Inten­siv­nut­zung land­wirt­schaft­li­cher Betriebs­flä­chen

Der Ein­heits­wert im Sin­ne des § 48a BewG inten­siv genutz­ter land­wirt­schaft­li­cher Betriebs­flä­chen ist auch dann nach Maß­ga­be die­ser Vor­schrift teil­wei­se beim Nut­zungs­be­rech­tig­ten zu berück­sich­ti­gen, wenn bereits der Eigen­tü­mer die Flä­chen inten­siv genutzt hat­te.

Inten­siv­nut­zung land­wirt­schaft­li­cher Betriebs­flä­chen

Bei der Fest­stel­lung des Ein­heits­werts des Betriebs des Klä­gers ist der Unter­schieds­be­trag zwi­schen dem für die land­wirt­schaft­li­che Nut­zung maß­ge­ben­den Ver­gleichs­wert und dem Ver­gleichs­wert, der durch die Nut­zung als Baum­schu­le bedingt ist, gemäß § 48a BewG nicht zu berück­sich­ti­gen. Wer­den Betriebs­flä­chen durch einen ande­ren Nut­zungs­be­rech­tig­ten als den Eigen­tü­mer bewirt­schaf­tet und für eine der in § 48a Satz 1 BewG genann­ten inten­si­ven Nut­zun­gen ver­wen­det, ist der Unter­schieds­be­trag zwi­schen dem für land­wirt­schaft­li­che Nut­zung maß­ge­ben­den Ver­gleichs­wert und dem höhe­ren Ver­gleichs­wert, der durch die­se Nut­zun­gen bedingt ist, nicht bei der Fest­stel­lung des Ein­heits­werts des Eigen­tü­mers zu berück­sich­ti­gen, son­dern nach § 48a BewG beim Nut­zungs­be­rech­tig­ten.

Wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen müs­sen nach dem kla­ren Wort­laut des § 48a Satz 1 BewG nicht erfüllt sein. Ins­be­son­de­re wird die Auf­tei­lung des Ein­heits­werts nicht davon abhän­gig gemacht, dass erst der Nut­zungs­be­rech­tig­te mit der inten­si­ven Nut­zung begon­nen hat1. Das Bestehen einer der­ar­ti­gen Vor­aus­set­zung kann der Vor­schrift auch nicht durch Aus­le­gung ent­nom­men wer­den. Dem steht ihr ein­deu­ti­ger Wort­laut ent­ge­gen.

Der Anwen­dungs­be­reich des § 48a BewG kann auch nicht durch teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on auf den Fall beschränkt wer­den, dass der Eigen­tü­mer die Betriebs­flä­che selbst ledig­lich land­wirt­schaft­lich genutzt hat­te.

Diver­gie­ren Geset­zes­wort­laut und ‑zweck, ist der Wort­laut der Vor­schrift ihrem Zweck ent­spre­chend ein­zu­schrän­ken (sog. teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on oder Restrik­ti­on), sofern sich das Gesetz –gemes­sen an sei­nem Zweck– als plan­wid­rig zu weit­ge­hend erweist2. Gegen­über einer vom Wort­laut der Rechts­norm abwei­chen­den Aus­le­gung ist aber beson­de­re Zurück­hal­tung gebo­ten; sie kann nur in Betracht kom­men, wenn die auf den Wort­laut abge­stell­te Aus­le­gung zu einem sinn­wid­ri­gen Ergeb­nis füh­ren wür­de3. Dies ist hier nicht der Fall. Es ist nicht sinn­wid­rig, wenn § 48a BewG ohne wei­te­re Dif­fe­ren­zie­run­gen in allen vom Wort­laut der Vor­schrift genann­ten Fäl­len ange­wandt wird. Viel­mehr ist dies auch aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit und eines ein­fa­chen Geset­zes­voll­zugs sinn­voll. Denn nach gegen­tei­li­gen Auf­fas­sung wären im Ein­zel­fall schwer abzu­gren­zen­de Dif­fe­ren­zie­run­gen vor­zu­neh­men.

Aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te des § 48a BewG lässt sich eben­falls kein ande­res Ergeb­nis ablei­ten. Wie der BFH im Urteil vom 17. Juli 19704 für die Rechts­la­ge vor dem 1. Janu­ar 1964 ent­schie­den hat, stellt in Fäl­len, in denen land- und forst­wirt­schaft­li­cher Grund und Boden etwa durch Saat­zucht oder Gar­ten­bau inten­siv bewirt­schaf­tet wird, die kapi­ta­li­sier­te Ertrags­stei­ge­rung durch die inten­si­ve Bewirt­schaf­tung nach der Ver­kehrs­auf­fas­sung kei­ne eige­ne wirt­schaft­li­che Ein­heit dar, und zwar weder wenn der Eigen­tü­mer selbst noch wenn ein Päch­ter die Bewirt­schaf­tung vor­nimmt. Für die kapi­ta­li­sier­te Ertrags­stei­ge­rung kön­ne daher ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Finanz­ver­wal­tung kein geson­der­ter Ein­heits­wert fest­ge­stellt wer­den. Eine ande­re Beur­tei­lung set­ze einen aus­drück­li­chen gesetz­li­chen Auf­trag vor­aus. Auf­grund des Gesetz­ent­wurfs der Bun­des­re­gie­rung vom 27. Febru­ar 19715 wur­de dar­auf­hin durch das Bewer­tungs­än­de­rungs­ge­setz 19716 § 48a BewG mit Wir­kung ab 1. Janu­ar 1964 ein­ge­fügt. Es han­delt sich dabei um den im BFH-Urteil in BFHE 100, 47 (BFHE 100, 47 = BSt­Bl II 1970, 736)) gefor­der­ten aus­drück­li­chen gesetz­li­chen Auf­trag für den Ansatz eines geson­der­ten Ein­heits­werts für die kapi­ta­li­sier­te Ertrags­stei­ge­rung auf­grund der Inten­siv­wirt­schaft, und zwar für den Fall, dass der Grund und Boden nicht vom Eigen­tü­mer, son­dern von einem Nut­zungs­be­rech­tig­ten bewirt­schaf­tet wird.

