerb einer Ver­trags­arzt­pra­xis – oder doch nur der Kas­sen­zu­las­sung?

Der Erwerb einer Pra­xis als Chan­cen­pa­ket im Sin­ne des BFH, Urteils in BFHE 234, 286, BSt­Bl II 2011, 875 kann auch vor­lie­gen, wenn eine Gemein­schafts­pra­xis (Per­so­nen­ge­sell­schaft) eine Ein­zel­pra­xis erwirbt und die Ver­trags­arzt­zu­las­sung des Ein­zel­pra­xis­in­ha­bers vom Zulas­sungs­aus­schuss einem Gesell­schaf­ter der Per­so­nen­ge­sell­schaft erteilt wird. Dies kann auch dann gel­ten, wenn die Gemein­schafts­pra­xis nicht beab­sich­tigt, die ärzt­li­che Tätig­keit in den bis­he­ri­gen Räu­men des Ein­zel­pra­xis­in­ha­bers fort­zu­set­zen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist für die Ermitt­lung der AfA nach § 7 Abs. 1 Satz 1 EStG zwi­schen dem Erwerb des Betriebs einer Ver­trags­arzt­pra­xis als Sach­ge­samt­heit (mit sämt­li­chen mate­ri­el­len Wirt­schafts­gü­tern und einem Pra­xis­wert) und dem Erwerb nur des imma­te­ri­el­len Wirt­schafts­guts des „mit einer Ver­trags­arzt­zu­las­sung ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Vor­teils” zu unter­schei­den2.

Erwirbt der Käu­fer eine Ver­trags­arzt­pra­xis (den „Betrieb”) als ein­heit­li­ches Chan­cen­pa­ket, las­sen sich die Anschaf­fungs­kos­ten ‑soweit sie nicht auf die erwor­be­nen mate­ri­el­len Wirt­schafts­gü­ter zu ver­tei­len sind- nicht in sol­che für den Erwerb des imma­te­ri­el­len Wirt­schafts­guts „Pra­xis­wert” und ande­re imma­te­ri­el­le Wirt­schafts­gü­ter (wie den „Vor­teil aus einer Ver­trags­arzt­zu­las­sung” oder einen Pati­en­ten­stamm) auf­tei­len. Das mit der Pra­xis erwor­be­ne Chan­cen­pa­ket setzt sich aus den ver­schie­de­nen wert­bil­den­den Ein­zel­be­stand­tei­len zusam­men (Pati­en­ten­stamm, Stand­ort, Umsatz, Fach­arzt­grup­pe etc.) und wird ‑neben den ein­zeln bewertba­ren mate­ri­el­len Wirt­schafts­gü­tern der Pra­xis­ein­rich­tung- in der Regel haupt­säch­lich durch den als imma­te­ri­el­les Wirt­schafts­gut abschreib­ba­ren Pra­xis­wert reprä­sen­tiert. In dem erwor­be­nen imma­te­ri­el­len Wirt­schafts­gut „Pra­xis­wert” sind somit ins­be­son­de­re der „Vor­teil aus der Ver­trags­arzt­zu­las­sung” und der Pati­en­ten­stamm „mit­ent­hal­ten”. Wie beim Geschäfts­wert des Betriebs eines Gewer­be­trei­ben­den han­delt es sich auch beim Pra­xis­wert um einen Inbe­griff einer Anzahl von im Ein­zel­nen nicht mess­ba­ren Fak­to­ren. Eine geson­der­te Bewer­tung des Vor­teils aus der Zulas­sung neben oder statt des Pra­xis­werts kommt aus Grün­den der Prak­ti­ka­bi­li­tät nicht in Betracht, weil ein sach­lich begründ­ba­rer Auf­tei­lungs- und Bewer­tungs­maß­stab nicht ersicht­lich ist3.

