Kla­ge gegen einen Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid – und der Kla­ge­ge­gen­stand

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung kann ein Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid eine Viel­zahl selb­stän­di­ger und damit auch selb­stän­dig anfecht­ba­rer Fest­stel­lun­gen ent­hal­ten, die eigen­stän­dig in Bestands­kraft erwach­sen und des­halb für die in dem näm­li­chen Bescheid getrof­fe­nen und recht­lich nach­ge­la­ger­ten Fest­stel­lun­gen Bin­dungs­wir­kung ent­fal­ten kön­nen.

Kla­ge gegen einen Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid – und der Kla­ge­ge­gen­stand

Sol­che selb­stän­di­ge Rege­lun­gen (Fest­stel­lun­gen) sind ins­be­son­de­re

  • die Qua­li­fi­ka­ti­on der Ein­künf­te,
  • das Bestehen einer Mit­un­ter­neh­mer­schaft,
  • die Höhe des Gesamt­ge­winns,
  • des lau­fen­den Gewinns (oder Ver­lusts) sowie des­sen Ver­tei­lung auf die Mit­un­ter­neh­mer,
  • das Vor­lie­gen und die Höhe des von einem Mit­un­ter­neh­mer erziel­ten Gewinns aus der Ver­äu­ße­rung sei­nes Mit­un­ter­neh­mer­an­teils oder
  • die Höhe eines Son­der­ge­winns bzw. einer Son­der­ver­gü­tung [1].

Eine Kla­ge gegen einen Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid kann des­halb ver­schie­de­ne Ziel­set­zun­gen haben. Wel­che Besteue­rungs­grund­la­gen der Klä­ger mit sei­ner Kla­ge angreift und damit zum Streit­ge­gen­stand des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens gemacht hat, ist durch Aus­le­gung der Kla­ge­schrift oder der dar­in aus­drück­lich in Bezug genom­me­nen Schrift­stü­cke zu ermit­teln [2].

In der Aus­le­gung pro­zes­sua­ler Wil­lens­er­klä­run­gen, die im erst­in­stanz­li­chen Kla­ge­ver­fah­ren abge­ge­ben wor­den sind, ist das Revi­si­ons­ge­richt frei; es ist inso­weit nicht gemäß § 118 Abs. 2 FGO an die Aus­le­gung durch die Vor­in­stanz gebun­den [3]. Pro­zess­er­klä­run­gen sind wie sons­ti­ge Wil­lens­er­klä­run­gen aus­le­gungs­fä­hig.

Ziel der Aus­le­gung ist es, den wirk­li­chen Wil­len des Erklä­ren­den zu erfor­schen (§ 133 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs). Dabei sind alle dem Finanz­ge­richt und dem Finanz­amt bekann­ten und ver­nünf­ti­ger­wei­se erkenn­ba­ren Umstän­de tat­säch­li­cher und recht­li­cher Art zu berück­sich­ti­gen [4].

Die Aus­le­gung einer Pro­zess­er­klä­rung darf nicht zur Annah­me eines Erklä­rungs­in­halts füh­ren, für den sich in der (ver­kör­per­ten) Erklä­rung selbst kei­ne Anhalts­punk­te mehr fin­den las­sen. Auf die Wort­wahl und die Bezeich­nung kommt es jedoch nicht ent­schei­dend an, son­dern auf den gesam­ten Inhalt der Wil­lens­er­klä­rung [4].

Wird danach nur eine der in einem Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid ent­hal­te­nen selb­stän­di­gen Fest­stel­lun­gen mit der Kla­ge ange­foch­ten, kann wäh­rend der Rechts­hän­gig­keit die­ser Kla­ge der Streit­ge­gen­stand im Wege einer Kla­ge­än­de­rung i.S. des § 67 FGO nur dann auf eine wei­te­re selb­stän­di­ge Fest­stel­lung erstreckt wer­den, wenn die­se Kla­ge­än­de­rung inner­halb der ein­mo­na­ti­gen Kla­ge­frist erfolgt [5].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 16. Juli 2015 – IV B 72/​14

  1. BFH, Urteil vom 06.02.2014 – IV R 19/​10, BFHE 244, 379, BStBl II 2014, 522, m.w.N.[]
  2. BFH, Urteil vom 09.02.2011 – IV R 15/​08, BFHE 233, 290, BStBl II 2011, 764, Rz 15[]
  3. BFH, Urtei­le vom 23.02.2012 – IV R 32/​09, BFH/​NV 2012, 1479; und vom 20.11.2014 – IV R 47/​11, BFHE 248, 144, BStBl II 2015, 532[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 248, 144, BStBl II 2015, 532[][]
  5. BFH, Urteil in BFHE 233, 290, BStBl II 2011, 764[]