Kar­ne­val – der Freund der Taxis und der Steu­er­fahn­dung

In einem Rechts­streit vor dem Finanz­ge­richt Köln stritt sich eine Taxi-Unter­neh­me­rin mit dem Finanz­amt nach einer Steu­er­fahn­dungs­prü­fung über die Recht­mä­ßig­keit von Hin­zu­schät­zun­gen.

Kar­ne­val – der Freund der Taxis und der Steu­er­fahn­dung

In ihrem Bericht traf die Fahn­dungs­prü­fe­rin fol­gen­de Fest­stel­lun­gen: Die Unter­neh­me­rin ver­füg­te über drei Taxi-Kon­zes­sio­nen, die sie samt Fahr­zeu­gen im Janu­ar 2009 erwor­ben hat­te. Die Taxen sei­en mit ange­stell­ten Fah­rern besetzt gewe­sen. Anhand der vor­ge­leg­ten Monats­auf­zeich­nun­gen sei ermit­telt wor­den, dass z.B. im Monat März 2009 und im Monat Sep­tem­ber 2009 sowie im Jah­res­durch­schnitt die Taxen der Antrag­stel­le­rin nicht ein­mal im Ein­schicht­be­trieb ein­ge­setzt wor­den sein sol­len. Dies habe selbst an umsatz­star­ken Tagen wie im Kar­ne­val 2009 gegol­ten, für die nur durch­schnitt­lich 1,16 Schich­ten pro Tag ein­ge­setzt wor­den sei­en. Die Auf­zeich­nun­gen der Antrag­stel­le­rin sei­en daher nicht glaub­haft.

Dies – und wei­te­re Anhalts­punk­te – führ­te zu nach­kal­ku­lier­ten Besteue­rungs­grund­la­gen und ent­spre­chen­den Hin­zu­schät­zun­gen. Zu Recht, wie das Finanz­ge­richt Köln jetzt im Rah­men eines AdV-Ver­fah­rens befand:

Nach § 69 Abs. 3 Satz 1 FGO kann das Gericht der Haupt­sa­che die Voll­zie­hung eines ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes ganz oder teil­wei­se aus­set­zen. Die Aus­set­zung soll erfol­gen, wenn ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des Ver­wal­tungs­ak­tes bestehen (§ 69 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. Abs. 2 Satz 2 Alter­na­ti­ve 1 FGO). Ernst­li­che Zwei­fel in die­sem Sinn sind anzu­neh­men, wenn bei über­schlä­gi­ger Prü­fung des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes im Aus­set­zungs­ver­fah­ren neben den für die Recht­mä­ßig­keit spre­chen­den Grün­den gewich­ti­ge, gegen sie spre­chen­de Umstän­de zuta­ge tre­ten, die Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit in der Beur­tei­lung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­gen bewir­ken oder Unklar­hei­ten in der Beur­tei­lung der Tat­fra­gen auf­wer­fen1.

Für die Ent­schei­dung über den Aus­set­zungs­an­trag brau­chen die Tat- und Rechts­fra­gen nicht abschlie­ßend geprüft zu wer­den, denn das sum­ma­ri­sche Ver­fah­ren ist abge­kürzt und ver­ein­facht. Wegen der Eil­be­dürf­tig­keit des Aus­set­zungs­ver­fah­rens fin­det eine Beschrän­kung auf die dem Gericht vor­lie­gen­den Unter­la­gen, ins­be­son­de­re auf die Akten der Finanz­be­hör­de und auf prä­sen­te Beweis­mit­tel statt; wei­ter gehen­de Sach­ver­halts­er­mitt­lun­gen des Gerichts sind nicht gebo­ten2.

Auf die­ser Grund­la­ge hat­te das Finanz­ge­richt Köln kei­ne ernst­li­chen Zwei­fel dar­an, dass das Finanz­amt zur Schät­zung der Besteue­rungs­grund­la­gen gemäß § 162 Abs. 1 und 2 AO hin­sicht­lich der Ein­künf­te, Gewer­be­steu­er­mess­be­trä­ge und Umsät­ze der Taxi-Unter­neh­me­rin berech­tigt war:

Die Antrag­stel­le­rin hat in den Streit­jah­ren ent­we­der bereits kei­ne den Anfor­de­run­gen genü­gen­de Schicht­zet­tel geführt oder sie hat jeden­falls sol­che Auf­zeich­nun­gen nicht auf­be­wahrt. Ver­stößt der Betrei­ber eines Taxi­un­ter­neh­mens gegen die genann­ten Pflich­ten, indem er Schicht­zet­tel gar nicht erst führt oder aber die ursprüng­lich geführ­ten Zet­tel nicht auf­be­wahrt, so berech­tigt dies die Finanz­be­hör­de zu einer Schät­zung gemäß § 162 Abs. 1 und 2 AO3.