Der Erwerb einer Pra­xis als Sach­ge­samt­heit ist abzu­gren­zen von dem sog. „Son­der­fall”, in dem zwar vom Ver­äu­ße­rer und Erwer­ber im Nach­be­set­zungs­ver­fah­ren gemäß § 103 Abs. 4 Satz 1 SGB V gegen­über dem Zulas­sungs­aus­schuss kund­ge­tan wird, es gehe um die Über­nah­me der aus­ge­schrie­be­nen Pra­xis als sol­cher, sich der Sach­ver­halt aber wirt­schaft­lich betrach­tet so dar­stellt, dass nur die mit der Ver­trags­arzt­zu­las­sung ver­bun­de­nen Markt­chan­cen (Teil­nah­me an der ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung im Zulas­sungs­be­reich) über­tra­gen wer­den sol­len4. Es wird in die­sem Fall nur der Vor­teil aus dem Inne­ha­ben der Ver­trags­arzt­zu­las­sung (nicht die Pra­xis) zum Gegen­stand des Ver­äu­ße­rungs- und Erwerbs­vor­gangs gemacht und hier­durch zu einem selb­stän­di­gen Wirt­schafts­gut kon­kre­ti­siert5. Die vom Erwer­ber an den frü­he­ren Zulas­sungs­in­ha­ber gezahl­ten Beträ­ge sind als Anschaf­fungs­kos­ten aus­schließ­lich für den Erwerb des Vor­teils aus der Ver­trags­arzt­zu­las­sung, der ‑ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ger- nicht abnutz- und damit auch nicht abschreib­bar ist6, anzu­se­hen. Die Fest­stel­lungs­last bezüg­lich der Umstän­de, dass ent­ge­gen dem äuße­ren Anschein nicht eine Pra­xis als Chan­cen­pa­ket, son­dern nur der Vor­teil aus der Zulas­sung ver­äu­ßert und erwor­ben wer­den soll, liegt beim Finanz­amt7.

Ob Gegen­stand der Über­tra­gung auf den Erwer­ber die Ver­trags­arzt­pra­xis als Chan­cen­pa­ket oder nur der wirt­schaft­li­che Vor­teil aus der Ver­trags­arzt­zu­las­sung ist, ist aus­ge­hend von den ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen der Betei­lig­ten und deren tat­säch­li­cher Umset­zung im Rah­men einer Gesamt­wür­di­gung zu bestim­men.

Bei die­ser Gesamt­wür­di­gung kommt ins­be­son­de­re der Kauf­preis­be­mes­sung maß­geb­li­che Bedeu­tung zu.

Zahlt der Erwer­ber einen Preis in Höhe des Ver­kehrs­werts der Ver­trags­arzt­pra­xis, indi­ziert dies, dass die Pra­xis als Chan­cen­pa­ket Gegen­stand der Über­tra­gung ist, da sich der Kauf­preis in die­sem Fall maß­geb­lich nach der Pati­en­ten­struk­tur und der damit ver­bun­de­nen Ertrags­kraft der Pra­xis rich­tet8.

Wird vom Erwer­ber sogar ein Zuschlag zum Ver­kehrs­wert (Über­preis) gezahlt, kann ‑ent­ge­gen der Ansicht des Finanz­ge­richt- nichts ande­res gel­ten. Die Zah­lung eines sol­chen Zuschlags zum Ver­kehrs­wert indi­ziert erst recht, dass Gegen­stand der Über­tra­gung die Pra­xis als Chan­cen­pa­ket ist. Denn der Erwer­ber ver­gü­tet neben der Ertrags­kraft des Pati­en­ten­stamms dann noch wei­te­re wert­bil­den­de Fak­to­ren der Pra­xis, die durch das Wirt­schafts­gut Pra­xis­wert ver­kör­pert wer­den. Auch bei Zah­lung eines Zuschlags zum Ver­kehrs­wert ist die Ver­trags­arzt­zu­las­sung untrenn­ba­rer Bestand­teil des ver­äu­ßer­ten und erwor­be­nen Wirt­schafts­guts „Pra­xis­wert”.