Eben­so wenig ergibt sich aus der Geset­zes­be­grün­dung7, dass § 48a BewG in die­sem Sinn aus­zu­le­gen ist. Danach woll­te der Gesetz­ge­ber mit der Schaf­fung des § 48a BewG Unge­rech­tig­kei­ten und zivil­recht­li­che Strei­tig­kei­ten zwi­schen Eigen­tü­mer und einem ande­ren Nut­zungs­be­rech­tig­ten ver­mei­den und einen Bei­trag zur Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung leis­ten. Die Geset­zes­be­grün­dung gibt damit nur den Anlass für die Ein­füh­rung der Vor­schrift wie­der. Sie befasst sich jedoch nicht mit dem Fall, dass bereits der Eigen­tü­mer den Grund und Boden für eine der in § 48a Satz 1 BewG genann­ten Nut­zungs­ar­ten ver­wen­det hat.

Der Bun­des­fi­nanz­hof teilt fer­ner nicht die Auf­fas­sung des Finanz­ge­richts Baden-Würt­tem­berg im Urteil vom 4. Sep­tem­ber 20038, wonach § 48a BewG nur dann anwend­bar sein soll, wenn der ande­re Nut­zungs­be­rech­tig­te den Eigen­tü­mer auf Dau­er von der Ertrags­fä­hig­keit der in § 48a Satz 1 BewG bezeich­ne­ten Nut­zun­gen aus­schlie­ßen kann. Bei die­ser Aus­le­gung des § 48a BewG blie­be kaum noch ein Anwen­dungs­be­reich der Vor­schrift übrig. Denn sowohl schuld­recht­li­che als auch ding­li­che Nut­zungs­rech­te bestehen regel­mä­ßig nicht auf Dau­er, son­dern sind befris­tet, künd­bar oder sie erlö­schen mit dem Tod des Berech­tig­ten (vgl. § 1061 Satz 1 BGB für den Nieß­brauch, § 1090 Abs. 2 i.V.m. § 1061 Satz 1 BGB für die beschränk­te per­sön­li­che Dienst­bar­keit). Nach der Been­di­gung des Nut­zungs­rechts kann der Eigen­tü­mer den Grund und Boden wie­der selbst nut­zen, und zwar auch für eine der in § 48a BewG genann­ten Nut­zungs­ar­ten. Der BFH hat dem­ge­mäß bereits9 aus­ge­führt, dass der Päch­ter von land- und forst­wirt­schaft­li­chem Grund und Boden den Eigen­tü­mer nicht dau­ernd von der Ein­wir­kung auf den ver­pach­te­ten Grund­be­sitz aus­schlie­ßen kann, wenn der Pacht­ver­trag nicht aus­nahms­wei­se ein ande­res Rechts­ge­schäft ver­deckt oder es um die Aus­beu­tung mine­ral­füh­ren­der Grund­stü­cke durch den Päch­ter geht.

Eine ein­schrän­ken­de Aus­le­gung des § 48a BewG, wie sie das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg vor­ge­nom­men hat, ist auch nicht aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den gebo­ten. Der Gesetz­ge­ber über­schrei­tet den ihm zukom­men­den Gestal­tungs­spiel­raum10 nicht, wenn er bei den in § 48a Satz 1 BewG genann­ten Nut­zungs­ar­ten die Belas­tung mit ein­heits­wert­ab­hän­gi­gen Steu­ern und Abga­ben auf den Eigen­tü­mer und den Nut­zungs­be­rech­tig­ten ver­teilt. Es ist Sache des Eigen­tü­mers und des Nut­zungs­be­rech­tig­ten, die­se Rege­lung bei der Aus­ge­stal­tung des Nut­zungs­rechts zu berück­sich­ti­gen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. Okto­ber 2010 – II R 73/​09

  1. a.A. Eisele in Rössler/​Troll, BewG, § 48a Rz 5; Ste­pha­ny in Kreutziger/​Schaff­ner/​Stephany, BewG, 2. Aufl., § 48a Rz 6
  2. vgl. BFH, Urteil vom 04.12.2001 – III R 47/​00, BFHE 197, 233, BSt­Bl II 2002, 195, m.w.N.
  3. vgl. BFH, Urteil vom 07.04.1992 – VIII R 79/​88, BFHE 168, 111, BSt­Bl II 1992, 786
  4. BFH, Urteil vom 17.07.1970 – III R 70/​67, BFHE 100, 47, BSt­Bl II 1970, 736
  5. BT-Drs. VI/​1888
  6. vom 27. Juli 1971, BGBl I 1971, 1157
  7. BT-Drs. VI/​1888, S. 6
  8. FG Bad.-Württ., Urteil vom 04.09.2003 – 8 K 149/​99, EFG 2004, 626
  9. im Urteil in BFHE 100, 47, BSt­Bl II 1970, 736
  10. vgl. hier­zu BFH, Beschluss vom 04.02.2002 – VII B 63/​01, BFH/​NV 2002, 815, m.w.N.