Nach­for­de­rung von Bau­ab­zug­steu­er – per Haf­tungs­be­scheid oder Steu­er­be­scheid?

Ist der Bau­herr als Leis­tungs­emp­fän­ger ver­pflich­tet, die Bau­ab­zug­steu­er ein­zu­be­hal­ten, anzu­mel­den und für Rech­nung des Leis­ten­den an das Finanz­amt abzu­füh­ren (§ 48 Abs. 1 Satz 1 EStG i.V.m. § 48a Abs. 1 EStG), han­delt es sich um eine sog. Ent­rich­tungs­schuld i.S. des § 43 Satz 2 AO [1]; Schuld­ner der Bau­ab­zug­steu­er ist der Leis­ten­de.

Nach­for­de­rung von Bau­ab­zug­steu­er – per Haf­tungs­be­scheid oder Steu­er­be­scheid?

Soweit bei der Bau­ab­zug­steu­er kei­ne Beson­der­hei­ten zu beach­ten sind, kann des­halb auf die­je­ni­gen Grund­sät­ze zurück­ge­grif­fen wer­den, wel­che die Recht­spre­chung für ande­re Entrichtungsschulden(z.B. Kapi­tal­ertrag­steu­er gemäß §§ 43 ff. EStG oder Steu­er­ab­zug gemäß § 50a EStG) ent­wi­ckelt hat.

Hier­zu gehört, dass § 167 Abs. 1 Satz 1 AO nach stän­di­ger Recht­spre­chung ein Wahl­recht der Finanz­be­hör­de begrün­det, den Ent­rich­tungs­schuld­ner ent­we­der durch Haf­tungs­be­scheid i.S. des § 191 Abs. 1 Satz 1 AO oder durch Steu­er­be­scheid i.S. des § 155 Abs. 1 Satz 1 AO (Nach­for­de­rungs­be­scheid) in Anspruch zu neh­men, wenn er ‑wie im Streit­fall- sei­ne Anmel­de­pflicht nicht erfüllt und die Steu­er weder ein­be­hal­ten noch abge­führt hat [2]. Die Wahl des Ver­fah­rens muss nicht begrün­det wer­den [3].

Um zu ver­mei­den, dass es durch die Wahl des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens zu einer „Ein­griffs­ver­schär­fung“ gegen­über dem Ent­rich­tungs­schuld­ner kommt, ist aller­dings der mate­ri­ell-recht­li­che Kern der Nach­for­de­rung zu beach­ten: Der Erlass eines Nach­for­de­rungs­be­scheids ändert nichts dar­an, dass es sich mate­ri­ell-recht­lich um die Gel­tend­ma­chung eines Haf­tungs­an­spruchs han­delt. Die Steu­er­fest­set­zung gemäß § 167 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 155 Abs. 1 Satz 1 AO erfasst damit den­je­ni­gen, der die Steu­er als Ent­rich­tungs­steu­er­schuld­ner nicht ange­mel­det hat, gera­de in sei­ner Funk­ti­on als Haf­tungs­schuld­ner. Dies hat zur Fol­ge, dass die tat­be­stand­li­chen Erfor­der­nis­se der jewei­li­gen Haf­tungs­norm auch dann zu beach­ten sind, wenn kein Haf­tungs­be­scheid, son­dern ein Nach­for­de­rungs­be­scheid erlas­sen wird [4].

Die Haf­tungs­norm des § 48a Abs. 3 EStG setzt grund­sätz­lich kein Ver­schul­den des Leis­tungs­emp­fän­gers vor­aus, das bei Erlass der Nach­for­de­rungs­be­schei­de zu berück­sich­ti­gen gewe­sen wäre [5]. Ein Aus­schluss der Haf­tung gemäß § 48a Abs. 3 Satz 2 und 3 EStG kommt im Streit­fall schon wegen feh­len­der Vor­la­ge einer Frei­stel­lungs­be­schei­ni­gung i.S. des § 48b EStG nicht in Betracht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 7. Novem­ber 2019 – I R 46/​17

  1. Schmidt/​Loschelder, EStG, 38. Aufl., § 48 Rz 1, m.w.N.[]
  2. grund­le­gend zur Kapi­tal­ertrag­steu­er: BFH, Urteil vom 13.09.2000 – I R 61/​99, BFHE 193, 286, BStBl II 2001, 67; zuletzt BFH, Urteil vom 19.12.2012 – I R 81/​11, BFH/​NV 2013, 698, und BFH, Urteil vom 21.09.2017 – VIII R 59/​14, BFHE 259, 411, BStBl II 2018, 163, jeweils m.w.N.[]
  3. BFH, Urteil in BFH/​NV 2013, 698, m.w.N.[]
  4. grund­le­gend zur Kapi­tal­ertrag­steu­er wie­der­um: BFH, Urteil in BFHE 193, 286, BStBl II 2001, 67; zuletzt BFH, Urteil in BFHE 259, 411, BStBl II 2018, 163, jeweils m.w.N.[]
  5. zur Anwen­dung der Exkul­pa­ti­ons­mög­lich­keit des Steu­er­pflich­ti­gen gemäß § 44 Abs. 5 Satz 1 letz­ter Halb­satz EStG auf die Nach­for­de­rung von Kapi­tal­ertrag­steu­er: vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 193, 286, BStBl II 2001, 67; und vom 20.08.2008 – I R 29/​07, BFHE 222, 500, BStBl II 2010, 142[]