Durch die Recht­spre­chung ist geklärt, dass Betriebs­ein­nah­men ein­zeln auf­ge­zeich­net wer­den müs­sen und dass dies dem Grund­satz nach auch für Bar­ein­nah­men gilt4. Der Umstand der sofor­ti­gen Bezah­lung einer Leis­tung recht­fer­tigt nicht, die jewei­li­gen Geschäfts­vor­fäl­le nicht auch ein­zeln auf­zu­zeich­nen. Zwar sind bestimm­te Berufs­grup­pen (wie z. B. Ein­zel­händ­ler) aus Grün­den der Zumut­bar­keit und Prak­ti­ka­bi­li­tät von der Pflicht zur Ein­zel­auf­zeich­nung ent­bun­den, doch gilt dies nicht für die Betrei­ber von Taxi­un­ter­neh­men5. Die­se sind viel­mehr ver­pflich­tet, für die Erstel­lung sog. Schicht­zet­tel zu sor­gen und die­se auf­zu­be­wah­ren6. Aus den Schicht­zet­teln müs­sen sich die jewei­li­gen Fah­rer, die Daten einer Schicht, Schicht­be­ginn und ‑ende, "Total- und Besetzt­ki­lo­me­ter", die gefah­re­nen Tou­ren, die Fahr­prei­se, die Tacho­stän­de, die Fahr­ten ohne Uhr, die Gesamt­ein­nah­men, die Lohn­ab­zü­ge und sons­ti­gen Abzü­ge, die ver­blei­ben­den Rest­ein­nah­me und die an den Unter­neh­mer abge­lie­fer­ten Beträ­ge erge­ben7. Sol­che Schicht­zet­tel sind Ein­nah­meur­sprungs­auf­zeich­nun­gen; sie ent­hal­ten Anga­ben, aus denen sich die Höhe der Umsät­ze und der Betriebs­ein­nah­men unmit­tel­bar ergibt. Die Pflicht zur Ein­zel­auf­zeich­nung und Auf­be­wah­rung der ent­spre­chen­den Schicht­zet­tel ergibt sich für Unter­neh­men im umsatz­steu­er­recht­li­chen Sin­ne –wie die Antrag­stel­le­rin– aus § 22 UStG i. V .m. §§ 63 bis 68 USt­DV8.

Nach den Fest­stel­lun­gen der Steu­er­fahn­dungs­prü­fung steht für den Senat bei sum­ma­ri­scher Betrach­tung jedoch fest, dass die Antrag­stel­le­rin im Streit­jahr Schicht­zet­tel nach den Vor­ga­ben der Recht­spre­chung ent­we­der schon gar nicht geführt, jeden­falls aber sol­che Zet­tel nicht auf­be­wahrt wur­den.

Soweit sich Antrag­stel­le­rin auf die in der Recht­spre­chung aner­kann­te Aus­nah­me beruft, Schicht­zet­tel gemäß § 147 Abs. 1 und Abs. 3 AO sei­en nicht auf­zu­be­wah­ren, wenn deren Inhalt unmit­tel­bar nach Aus­zäh­lung der Tages­kas­se in das in Form anein­an­der­ge­reih­ter Tages­kas­sen­be­rich­te geführ­te Kas­sen­buch über­tra­gen wer­de9, stellt dies die Schät­zungs­be­fug­nis des Antrags­geg­ners nicht in Fra­ge. Der Bun­des­fi­nanz­hof10 hat inso­weit aus­ge­führt, dass allein die täg­li­che Über­tra­gung des Inhalts der Schicht­zet­tel unmit­tel­bar nach Aus­zäh­lung der Tages­kas­se in ein sol­ches Kas­sen­buch die Auf­be­wah­rung der Schicht­zet­tel ent­behr­lich mache, weil nur dann sowohl dem Auf­be­wah­rungs­zweck als auch der Sicher­stel­lung der Voll­stän­dig­keit der über­tra­ge­nen Auf­zeich­nun­gen in vol­lem Umfang Rech­nung getra­gen wer­de. Die­ses erst­mals im gericht­li­chen Aus­set­zungs­ver­fah­ren ange­brach­te Vor­brin­gen ist aus Sicht des Senats eine pau­scha­le Behaup­tung, die nicht glaub­haft gemacht wur­de.

