Nach­weis der Stamm­ein­la­gen-Zah­lung

Der Nach­weis der Ein­zah­lung einer Stamm­ein­la­ge im Hin­blick auf dar­aus resul­tie­ren­de Anschaf­fungs­kos­ten im Sin­ne von § 17 Abs. 2 EStG muss nach 20 Jah­ren seit Ein­tra­gung der GmbH nicht zwin­gend allein durch den ent­spre­chen­den Zah­lungs­be­leg geführt wer­den. Viel­mehr sind alle Indi­zi­en im Rah­men einer Gesamt­wür­di­gung zu prü­fen.

Nach­weis der Stamm­ein­la­gen-Zah­lung

Die Klä­ge­rin des hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall swar wesent­lich im Sin­ne von § 17 Abs. 1 EStG an der GmbH betei­ligt. Im Rah­men der Berech­nung des dar­aus resul­tie­ren­den Auf­lö­sungs­ver­lusts (§ 17 Abs. 4 EStG) führt die Ein­zah­lung einer Stamm­ein­la­ge zu Anschaf­fungs­kos­ten der Betei­li­gung i.S. von § 17 Abs. 2 EStG, § 255 Abs. 1 des Han­dels­ge­setz­buchs. Die Tat­sa­chen- und Beweis­wür­di­gung des Finanz­ge­richts trägt jedoch des­sen Beweis­last­ent­schei­dung hin­sicht­lich der Ein­zah­lung der Stamm­ein­la­ge sei­tens der Klä­ge­rin nicht.

Die Tat­be­stands­mä­ßig­keit der Besteue­rung (Art. 20 Abs. 3 GG, § 3 Abs. 1 AO) erfor­dert grund­sätz­lich die rea­le Fest­stel­lung des Vor­lie­gens der gesetz­li­chen Merk­ma­le der jewei­li­gen Steu­er­norm. Dem tra­gen der Unter­su­chungs­grund­satz (§ 76 Abs. 1 FGO) sowie § 96 Abs. 1 1. Halb­satz FGO Rech­nung; das Finanz­ge­richt hat aus dem Gesamt­ergeb­nis des Ver­fah­rens die vol­le rich­ter­li­che Über­zeu­gung vom Vor­lie­gen bzw. Nicht­vor­lie­gen der tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des jewei­li­gen Besteue­rungs­tat­be­stan­des zu gewin­nen 1.

Ist dabei eine unmit­tel­ba­re Beweis­füh­rung nicht mög­lich, sind also kei­ne Beweis­mit­tel vor­han­den, aus denen sich direkt das Vor­lie­gen einer beweis­be­dürf­ti­gen Tat­sa­che ergibt, so hat das Finanz­ge­richt ggf. vor­han­de­ne Hilfs­tat­sa­chen (Indi­zi­en) zu wür­di­gen, die mit­tel­bar –auch über Erfah­rungs­sät­ze– einen Schluss auf eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che Haupt­tat­sa­che ermög­li­chen 2.

Dabei deu­ten ein­zel­ne Indi­zi­en ledig­lich mit mehr oder weni­ger hoher bzw. schwa­cher Wahr­schein­lich­keit auf einen bestimm­ten Gesche­hens­ab­lauf hin, sodass sie immer nur Teil einer umfas­sen­den Beweis­wür­di­gung sein kön­nen. Das Finanz­ge­richt erlangt beim Indi­zi­en­be­weis erst durch die Gesamt­wür­di­gung 3 meh­re­rer, für sich allein genom­men nicht aus­rei­chen­der Beweis­an­zei­chen sei­ne vol­le Über­zeu­gung vom Nicht-Vor­lie­gen der tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eines Merk­mals des Besteue­rungs­tat­be­stands 4.

Der revi­si­ons­recht­li­chen Kon­trol­le (§ 118 Abs. 2 FGO) hält eine dar­auf beru­hen­de Ent­schei­dung des Finanz­ge­richts stand, wenn des­sen Schluss mög­lich bzw. ver­tret­bar ist, das heißt das Finanz­ge­richt im Rah­men frei­er Beweis­wür­di­gung zu einer ver­fah­rens­feh­ler­frei­en Gesamt­wür­di­gung gelangt, die weder Denk­ge­set­ze noch Erfah­rungs­sät­ze ver­letzt und auch kei­nen Ver­stoß gegen das Will­kür­ver­bot 5 oder sons­ti­ges Ver­fas­sungs­recht ent­hält 6.

Allein der Umstand, dass ein unmit­tel­ba­res Beweis­mit­tel aus dem Bereich des Steu­er­pflich­ti­gen nicht zur Ver­fü­gung steht, ent­bin­det das Finanz­ge­richt nicht vom Unter­su­chungs­grund­satz und von einer Gesamt­wür­di­gung aller vor­han­de­nen Indi­zi­en.

Ledig­lich in Fäl­len, in denen die Pro­zess­be­tei­lig­ten schuld­haft die ihnen oblie­gen­den Mitwirkungs‑, Infor­ma­ti­ons- und Nach­weis­pflich­ten ver­let­zen, kann dies im Ergeb­nis zu einer Beweis­maß­re­du­zie­rung 7 füh­ren. Jen­seits des­sen kann die Mit­ver­ant­wor­tung der Betei­lig­ten für die Sach­ver­halts­auf­klä­rung die Ermitt­lungs­pflicht des Finanz­ge­richts begren­zen und ggf. Schluss­fol­ge­run­gen zum Nach­teil des Ver­ant­wort­li­chen recht­fer­ti­gen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. Febru­ar 2011 – IX R 44/​10

  1. vgl. nur Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 96 FGO Rz 2, 65[]
  2. Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 96 FGO Rz 35[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 09.07.2002 – IX R 99/​00, BFH/​NV 2002, 1563; Spind­ler, Steu­er­be­ra­ter-Jahr­buch 2002/​2003, 61, 63[]
  4. Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 96 FGO Rz 36[]
  5. Art. 3 Abs. 1 GG[]
  6. Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 118 FGO Rz 64, 87; BFH, Urtei­le vom 18.04.2000 VIII R 74/​96, BFH/​NV 2001, 152; in BFH/​NV 2002, 1563, unter II.01.c[]
  7. BFH, Beschluss vom 07.05.2004 IV B 221/​02, BFH/​NV 2004, 1367[]