Rück­stel­lung wegen Erfül­lungs­rück­stand des Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters

Nach § 5 Abs. 1 EStG i.V.m. § 249 Abs. 1 Satz 1 HGB sind für unge­wis­se Ver­bind­lich­kei­ten Rück­stel­lun­gen zu bil­den.

Rück­stel­lung wegen Erfül­lungs­rück­stand des Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters

Zwar dür­fen Ansprü­che und Ver­bind­lich­kei­ten aus einem schwe­ben­den Geschäft in der Bilanz grund­sätz­lich nicht aus­ge­wie­sen wer­den. Ein Bilanz­aus­weis ist u.a. aber dann gebo­ten, wenn das Gleich­ge­wicht der Ver­trags­be­zie­hun­gen durch Vor­leis­tun­gen oder Erfül­lungs­rück­stän­de eines Ver­trags­part­ners gestört ist [1].

Es ent­spricht gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs, dass eine Rück­stel­lung wegen Erfül­lungs­rück­stands zu bil­den ist, wenn ein Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter die Abschluss­pro­vi­si­on nicht nur für die Ver­mitt­lung der Ver­si­che­rung, son­dern auch für die wei­te­re Betreu­ung des Ver­si­che­rungs­ver­trags erhält. Ein Erfül­lungs­rück­stand setzt hier­nach vor­aus, dass der Steu­er­pflich­ti­ge zur Betreu­ung der Ver­si­che­run­gen recht­lich ver­pflich­tet ist. Leis­tun­gen, die ohne Rechts­pflicht erbracht wer­den, sind für die Bemes­sung der Rück­stel­lung irrele­vant [2].

Eine gesetz­li­che Ver­pflich­tung zur Kun­den­be­treu­ung für einen Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter nach § 86 i.V.m. § 92 HGB besteht nicht [3]. Auch aus § 34d der Gewer­be­ord­nung ergibt sich kei­ne der­ar­ti­ge Ver­pflich­tung; die Vor­schrift regelt eine berufs­recht­li­che Erlaub­nis­pflicht und kei­ne nach­lau­fen­de Betreu­ungs­pflicht [4].

Nach die­sen Grund­sät­zen kann eine Rück­stel­lung für Erfül­lungs­rück­stand nicht gebil­det wer­den, wenn der Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter auch ver­trag­lich nicht zur Nach­be­treu­ung der von ihm ver­mit­tel­ten Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trä­ge ver­pflich­tet war.

Im Rah­men der Ver­trags­frei­heit kön­nen zwar ver­trag­li­che Zusatz­pflich­ten eines Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters ver­ein­bart wer­den, so z.B. Pflich­ten zur all­ge­mei­nen Markt, Bestands- und Kun­den­pfle­ge, genau­so wie einem Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter ver­bind­li­che Vor­ga­ben für Kun­den­be­su­che in bestimm­ten Zeit­ab­stän­den gemacht wer­den kön­nen. Es bedarf dann einer ent­spre­chen­den inhalt­lich ein­deu­ti­gen Ver­ein­ba­rung [5].

Die For­mu­lie­rung in den all­ge­mei­nen Ver­trags­be­stim­mun­gen "Um die bestehen­den Ver­si­che­run­gen zu erhal­ten, pflegt der Ver­tre­ter im Rah­men sei­ner Mög­lich­kei­ten lau­fend Kon­takt mit den Ver­si­che­rungs­neh­mern, berät sie aus eige­ner Initia­ti­ve oder auf deren Wunsch. Ziel ist es dabei immer, dass der Kun­de umfas­send ver­si­chert ist und bleibt", ist kei­ne inhalt­lich ein­deu­ti­ge Indi­vi­du­al­ver­ein­ba­rung, aus der sich eine Betreu­ungs­pflicht ergibt. Sie ist zu all­ge­mein gehal­ten, um dar­aus kon­kre­te Ver­pflich­tun­gen zu bestimm­ten Nach­be­treu­ungs­leis­tun­gen ablei­ten zu kön­nen. Nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs in sei­nem Urteil in BFHE 234, 239, BStBl II 2012, 856 deu­tet die­se Ver­trags­klau­sel sogar eher dar­auf hin, die lau­fen­de Kon­takt­auf­nah­me sol­le dem Abschluss wei­te­rer Ver­trä­ge die­nen. Die For­mu­lie­rung "im Rah­men sei­ner Mög­lich­kei­ten" spricht zudem ein­deu­tig gegen eine recht­li­che Ver­pflich­tung des Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters zur Nach­be­treu­ung.

Ob die Zen­tra­le der Ver­si­che­rung zur Nach­be­treu­ung in der Lage ist oder nicht, kann offen blei­ben. Auf­grund der gesetz­li­chen Bestim­mun­gen ist jeden­falls die­se zur Betreu­ung der Ver­si­che­rungs­neh­mer ver­pflich­tet und hat dies vor­lie­gend ver­trag­lich nicht auf den Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter über­tra­gen. Dass sich eine Wei­ge­rung des Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters, die Ver­si­che­rungs­neh­mer nach Ver­trags­schluss wei­ter zu bera­ten, nicht güns­tig auf sei­ne Geschäfts­be­zie­hun­gen sowohl zur Ver­si­che­rung als auch zum Ver­si­che­rungs­neh­mer aus­wir­ken wür­de, steht außer Fra­ge. Den­noch ist die Nach­be­treu­ung der Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge höchs­tens eine Oblie­gen­heit im eige­nen Inter­es­se des Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters, jedoch kei­ne Rechts­pflicht. Eine Wei­ge­rung des Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters, Ver­si­che­rungs­neh­mer zu Alt­ver­trä­gen zu bera­ten, berech­tigt die Ver­si­che­rung nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht zur Kün­di­gung.

Ergän­zend weist der Bun­des­fi­nanz­hof dar­auf hin, dass eine Rück­stel­lung für einen Erfül­lungs­rück­stand hin­sicht­lich des vom Vor­gän­ger über­nom­me­nen Ver­si­che­rungs­be­stands nur dann gebil­det wer­den kann, wenn die recht­li­che Ver­pflich­tung zur Pfle­ge die­ses Bestan­des auf ihn über­ge­gan­gen und wirt­schaft­lich noch nicht voll­stän­dig erfüllt wor­den ist [6].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 9. Juni 2015 – X R 27/​13

  1. vgl. BFH, Beschluss vom 23.06.1997 – GrS 2/​93, BFHE 183, 199, BStBl II 1997, 735, m.w.N.[]
  2. BFH, Urteil vom 27.02.2014 – III R 14/​11, BFHE 246, 45, BStBl II 2014, 675, m.w.N.[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 246, 45, BStBl II 2014, 675[]
  4. BFH, Urteil vom 16.09.2014 – X R 38/​13, BFH/​NV 2015, 195[]
  5. BFH, Urteil in BFH/​NV 2010, 860[]
  6. BFH, Urteil vom 19.07.2011 – X R 48/​08, BFH/​NV 2011, 2032[]