Bei der Schät­zung sind alle Umstän­de zu berück­sich­ti­gen, die für die Schät­zung von Bedeu­tung sind (§ 162 Abs. 1 Satz 2 AO). Die Schät­zung ist ein Ver­fah­ren, Besteue­rungs­grund­la­gen (§ 157 Abs. 2 AO) mit Hil­fe von Wahr­schein­lich­keits­über­le­gun­gen zu ermit­teln, wenn eine siche­re Fest­stel­lung trotz des Bemü­hens um Auf­klä­rung nicht mög­lich oder nicht zumut­bar ist. Ziel der Schät­zung ist der Ansatz der­je­ni­gen Besteue­rungs­grund­la­gen, die die größt­mög­li­che Wahr­schein­lich­keit der Rich­tig­keit für sich haben und damit der Wirk­lich­keit am nächs­ten kom­men dürf­ten. Schätz­er­geb­nis­se müs­sen daher ins­ge­samt schlüs­sig, wirt­schaft­lich mög­lich und ver­nünf­tig sein. Sie dür­fen nicht den Denk­ge­set­zen und all­ge­mei­nen Erfah­rungs­sät­zen wider­spre­chen. Das Schät­zungs­er­geb­nis muss somit ins­ge­samt plau­si­bel sein. Ande­rer­seits darf die Ver­let­zung der Mit­wir­kungs­pflicht nicht dazu füh­ren, dass nach­läs­si­ge Steu­er­pflich­ti­ge gegen­über den­je­ni­gen einen Vor­teil erzie­len, die ihre Mit­wir­kungs­pflich­ten ord­nungs­ge­mäß erfül­len. Im Inter­es­se der Gleich­mä­ßig­keit der Besteue­rung muss es ein Steu­er­pflich­ti­ger, der Ver­an­las­sung zur Schät­zung gibt, daher hin­neh­men, dass die mit jeder Schät­zung ver­bun­de­nen Unsi­cher­hei­ten zu sei­nem Nach­teil aus­schla­gen. Es liegt im Wesen der Schät­zung, dass die durch sie ermit­tel­ten Grö­ßen von den tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­sen mehr oder min­der abwei­chen11.

Finanz­ge­richt Köln – Beschluss vom 27. August 2013 – 3 V 1100/​13

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Beschluss vom 10.02.1967 – III B 9/​66, BFHE 87, 447, BSt­Bl III 1967, 182, seit­dem stän­di­ge Recht­spre­chung; Gräber/​Stapperfend, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Auf­la­ge, § 69 Rz. 86 ff, m.w.N. []
  2. BFH, Beschluss vom 21.07.1994 – IX B 78/​94, BFH/​NV 1995, 116 []
  3. vgl. BFH, Urteil vom 16.02.2004 – XI R 25/​02, BSt­Bl. II 2004, 599, mit wei­te­ren Nach­wei­sen unter II. 1.e []
  4. vgl. BFH, Urteil vom 26.02.2004 – XI R 25/​02, BSt­Bl. II 2004, 599 []
  5. so aus­drück­lich BFH, Urteil in BSt­Bl. II 2004, 599 []
  6. BFH, Urteil in BSt­Bl. II 2004, 599 []
  7. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Urteil vom 26.02.2004, a. a. O.; BFH, Beschlüs­se vom 07.02.2007 – V B 161−162÷05, BFH/​NV 2007, 1208; vom 28.11.2012 – X B 74/​11, BFH/​NV 2013, 766; Urtei­le des FG Düs­sel­dorf vom 28.03.2008 – 11 V 110/​08 A; und vom 01.04.2008 – 14 V 4646/​07 A, bei­de in juris []
  8. BFH, Urteil in BSt­Bl. II 2004, 599 []
  9. BFH, Urteil vom 13.07.1971 – VIII 1/​65, BFHE 103, 34, BSt­Bl II 1971, 729; BFH, Urteil in BSt­Bl II 2004, 599; Beschluss des FG Ham­burg vom 31.08.2011 6 V 2/​11 []
  10. BFH, Beschluss vom 25.10.2012 – X B 133/​11, BFH/​NV 2013, 341 []
  11. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. zum Gan­zen z.B. BFH, Urtei­le vom 12.06.1986 – V R 75/​78, BSt­Bl II 1986, 721; vom 18.12.1984 – VIII R 195/​82, BSt­Bl II 1986, 226; vom 19.02.1987 – IV R 143/​84, BSt­Bl II BSt­Bl 1984 II S.1987, BSt­Bl 1984 II S. 412 []