Kla­ge­be­fug­nis der insol­ven­ten Per­so­nen­ge­sell­schaft im Gewinn­fest­stel­lungs­ver­fah­ren

Nach § 60 Abs. 3 FGO sind alle Betei­lig­ten not­wen­dig bei­zu­la­den, die i.S. des § 48 FGO kla­ge­be­fugt sind. Aus § 48 Abs. 1 Nr. 1 FGO folgt, dass die KG gesetz­li­che Pro­zess­stand­schaf­te­rin der Gesell­schaf­ter und damit immer kla­ge­be­fugt ist, wes­halb sie grund­sätz­lich bei­zu­la­den ist [1]. Zwar ver­liert der Insol­venz­schuld­ner durch die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über sein Ver­mö­gen sei­ne mate­ri­el­len Befug­nis­se (§ 80 Abs. 1 InsO), womit grund­sätz­lich die Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis auf den Insol­venz­ver­wal­ter über­geht. Dies gilt aber nicht, soweit sich der Pro­zess gegen einen Fest­stel­lungs­be­scheid rich­tet, der aus­schließ­lich den Gesell­schaf­ter und nicht die Per­so­nen­ge­sell­schaft selbst betrifft, denn inso­weit kann das zur Insol­venz­mas­se gehö­ren­de Ver­mö­gen nicht berührt wer­den.

Kla­ge­be­fug­nis der insol­ven­ten Per­so­nen­ge­sell­schaft im Gewinn­fest­stel­lungs­ver­fah­ren

Die Rechts­po­si­ti­on des organ­schaft­li­chen Geschäfts­füh­rers bleibt inso­weit trotz der Insol­venz der Gesell­schaft for­mell unan­ge­tas­tet. Die Per­so­nen­ge­sell­schaft wird für das Fest­stel­lungs­ver­fah­ren als insol­venz­freie Ange­le­gen­heit wei­ter­hin durch die zur Ver­tre­tung beru­fe­nen Geschäfts­füh­rer ver­tre­ten. Der Insol­venz­ver­wal­ter ist inso­weit nicht zum Ver­fah­ren bei­zu­la­den, eine –wie im Streit­fall– den­noch erfolg­te Bei­la­dung bleibt aller­dings wirk­sam, solan­ge sie nicht auf­ge­ho­ben wird [2].

Wird –wie im Streit­fall– bei einer zwei­glied­ri­gen Per­so­nen­ge­sell­schaft ohne einen von den Vor­ga­ben des § 131 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 HGB abwei­chen­den Gesell­schafts­ver­trag das Insol­venz­ver­fah­ren sowohl über das Ver­mö­gen der KG als auch das ihrer geschäfts­füh­ren­den GmbH eröff­net, so schei­det die geschäfts­füh­ren­de und allein voll­haf­ten­de GmbH aus der Per­so­nen­ge­sell­schaft aus (§ 131 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 HGB [3]). Durch das Aus­schei­den des vor­letz­ten Gesell­schaf­ters wird die Per­so­nen­ge­sell­schaft ohne Liqui­da­ti­on voll­be­en­det [4]. Eine voll­be­en­de­te Per­so­nen­ge­sell­schaft kann nicht Betei­lig­te eines finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens zur geson­der­ten und ein­heit­li­chen Fest­stel­lung der Ein­künf­te sein, denn sie ist dann nicht mehr i.S. des § 48 Abs. 1 Nr. 1 FGO als Pro­zess­stand­schaf­te­rin für die Gesell­schaf­ter pro­zess­füh­rungs­be­fugt. Des­halb kann sie auch nicht mehr not­wen­dig bei­ge­la­den wer­den [5].

Die Voll­be­en­di­gung der KG im Streit­fall hat zur Fol­ge, dass grund­sätz­lich alle gemäß § 48 Abs. 1 Nr. 3 FGO kla­ge­be­fug­ten ehe­ma­li­gen Gesell­schaf­ter, die nicht selbst Kla­ge erho­ben haben, bei­zu­la­den sind, soweit sie vom Aus­gang des Rechts­streits i.S. des § 40 Abs. 2 FGO selbst betrof­fen sind [6]. Eine not­wen­di­ge Bei­la­dung der nicht kla­gen­den ehe­ma­li­gen Gesell­schaf­ter (Fest­stel­lungs­be­tei­lig­ten) ist aller­dings –wie im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren in der Per­son der H‑GmbH oder der insol­venz­be­dingt aus­ge­schie­de­nen W‑GmbH– nicht gebo­ten, wenn sie steu­er­recht­lich unter kei­nem denk­ba­ren Gesichts­punkt betrof­fen sein kön­nen [7].

  1. BFH, Urteil vom 21.05.1992 – IV R 47/​90, BFHE 168, 217, BStBl II 1992, 865[]
  2. vgl. Gräber/​Levedag, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 60 Rz 154[]
  3. vgl. etwa OLG Hamm, Urteil vom 30.03.2007 – 30 U 13/​06, ZIP 2007, 1233[]
  4. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 18.09.1980 – V R 175/​74, BFHE 132, 348, BStBl II 1981, 293; vom 09.02.2011 – IV R 37/​08, BFH/​NV 2011, 1120; BFH, Beschluss vom 05.01.2010 – IV R 43/​07, BFH/​NV 2010, 1104[]
  5. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 22.09.2011 – IV R 42/​09, BFH/​NV 2012, 236, m.w.N.[]
  6. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 10.02.1988 – VIII R 352/​82, BFHE 152, 414, BStBl II 1988, 544; vom 25.06.1992 – IV R 87/​90, BFH/​NV 1993, 457[]
  7. vgl. z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 152, 414, BStBl II 1988, 544, und in BFH/​NV 2011, 1120[]