Pri­vat­nut­zung eines Geschäfts­fahr­zeugs – und der untaug­li­che Zeu­gen­be­weis

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat bereits in sei­nem Urteil vom 13.02.2003 1 aus­ge­führt, dass bestimm­te Arten von Kfz, nament­lich PKW und Kraft­rä­der, typi­scher­wei­se nicht nur ver­ein­zelt und gele­gent­lich für pri­va­te Zwe­cke genutzt wer­den, wäh­rend die­ser Erfah­rungs­satz sich auf LKW und Zug­ma­schi­nen grund­sätz­lich nicht anwen­den las­se.

Pri­vat­nut­zung eines Geschäfts­fahr­zeugs – und der untaug­li­che Zeu­gen­be­weis

Damit hat er eine all­ge­mei­ne Aus­sa­ge dahin getrof­fen, dass aty­pi­sche Sach­ver­hal­te aus dem Anwen­dungs­be­reich des § 6 Abs. 1 Nr. 4 Satz 2 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes her­aus­zu­neh­men sind 2.

Nach § 76 Abs. 1 Satz 1 FGO erforscht das Gericht den Sach­ver­halt von Amts wegen. Das Gericht ist dabei an das Vor­brin­gen und an die Beweis­an­trä­ge der Betei­lig­ten nicht gebun­den (§ 76 Abs. 1 Satz 5 FGO). Das gilt aber nur in dem Sin­ne, dass das Finanz­ge­richt von sich aus auch Bewei­se erhe­ben kann, die von den Par­tei­en nicht ange­bo­ten sind 3. Von den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten ange­bo­te­ne Bewei­se muss das Finanz­ge­richt grund­sätz­lich erhe­ben, wenn es einen Ver­fah­rens­man­gel ver­mei­den will 4. Auf die bean­trag­te Beweis­erhe­bung kann es im Regel­fall nur ver­zich­ten, wenn das Beweis­mit­tel für die zu tref­fen­de Ent­schei­dung uner­heb­lich ist, wenn die in Fra­ge ste­hen­de Tat­sa­che zuguns­ten des Beweis­füh­ren­den als wahr unter­stellt wer­den kann, wenn das Beweis­mit­tel uner­reich­bar ist oder wenn das Beweis­mit­tel unzu­läs­sig oder abso­lut untaug­lich ist 5. Fer­ner ist das Finanz­ge­richt nicht ver­pflich­tet, unsub­stan­ti­ier­ten Beweis­an­trä­gen nach­zu­ge­hen 6.

In wel­chem Maße eine sol­che Sub­stan­ti­ie­rung zu for­dern ist, hängt von der im Ein­zel­fall bestehen­den Mit­wir­kungs­pflicht des Betei­lig­ten ab. Dabei ste­hen der zumut­ba­re Inhalt und die Inten­si­tät der rich­ter­li­chen Ermitt­lun­gen not­wen­di­ger­wei­se im Zusam­men­hang mit dem Vor­brin­gen der Betei­lig­ten, die gemäß § 76 Abs. 1 Sät­ze 2 und 3 FGO eine Pflicht zur För­de­rung des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens haben. Zu berück­sich­ti­gen ist des­halb auch, ob die Tat­sa­chen, über die Beweis erho­ben wer­den soll, dem Wis­sens- und Ein­fluss­be­reich des Betei­lig­ten (Beweis­füh­rers) zuzu­rech­nen sind, der die Ver­let­zung der Sach­auf­klä­rungs­pflicht rügt 7.

Eine Ver­let­zung der Sach­auf­klä­rungs­pflicht durch Nicht­er­he­bung ange­bo­te­ner Bewei­se wür­de u.a. vor­aus­set­zen, dass das Finanz­ge­richt die bean­trag­te Beweis­erhe­bung auch auf der Grund­la­ge sei­ner eige­nen mate­ri­ell-recht­li­chen Auf­fas­sung hät­te durch­füh­ren müs­sen. Ob die mate­ri­ell-recht­li­che Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt zutref­fend ist, ist im Rah­men der Prü­fung ent­spre­chen­der Ver­fah­rens­rügen ohne Belang 8.

Soweit die Klä­ge­rin im vor­lie­gen­den Fall die Zeu­gen­ver­neh­mung ihres Lebens­ge­fähr­ten begehr­te, muss­te das Finanz­ge­richt dem nicht fol­gen.

Viel­mehr hat es ‑aus Sicht des Bun­des­fi­nanz­hofs zutref­fend- nach sei­ner Ansicht das Beweis­mit­tel als abso­lut untaug­lich ange­se­hen. Schließ­lich kann ein Zeu­ge nicht zum Nach­weis der (voll­stän­di­gen) Pri­vat­nut­zung eines PKW's benannt wer­den. Es ist näm­lich nicht sicher­ge­stellt, dass er stets und immer Kennt­nis über die Art der Nut­zung die­ses PKW's hat. Er kann (ledig­lich) bezeu­gen, dass ein PKW nach sei­ner Ein­schät­zung und sei­nem Kennt­nis­stand (eigent­lich) pri­vat nicht genutzt wor­den ist – mehr nicht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 1. Dezem­ber 2015 – X B 29/​15

  1. BFH, Urteil vom 113.02.2003 – X R 23/​01, BFHE 201, 499, BSt­Bl II 2003, 472, dort unter II. 1.d[]
  2. so bereits BFH, Beschluss vom 18.04.2013 – X B 18/​12, BFH/​NV 2013, 1401, unter II. 1.a[]
  3. u.a. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2013, 561; und vom 01.02.2007 – VI B 118/​04, BFHE 216, 409, BSt­Bl II 2007, 538[]
  4. vgl. auch BFH, Beschluss vom 21.12 2005 – I B 249/​04, BFH/​NV 2006, 780[]
  5. stän­di­ge Recht­spre­chung; z.B. BFH, Urteil vom 16.11.2005 – VI R 71/​99, BFH/​NV 2006, 753, m.w.N.[]
  6. z.B. BFH, Beschluss vom 16.05.2013 – X B 131/​12, BFH/​NV 2013, 1260, m.w.N.[]
  7. vgl. zu allem BFH, Beschluss in BFH/​NV 2013, 561, m.w.N.[]
  8. BFH, Beschluss vom 18.01.2011 – X B 34/​10, BFH/​NV 2011, 813, unter 1.b, m.w.N.[]