Wird der erfolg­rei­che Über­gang der Ver­trags­arzt­zu­las­sung auf den Pra­xis­er­wer­ber im Nach­be­set­zungs­ver­fah­ren gemäß § 103 Abs. 4 SGB V von den Par­tei­en zur Bedin­gung oder Geschäfts­grund­la­ge für das Zustan­de­kom­men des Pra­xis­über­nah­me­ver­trags gemacht, hat die­se ver­trag­li­che Gestal­tung kei­ne Indi­zwir­kung dafür, dass es dem Erwer­ber um den Erwerb nur des wirt­schaft­li­chen Vor­teils aus der Zulas­sung geht. Eine ver­trag­li­che Ver­zah­nung zwi­schen der Bin­dungs­wir­kung des zivil­recht­li­chen Kauf­ver­trags und dem Aus­gang des Nach­be­set­zungs­ver­fah­rens ist Aus­fluss der Rege­lung des § 103 Abs. 4 SGB V und des Umstands, dass das öffent­lich-recht­li­che Nach­be­set­zungs­ver­fah­ren und die zivil­recht­li­che Pra­xis­über­nah­me von­ein­an­der unab­hän­gi­ge Rechts­ak­te sind9.

Der Erwerb einer Pra­xis als Chan­cen­pa­ket im Sin­ne des BFH, Urteils in BFHE 234, 286, BSt­Bl II 2011, 875 kann ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt auch vor­lie­gen, wenn eine Gemein­schafts­pra­xis (Per­so­nen­ge­sell­schaft) eine Ein­zel­pra­xis samt der wert­bil­den­den Fak­to­ren erwirbt und die Ver­trags­arzt­zu­las­sung des Über­ge­bers vom Zulas­sungs­aus­schuss einem Gesell­schaf­ter der Per­so­nen­ge­sell­schaft neu erteilt wird10. Dass als Fol­ge die­ser Ent­schei­dung des Zulas­sungs­aus­schus­ses eine „Pra­xis vom Markt genom­men” und der Kreis der Anbie­ter für die betrof­fe­nen ärzt­li­chen Leis­tun­gen ein­ge­engt wird, ist für sich betrach­tet kein Indiz dafür, dass es den Par­tei­en des Pra­xis­über­ga­be­ver­trags aus­schließ­lich um die Über­lei­tung der wirt­schaft­li­chen Vor­tei­le aus einer Zulas­sung im Zulas­sungs­be­reich geht.

Dies gilt auch dann, wenn die Gemein­schafts­pra­xis ‑wie hier- nicht beab­sich­tigt, die ärzt­li­che Tätig­keit in den bis­he­ri­gen Räu­men des Ein­zel­pra­xis­in­ha­bers fort­zu­set­zen. Auch die Recht­spre­chung des BSG ver­langt für eine Pra­xis­fort­füh­rung i.S. des § 103 Abs. 4 Satz 3 SGB V nicht, dass der Nach­fol­ger eines aus­schei­den­den Ver­trags­arz­tes auf Dau­er die bis­he­ri­gen Pati­en­ten in den­sel­ben Pra­xis­räu­men mit Unter­stüt­zung des­sel­ben Pra­xis­per­so­nals und unter Nut­zung der­sel­ben medi­zi­nisch-tech­ni­schen Infra­struk­tur behan­delt oder zumin­dest behan­deln will11.

Nach die­sem Maß­stab hielt der Bun­des­fi­nanz­hof im hier ent­schie­de­nen Fall die tat­säch­li­che und recht­li­che Wür­di­gung des Finanz­ge­richts Nürn­berg12, die GbR habe den Kauf­preis aus­schließ­lich für den Über­gang des wirt­schaft­li­chen Vor­teils aus der Ver­trags­arzt­zu­las­sung gezahlt, für rechts­feh­ler­haft. Nach den Gesamt­um­stän­den des Streit­falls hat die GbR die Pra­xis des S als Chan­cen­pa­ket erwor­ben. Die Vor­ent­schei­dung des Finanz­ge­richts Nürn­berg12 wur­de daher vom Bun­des­fi­nanz­hof auf­ge­ho­ben.

Für den beab­sich­tig­ten Erwerb der Ver­trags­arzt­pra­xis des S mit den wert­bil­den­den Fak­to­ren spricht im Streit­fall bereits maß­geb­lich die Zah­lung eines Kauf­prei­ses in Höhe eines Zuschlags zum Ver­kehrs­wert, von dem das Finanz­ge­richt im Streit­fall aus­ge­gan­gen ist. Auch in die­sem Fall ori­en­tiert sich der Kauf­preis an der Ertrags­kraft und Pati­en­ten­struk­tur der Pra­xis des Ver­äu­ße­rers. Die vom Finanz­amt beton­te Auf­fas­sung, bei einem auf Über­wei­sun­gen beru­hen­den Pati­en­ten­zu­lauf in einer Fach­arzt­pra­xis kön­ne kein Pati­en­ten­stamm ver­äu­ßert und erwor­ben wer­den, wes­halb qua­si zwin­gend nur die Zulas­sung Über­tra­gungs­ge­gen­stand sei, teilt der Bun­des­fi­nanz­hof nicht. Ent­schei­dend ist, ob die Par­tei­en des Über­tra­gungs­ver­trags die Pra­xis als sol­che über­tra­gen wol­len und des­halb einen Kauf­preis in Höhe des Ver­kehrs­werts oder dar­über ver­ein­ba­ren. Ob sich der Ver­kehrs­wert nach der Ertrags­kraft eines dau­er­haf­ten Pati­en­ten­stamms oder über­zu­lei­ten­der sog. Zuwei­ser­bin­dun­gen bemisst, spielt für die Beur­tei­lung des Ver­trags­ge­gen­stands kei­ne Rol­le.

Die auf­grund der Zah­lung eines Kauf­prei­ses ober­halb des Ver­kehrs­werts bestehen­de Ver­mu­tung, dass Gegen­stand des Erwerbs die Pra­xis des S als sol­che war, wird auch durch die wei­te­ren fest­ge­stell­ten Umstän­de des Streit­falls bestä­tigt.

Ver­fügt eine Pra­xis nicht oder nur teil­wei­se über einen fes­ten Pati­en­ten­stamm an Kas­sen­pa­ti­en­ten ‑wie vom Finanz­ge­richt Nürn­berg vor­lie­gend13 bin­dend fest­ge­stellt (§ 118 Abs. 2 FGO)-, weil der Ertrag maß­geb­lich auf dem Spek­trum der ange­bo­te­nen Unter­su­chun­gen und der Zuwei­sung (Über­wei­sung) von Pati­en­ten durch ande­re Ärz­te beruht, ist eben­falls ein maß­geb­li­ches Indiz für den beab­sich­tig­ten Erwerb des Chan­cen­pa­kets der Pra­xis des Über­ge­bers, ob und inwie­weit die Ver­trags­par­tei­en Bemü­hun­gen ent­fal­ten, um den Pati­en­ten­stamm der Kas­sen- und Pri­vat­pa­ti­en­ten und die Zuwei­ser­bin­dun­gen auf den Erwer­ber über­zu­lei­ten. Sol­che Bemü­hun­gen haben S und die GbR im Streit­fall aber ent­ge­gen der Schluss­fol­ge­rung des Finanz­ge­richt ent­fal­tet.

Das Finanz­ge­richt hat fest­ge­stellt, die Tätig­keit des S und der GbR habe inner­halb eines eng begrenz­ten ört­li­chen Wir­kungs­krei­ses statt­ge­fun­den und das Ein­zugs­ge­biet radio­lo­gi­scher Pra­xen sei im Ver­gleich zu ande­ren ärzt­li­chen Fach­rich­tun­gen ohne­hin groß14. Zudem hat es fest­ge­stellt, nach Been­di­gung der Tätig­keit des S und des Über­gangs der Ver­trags­arzt­zu­las­sung auf M habe es nur noch einen Mit­be­wer­ber der GbR im radio­lo­gi­schen Bereich am sel­ben Ort gege­ben, sodass mit einem Zulauf von Pati­en­ten bei der GbR zu rech­nen war15.

Somit ist im Streit­fall ein Indiz für die beab­sich­tig­te Über­lei­tung der Zuwei­ser­bin­dun­gen von S auf die GbR auch dar­in zu sehen, dass M vor der Über­ga­be in der Pra­xis des S tätig war16. M war in der Pra­xis des S zwar nur kurz­zei­tig tätig, was ange­sichts der fest­ge­stell­ten Kon­kur­renz­si­tua­ti­on radio­lo­gi­scher Pra­xen mit ledig­lich einem Mit­be­wer­ber der GbR am Stand­ort – X aber durch­aus aus­rei­chend gewe­sen sein kann. Der vom Finanz­ge­richt beton­te Umstand, dass die­se Tätig­keit unent­gelt­lich erfolg­te, schließt es nicht aus, dass durch die­se Mit­ar­beit Pati­en­ten- und Zuwei­ser­bin­dun­gen von S auf die GbR über­ge­lei­tet wer­den soll­ten.

Die Über­nah­me des Pati­en­ten­ar­chivs durch die GbR spricht eben­falls maß­geb­lich für die beab­sich­tig­te und erwar­te­te Über­lei­tung des Pati­en­ten­stamms und der Zuwei­ser­bin­dun­gen auf die GbR. Die ent­ge­gen­ste­hen­de Wür­di­gung des Finanz­ge­richt, die Über­nah­me des Pati­en­ten­ar­chivs durch die GbR habe nur dem Zweck gedient, S von sei­ner öffent­lich-recht­li­chen Auf­be­wah­rungs­pflicht zu ent­las­ten, hält der Bun­des­fi­nanz­hof ange­sichts der fest­ge­stell­ten Gesamt­um­stän­de des Streit­falls für denk­feh­ler­haft. War sei­tens der Ver­trags­par­tei­en davon aus­zu­ge­hen, dass nur noch zwei Anbie­ter radio­lo­gi­scher Pra­xen am Markt blie­ben und des­halb auch frü­he­re Pati­en­ten des S die Pra­xis der GbR auf­su­chen wür­den, liegt es auf der Hand, dass die GbR das Archiv des S über­neh­men woll­te, um es spä­ter für die Behand­lung und Ver­laufs­kon­trol­le die­ser Pati­en­ten nut­zen zu kön­nen.

Für den beab­sich­tig­ten Erwerb der Pra­xis des S durch die GbR spricht wei­ter, dass die Über­nah­me von Mit­ar­bei­tern des S gemäß § 613a BGB ver­pflich­tend war, mit­hin arbeits­recht­lich von einem Über­gang des Betriebs auf die GbR aus­zu­ge­hen war.

Hin­zu tritt, dass die GbR im Streit­fall ent­ge­gen der Aus­le­gung des Über­nah­me­ver­trags durch das Finanz­ge­richt auch die ver­al­te­ten Gerä­te und das Inven­tar des S und damit wei­te­re Gegen­stän­de der Pra­xis­ein­rich­tung erwor­ben hat. Die GbR und S gin­gen zwar davon aus, dass die medi­zi­ni­schen Gerä­te des S zum Stich­tag wirt­schaft­lich ver­braucht sei­en und eine Über­nah­me durch die GbR (zur Nut­zung) nicht erfol­gen wer­de. Die GbR hat­te S aber von den Ent­sor­gungs­kos­ten des ver­al­te­ten Pra­xis­in­ven­tars frei­zu­stel­len17. Ihr stand es danach frei, die­ses zu nut­zen oder zu ent­sor­gen.

Der Erwerb der Pra­xis des S durch die GbR wird schließ­lich nicht dadurch in Fra­ge gestellt, dass die­se die Tätig­keit nicht in den bis­he­ri­gen Pra­xis­räu­men des S fort­füh­ren woll­te. Denn es ist ange­sichts der vom Finanz­ge­richt fest­ge­stell­ten Umstän­de des Streit­falls offen­sicht­lich, dass die berech­tig­te Erwar­tungs­hal­tung der GbR und des S dar­in bestand, dass trotz der Ver­la­ge­rung der Behand­lungs­räu­me inner­halb – X die Zuwei­ser­bin­dun­gen erhal­ten blei­ben und die frü­he­ren Pati­en­ten des S die Pra­xis der GbR auf­su­chen wür­den.

Nach alle­dem steht fest, dass die GbR die Pra­xis des S als Chan­cen­pa­ket erwor­ben hat und die Anschaf­fungs­kos­ten auf die erwor­be­nen mate­ri­el­len Wirt­schafts­gü­ter der Pra­xis und einen Pra­xis­wert auf­zu­tei­len sind.

Ob die in den Gewinn­ermitt­lun­gen der Streit­jah­re als Betriebs­aus­ga­ben gel­tend gemach­ten Abschrei­bungs­be­trä­ge im Ergeb­nis zutref­fend sind, kann der Bun­des­fi­nanz­hof auf Grund­la­ge der Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt, das hier­zu von sei­nem Stand­punkt aus zutref­fend kei­ne Fest­stel­lun­gen tref­fen muss­te, nicht über­prü­fen. Dies hängt davon ab, inwie­weit die Anschaf­fungs­kos­ten auf die von S erwor­be­nen mate­ri­el­len Wirt­schafts­gü­ter und einen Pra­xis­wert auf­zu­tei­len sind18. Das Finanz­ge­richt wird im zwei­ten Rechts­gang die gel­tend gemach­te AfA-Bemes­sungs­grund­la­ge zu prü­fen haben. Die von der GbR der AfA-Ermitt­lung zugrun­de geleg­te drei­jäh­ri­ge Nut­zungs­dau­er für den Pra­xis­wert war zwi­schen den Betei­lig­ten bis­lang nicht strei­tig und ist nicht zu bean­stan­den. Sie liegt am unte­ren Ende inner­halb der von der Recht­spre­chung aner­kann­ten drei- bis fünf­jäh­ri­gen Nut­zungs­dau­er für ent­gelt­lich erwor­be­ne Ein­zel­pra­xis­wer­te19.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 21. Febru­ar 2017 – VIII R 7/​14

  1. Anschluss an BFH, Urteil vom 09.08.2011 – VIII R 13/​08, BFHE 234, 286, BSt­Bl II 2011, 875
  2. BFH, Urteil in BFHE 234, 286, BSt­Bl II 2011, 875
  3. s. zum Gan­zen BFH, Urtei­le in BFHE 234, 286, BSt­Bl II 2011, 875, Rz 19 f.; vom 21.02.2017 – VIII R 56/​14
  4. s. BFH, Urtei­le in BFHE 234, 286, BSt­Bl II 2011, 875; vom 21.02.2017 – VIII R 56/​14 und VIII R 24/​16
  5. BFH, Urteil in BFHE 234, 286, BSt­Bl II 2011, 875, Rz 25
  6. s. zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen: BFH, Urteil vom 21.02.2017 – VIII R 56/​14
  7. zutref­fend FG Köln, Urteil in EFG 2012, 1128, Rz 20
  8. s. BFH, Urtei­le in BFHE 234, 286, BSt­Bl II 2011, 875; vom 21.02.2017 – VIII R 56/​14
  9. s. BSG, Urteil vom 29.09.1999 – B 6 KA 1/​99 R, BSGE 85, 1
  10. eben­so FG Köln, Urteil in EFG 2012, 1128
  11. BSG, Urteil in BSGE 85, 1
  12. FG Nürn­berg, Urteil vom 12.12.2013 – 6 K 1496/​12, EFG 2014, 1179
  13. FG Nürn­berg, Urteil vom 12.12.2013 – 6 K 1496/​12, EFG 2014, 1179 (Vor­ent­schei­dung), Rz 74, 77
  14. FG Nürn­berg, Urteil vom 12.12.2013 – 6 K 1496/​12, EFG 2014, 1179 (Vor­ent­schei­dung), Rz 63
  15. FG Nürn­berg, Urteil vom 12.12.2013 – 6 K 1496/​12, EFG 2014, 1179 (Vor­ent­schei­dung), Rz 77
  16. s.a. FG Köln, Urteil in EFG 2012, 1128, Rz 23
  17. FG Nürn­berg, Urteil vom 12.12.2013 – 6 K 1496/​12, EFG 2014, 1179 (Vor­ent­schei­dung), Rz 9, 75
  18. s. zur Ermitt­lung der Anschaf­fungs­kos­ten für einen Pra­xis­wert BFH, Beschluss vom 29.04.2011 – VIII B 42/​10, BFH/​NV 2011, 1345, Rz 4; BFH, Urteil vom 13.03.1991 – I R 83/​89, BFHE 164, 61, BSt­Bl II 1991, 595, unter II. 1.a
  19. BFH, Urteil vom 24.02.1994 – IV R 33/​93, BFHE 174, 230, BSt­Bl II 1994, 590, unter 4.